„Katja Kabanowa“ an der Komischen Oper Berlin: Ein Haus aus Eis

Leoš Janáček, Katja Kabanowa,  Komische Oper Berlin, 27. November 2021 (PREMIERE)

Fotos: Katja Kabanowa, KOB, © Jaro Suffner

Nach solchen Abenden kann man beruhigt feststellen: Die Oper lebt!

Komische Oper Berlin, Premiere am 27. November 2021

Giedrė Šlekytė, Dirigentin
Orchester der Komischen Oper Berlin
Chorsolisten der Komischen Oper Berlin

Jetske Mijnssen, Inszenierung
Katja 
Annette Dasch
Kabanicha  Doris Lamprecht
Boris  Magnus Vigilius
Tichon  Stephan Rügamer
Kudrjasch  Timothy Oliver
Dikoj  Jens Larsen
Varvara  Karolina Gumos

von Peter Sommeregger

Am Ende dieses bemerkenswerten Premierenabends bricht Jubel aus in dem Haus an der Behrenstraße. An einem Novembertag mit Schneeregen, der in seiner Tristesse kaum zu überbieten scheint, wurde das Publikum Zeuge einer Orgie der Gefühlskälte, die durch ihre Perfektion und Radikalität aber Begeisterung statt Depression auslöst.

Die knapp zweistündige Oper Janáčeks ist eher arm an äußerer Handlung, das Geschehen spielt sich hauptsächlich in den Seelen der Protagonisten ab, vor allem in jener der unglücklichen Titelfigur, die ihr Leben zwischen einem schwachen und tumben Ehemann und einer bösartig herrschsüchtigen Schwiegermutter nicht erträgt, und sich schließlich auf eine verhängnisvolle Affäre einlässt.

Die Regisseurin Jetske Mijnssen reduziert die Szene auf das Innere des Hauses der Kabanows. Sie stellt hohe Räume mit grotesk überdimensionierten Türen auf die Bühne, ein schmucklos kahles Ambiente, das frieren lässt und Fluchtreflexe auslöst. Kein Garten, keine Wolga ist zu sehen, die Figuren bleiben in dem eisigen Haus gefangen.

Dadurch wird eine Intensität und Dichte der Atmosphäre erreicht, die bis in den Zuschauerraum hinein wirkt. Den Fluss Wolga total außen vor zu lassen ist konsequent, nimmt dem Stück  aber doch eine wichtige Komponente. Den vom Fluss her tönenden Gesang bestreiten die diesmal unsichtbaren Chorsolisten der Komischen Oper in gewohnt perfekter Harmonie.

Foto: Jaro Suffner

Die für Berlin neu entdeckte Dirigentin Giedrė Šlekytė führt das Orchester des Hauses zu einer Spitzenleistung. Janáčeks anspruchsvolle Partitur entfaltet unter ihrer Leitung ihren ganz eigenen polyphonen Reiz und breitet den Sängern einen Teppich aus, auf dem sie sich sicher fühlen können. Für das Ensemble verschiedener Muttersprachen ist das tschechische Libretto bestimmt schwer zu erlernen, aber gerade bei Janáček, der seine Musik ganz aus der Sprache entwickelte, ist die Verwendung der Originalsprache inzwischen internationaler Standard.

Wenn diese „Katja Kabanowa“ auch stark auf die Hauptfigur fokussiert ist, sind doch alle anderen Personen in ihrer dramaturgischen Funktion gleich wichtig. Das Ensemble, das dem Haus zur Verfügung stand, ist von großartiger Ausgewogenheit und Stimmigkeit, die Regisseurin findet für jede Figur individuelle Arten der Bewegung und stellt plastische Figuren auf die Bühne.

Das stärkste Spannungsfeld bildet die Beziehung Katjas zu ihrer Schwiegermutter, die von Doris Lamprecht mit schneidend kalter Stimme gesungen wird, und auch darstellerisch den Kältepol des Hauses darstellt. Ein kleiner szenischer Höhepunkt ist die „Liebesszene“ zwischen ihr und dem alten Dikoj, der von Jens Larsen polternd gegeben wird. Das ist zu Eis erstarrte Erotik, und lässt einen schaudern.

Die Männer Katjas, ihr Ehemann Tichon und der Liebhaber Boris, sind mit Stephan Rügamer und Magnus Vigilius ausgezeichnet besetzt, letzterer darf seine tenoralen Qualitäten handlungsbedingt deutlicher demonstrieren als der gehörnte Ehemann. Ihr warmer, biegsamer Mezzosopran macht die Varvara von Karolina Gumos zum Sympathieträger des Abends.

Das Hauptgewicht dieser Oper liegt aber eindeutig auf der Sängerin der Titelrolle. Annette Dasch, die zum ersten Mal an diesem Haus auftritt, bringt dafür sehr viel mit. Darstellerisch lotet sie diese Figur, die sich permanent zwischen mühsam bewahrter Fassung und lauter Verzweiflung bewegt, in allen Facetten überzeugend aus. Da steht ein Mensch aus Fleisch und Blut auf der Bühne, nicht bloß eine Opernfigur. Auch ihr robuster Sopran bewältigt die fordernde Partie ohne Probleme, was ein wenig fehlt, ist ein Farbenreichtum der Stimme, die so viele emotionale Momente transportieren muss. Daschs großer Sopran wird sicher geführt, bleibt aber im Ausdruck weitgehend monochrom. Insgesamt aber erbringt sie eine eindrucksvolle Leistung, und wird am Ende verdient stürmisch gefeiert.

Dass am Ende der Vorhang nicht komplett schließt, bleibt die einzige Panne an diesem Abend und kann  wohl als Opfer an die Theatergötter gewertet werden. Noch-Intendant Barrie Kosky hält nach langen Ovationen für das gesamte Ensemble seine Premieren-Rede diesmal von der Bühne. Er versteht es wie immer, Lob, Ansporn und Hoffnung für die ungewisse nächste Zeit auszudrücken. Nach solchen Abenden kann man beruhigt feststellen: Die Oper lebt!

Peter Sommeregger, 28. November 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Vladimir Jurowski, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Wagner und Liszt, Philharmonie Berlin, 26. November 2021

Leoš Janáček, Katja Kabanowa Komische Oper Berlin, 27. November 2021 (PREMIERE)

 

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