"Meine Tochter Karin hat sich mit vier Jahren in den Parsifal verliebt" - Interview mit dem Weltklassedirigenten Kent Nagano

Interview Kent Nagano,  Elbphilharmonie, Laeiszhalle, Hamburg

Kent Nagano, geboren am 22. November 1951 in Berkeley im US-Bundesstaat Kalifornien, ist seit der Spielzeit 2015/2016 Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Gleichzeitig ist er Music Director des Orchestre symphonique de Montréal. Der Weltklasse-Dirigent mit japanischen Wurzeln spricht im Interview mit klassik-begeistert.de über seine Kindheit auf einer Farm sowie seine grenzenlose Liebe zur Musik und erklärt, wie sich seine Tochter Karin mit vier Jahren in die Wagner-Oper „Parsifal“ verliebte.

Der zweite Teil des Interviews erscheint demnächst in diesem Blog. Darin erklärt Nagano, wie er sein Orchester an die Weltspitze heranführen will und wie er Stars in Hamburg formen möchte.

klassik-begeistert.de: Herr Nagano, Sie sind in Morro Bay im US-Bundesstaat Kalifornien groß geworden. Ihr Vater George Kimiyoshi war Architekt und Mathematiker, Ihre Mutter Ruth Okamoto Mikrobiologin und eine gute Pianistin. Wenn Sie heute, 65 Jahre später geboren wären, würden Sie dann immer noch so musikalisch aufwachsen und schließlich die Karriere als Dirigent einschlagen?

Kent Nagano: Es ist immer schwer zu sagen: „Was wäre wenn“… Man weiß nie. Die meisten Kinder haben keine Wahl. Die Lebensumstände kann sich kein Kind aussuchen, die sind gegeben. Aber es ist immer spannend, was jemand mit seiner Situation macht. Was mich betrifft, kann ich sagen, dass wir einfach viel Glück gehabt haben: meine Schwester, meine Familie und ich. Nur zufällig waren unsere Eltern keine normalen, typischen Bauern. Mein Vater hat eine sehr, sehr gründliche Ausbildung in Mathematik und Architektur genossen, meine Mutter in Mikrobiologie und Klavier. Sie haben ja beide an der University of California in Berkeley studiert. Das Klavier hat in der Tat einen sehr großen Teil unserer Kindheit ausgemacht – das war wirklich sehr ungewöhnlich.

Wie wichtig war Ihre Mutter für Ihre musikalische Erziehung? Was haben Sie ihr zu verdanken?

Nagano: Ich habe ihr zu verdanken, dass sie uns die Liebe zum Klavier vermittelt hat. Sie hat meiner Schwester und mir mit Disziplin das Klavierspielen beigebracht, auch weil sie spürte, das sei ein Teil einer allgemeinen Ausbildung, kultiviert zu sein. Sie war ja mit dieser Idee nicht allein, das ist keine fremde Idee. Leider spielen die Kinder heute nicht mehr so oft ein Instrument wie früher in den 1950er und 1960er Jahren. In Morro Bay lebten viele Europäer, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Kalifornien gekommen waren. Die brachten ihre europäische klassische Kultur mit. Diese Kultur lag damals in der Luft, auch im kleinen Morro Bay.

Wären Sie ohne Ihre Mutter wohl Dirigent geworden?

Nagano: Das wäre wohl schwieriger gewesen. Ich habe die Liebe zur Musik schon als kleiner Junge inhaliert. Und das war nicht nur das Klavier. Meine Mutter war auch sehr verbunden mit der Kirche, dort war Musik sehr stark vertreten.

In Ihrer Familie gab es also eine sehr große Liebe für klassische Musik …

Nagano: … ja, und das hatte auch merkwürdige Gründe. Wenn man auf einer Farm aufwächst wie ich, gibt es dort nicht gerade viel Unterhaltung…. (lacht laut). Im 19. Jahrhundert war es ja noch ganz normal gewesen, selbst für Unterhaltung mit klassischer Musik zu sorgen: auch wir haben zu Hause Kammermusik gemacht, wir haben mit der Familie Choräle gesungen. Sie müssen wissen, dass wir fast keinen Fernsehempfang hatten, und so bin ich wirklich fast ohne Fernsehen, Radio und Stereoanlage groß geworden.

Dann haben Ihre Eltern Sie sehr früh zu einem großen Musikpädagogen gebracht …

Nagano: … als ich in die Elementary School eingeschult wurde, besuchte ich vor und nach dem Unterricht eine integrierte Musikschule. Unterrichtet wurde ich in Klavier und Klarinette von dem Georgier Wachtang Korisheli. Er war studierter Philosoph und Hobbymaler, der manchmal auch Grundkurse in Kunstgeschichte oder Philosophie für uns Kinder gab. Mit dem Lernen und Üben konnten Schule und Musik bis zu 12 Stunden in Anspruch nehmen.

Was hat Wachtang Korisheli Ihnen vor allem mit auf den Weg gegeben?

