Orpheus bleibt für immer schuldig!  

Jacques Offenbach, Orpheus in der Unterwelt,  Opernloft im Alten Fährterminal Altona, 19. November 2021 (PREMIERE)

Diese Produktion von „Orpheus in der Unterwelt“ ist auf jeden Fall sehens- und hörenswert.

Foto: Lisa Ziehm, Copyright: Inken Rahardt

Opernloft im Alten Fährterminal Altona, 19. November 2021 (PREMIERE)

Jacques Offenbach, „Orpheus in der Unterwelt“ 

von Jolanta Łada-Zielke

Heute sind die Menschen gegenüber Scheidungen toleranter als zur Offenbach Zeit, zumindest im Westeuropa. Allerdings, wenn Orpheus und Eurydike Berühmtheiten wären, stünden sie mehr unter dem gesellschaftlichen Druck. In der Inszenierung von Kerstin Steeb wird die Öffentliche Meinung von Zuschauern unterstützt, die durch Scannen der auf den Tischplatten angebrachten QR-Codes abstimmen. Das Publikum soll unter anderem beurteilen, ob der von Eurydike hinterlassene Brief auf ihre Entführung oder auf die Beleidung ihres Ehegatten hindeutet. Der große Vorteil dieses Spektakels ist zweifellos seine Interaktivität.Das Libretto der Operette Offenbachs hat man auf das notwendige Minimum gekürzt. Zeitgenössische Elemente sind die im Streit der Eheleute erwähnte Hafermilch und die Videokamera in der Orpheus Hand. Der Cancan bleibt jedenfalls da, obwohl er nicht getanzt wird. Orpheus (Timotheus Maas) ist kein Geiger, sondern ein Saxophonist, was ihm am Ende mehr zugute kommt. Neben den Titelfiguren spielen die beiden Sänger noch weitere Rollen: Jupiter, Juno, Pluto (der hier ein Rapper ist), Merkur, Hans Styx. Die Götterattribute wie der Blitz des Jupiters oder die Flügel des Merkurs sind auf den Helmen angesetzt, die die beiden Darsteller mit bewundernswerter Geschicklichkeit verändern. Die Stimme der Öffentlichen Meinung (Hannes Hellmann) erklingt hinter der Bühne.

Lisa Ziehm (Eurydike) wäre perfekt gewesen, wenn sie an hohen Tönen mehr legato verwendet hätte. Aber von der schauspielerischen Seite ist sie sehr ausdrucksstark. Beide Sänger haben angepinnte Mikroports, die sie zwar nur bei gesprochenen Dialogen nutzen. Meiner Meinung nach unnötig: Der Saal ist nicht groß und verfügt über eine gute Akustik, und die beiden haben starke, trainierte Stimmen, mit denen sie auch gut und verständlich sprechen können. Bei der Publikumsabstimmung verwenden sie das Mikrofon als Requisit. Timotheus Maas begeistert mit seinem „basso profondo“ in klassischen Partien, dann belustigt er das Publikum als Rapper-Pluto und Jupiter mit der summenden Arie. Wahre Meisterschaft zeigt er jedoch bei  seiner lyrisch-komischen Aufführung von „Als ich noch Prinz war in Arkadien“. Den ersten Teil singt er sauber und ernst, den zweiten mit Falsett.

Tim Maas, Copyright: Inken Rahardt

„Orpheus in der Unterwelt“ ist eine Parodie des antiken Mythos, die Kerstin Steebs noch verschärft. Timotheus bewegende Aufführung der Arie „Che farò senza Euridice“ von Gluck weicht das Publikum nicht auf. Die Zuschauer bleiben der ursprünglichen mythologischen Version treu; Orpheus ist für das Scheitern der Ehe verantwortlich, denn er sollte nicht zurückblicken. Aber die ihm auferlegte Strafe – nackt Saxofon zu spielen – finde ich etwas übertrieben; sie befriedigt niedrige Instinkte der Fans von Reality-Show. Glücklicherweise verdeckt das Instrument die Genitalien des Sängers. Der jüngere Teil des Publikums reagierte auf dieses Regiekonzept mit Begeisterung.

Tim Maas, Lisa Ziehm, Copyright: Inken Rahardt

Die musikalische Leitung übernahm die Pianistin Amy Brinkmann-Davis. Ich habe „Couplets der Götter“ ein bisschen vermisst, weil dieses Stück perfekt in eine solche Interpretation passen würde. Das Opernloft-Team ist sehr kreativ, daher habe ich erwartet, dass es eigenen Text des Ehestreits zu dieser Melodie geschrieben hätte. Es hätte zum Beispiel zu der Kissenschlacht zwischen Ehepartnern gepasst. Das Opernloft-Team führt jedenfalls eine der populärsten Operetten mit kleinen Mitteln, aber mit starken Stimmen und dem Bezug zur Gegenwart, auf. Diese Produktion von „Orpheus in der Unterwelt“ ist auf jeden Fall sehens- und hörenswert.

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