Nagano: Die Basis einer professionellen Ausbildung. Seine musikalische Ausbildung basierte auf dem System der Münchner Musikhochschule und auf dem System des Moskauer Konservatoriums, wo er studiert hatte. Das war schon sehr ungewöhnlich damals in Amerika: Ich genoss schon als Junge eine anstrengende Ausbildung ohne Kompromisse. Aber noch wichtiger war die Art und Weise, wie Korisheli Musik unterrichtet hat – in ganz vielen profunden Dimensionen. Dabei konnten wir als Kinder aus der kleinen Welt von Morro Bay im wahrsten Sinne des Wortes flüchten und in eine Parallelwelt eintauchen.

Musik war ihre „Parallelwelt“?

Nagano: Ja, das trifft es genau. Mit klassischer Musik konnte ich die Welt außerhalb meines kleinen Dorfes sehen und fühlen.

Ihre Tochter Karin ist 18 Jahre alt. Welchen Weg wird sie einschlagen?

Nagano: Karin studiert jetzt im ersten Semester an der Yale University im US-Bundesstaat Connecticut. Sie hat sich für Yale statt für ein reines Musikkonservatorium entschieden, weil ihre Interessen sehr breit angelegt sind – darüber sind meine Frau Mari Kodama und ich sehr glücklich. Zur Zeit macht Karin ein Studium generale, natürlich auch mit Musik. Vielleicht wird sie einmal Medizin studieren ,“on verra“ – „man wird sehen“, wie der Franzose sagt.

Ihre Tochter spielt Klavier und Viola– sie ist musikalisch äußerst begabt. Könnte sie auch noch den Weg als Musikerin einschlagen?

Nagano: Da bin ich mir nicht sicher. Meine Frau und ich lassen sie entscheiden. Wenn Du professioneller Musiker werden willst, brauchst Du vor allem eines: Leidenschaft und grenzenlose Begeisterung. Du musst die Musik wirklich lieben. Das spürt jeder Musiker selbst, ob diese Liebe da ist oder nicht.

Ihre Tochter kam ja schon sehr früh mit Klassik in Berührung …

Nagano: Das stimmt. Sie hat schon mit vier Jahren in Berlin die Oper „Parsifal“ von Richard Wagner gehört. Und sie hat dieses Bühnenweihfestspiel, das ja viereinhalb Stunden ohne Pausen dauert, geliebt (lacht). Sie hat auch jede Probe gehört: alle Orchesterproben, alle Einzelproben, jede Sitzprobe, jede szenische Probe – wirklich alles! Ja, sie hat sich wirklich in diese Oper verliebt. Mit dreieinhalb Jahren war sie schon verrückt nach „Lohengrin“ von Richard Wagner.

Die meisten Menschen denken, dass es unmöglich sei, einem Kind mit vier oder fünf Jahren eine Wagner-Oper näher zu bringen …

Nagano: Das hängt natürlich stark vom Kind ab. Aber ich halte es für gefährlich und traurig, die Fähigkeiten von Kindern zu unterschätzen, besonders in diesem Alter, in dem sie so offen sind und Dinge förmlich aufsaugen. Wenn wir als Erwachsene für das Kind entscheiden, Wagner sei mit fünf Jahren nicht möglich, wirkt das wie eine Bremse, wie eine Limitierung. Es ist sehr traurig ein Kind in dem zu begrenzen, was es tun kann. Wir haben Karin nicht gezwungen, mit zu „Lohengrin“ zu kommen. Sie wollte hören, was Papa macht.

Und was haben Sie vor allem Ihrem Vater zu verdanken?

Nagano: Von seinem Beruf als Architekt lernte ich die Grundkenntnisse von Ingenieurwesen und Kunstgeschichte, aber auch Struktur, Form, Balance, Design und die grundsätzliche Haltung, nach ästhetischen Idealen ohne Kompromisse zu streben. Von ihm als Farmer lernte ich eine tiefgehende und innige Beziehung zu Natur, Wildnis und Ökologie, außerdem bekam ich Einblicke ins Tischlerhandwerk.

Sie sind Music Director des Orchestre symphonique de Montréal, bei dem Sie den Vertrag bis zum Jahr 2020 verlängert haben. Und seit der Spielzeit 2015/2016 sind Sie Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Wie viele Tage im Jahr verbringen Sie in Hamburg?

Nagano: Fünfeinhalb Monate.

Wo haben Sie den Jahreswechsel verbracht?

Nagano: Auch in Hamburg – mit Frau und Tochter. Ich habe ja in der Laeiszhalle am Silvestervormittag das Silvesterkonzert der Philharmoniker in der ausverkauften Laeiszhalle dirigiert. Am Neujahrstag haben wir dann unsere Großfamilie in Paris getroffen. Paris und San Francisco sind unsere Haupttreffpunkte – dort haben wir zwei Wohnsitze.

Paris und San Francisco sind nicht die schlechtesten Orte zum Leben…

Nagano: Yes. (Lacht laut.) Aber wir lieben Hamburg. Hamburg ist eine wundervolle Stadt mit einer großen Kultur.

Wo leben Sie in der Hansestadt?

Nagano: In einem Residenzhotel in der Nähe des Hauptbahnhofs. Mit eigener Küche, das ist mir wichtig. Fünfeinhalb Monate in einem klassischen Hotel zu leben, empfinde ich nicht als angenehm.

Herr Nagano, herzlichen Dank für diesen ersten Teil des Interviews. Teil 2 erscheint demnächst auf klassik-begeistert.de .

Andreas Schmidt, 1. Januar 2017
klassik-begeistert.de

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