Staatsoper Unter den Linden Foto: © Marcus Ebener
Ein Kommentar von Kirsten Liese
Vor wenigen Tagen verlängerten Christian Thielemann und Elisabeth Sobotka ihre Verträge an der Berliner Staatsoper bis 2034 (!) – also acht Jahre. Das ist nach der kürzlichen Zusage des Bundes, seine jährlichen Zuschüsse für die Berliner Staatskapelle ab 2028 um eine Million jährlich aufzustocken, die schönste Nachricht innerhalb des überregionalen- und erst recht des Berliner Musiklebens seit langem! Eine Art „Wunder von Berlin“, ist man doch in der Metropole mit positiven Meldungen nicht allzu verwöhnt.
Es ist zugleich die ultimative Bestätigung für die exzellente Arbeit des bewährten Führungsduos.
Beide haben sich eine Gratulation dazu hoch verdient: Er für seine einmaligen musikalischen Höhenflüge aber auch für einen Teamgeist mit der Intendantin, mit der sich für ambitionierte Wunschprojekte besser an einem Strang ziehen lässt als zuletzt in Dresden ein Peter Theiler. Und sie, weil sie, in der Wertschätzung und im Wissen um den Luxus, einen der genialsten und gefragtesten Dirigenten an ihrer Seite zu haben, dem Kapellmeister ohne Zögern den Rücken stärkt so gut sie kann. Auch wenn der Publikumszuspruch trotz unüberbietbarer musikalischer Leistung einmal hinter den Erwartungen zurückbleibt, wie zuletzt bei der „Schweigsamen Frau“.
Ein Opernhaus muss natürlich wirtschaftlich denken, das stimmt schon, erst recht in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Aber die Mischkalkulation stimmt.
Der „Tristan“, den Christian Thielemann im Februar kommenden Jahres dirigieren wird, ist schon seit vielen Monaten gänzlich ausverkauft. Ihn hätte die Staatsoper noch zehn weitere Male bis auf den letzten Platz verkaufen können.
Aber nun muss man dem genialen Wagner- und Straussdirigenten, der kürzlich in Bayreuth seine 200. Vorstellung feierte, konzedieren, dass er nicht pausenlos im Wechsel den „Ring des Nibelungen“, den „Tristan“ und andere beliebte Werke Wagners wie „Lohengrin“ oder „Tannhäuser“ ansetzt. Zumal sich Thielemann narkotisierenden Werken mit einer derartigen Hingabe und Intensität verschreibt, dass sich nach derart zahlreichen Vorstellungen eine physische und psychische Aufzehrung befürchten ließe. Einen „Tristan“ dirigiert man nicht am Fließband.
Wenn er dann einmal eine Rarität wie Strauss‘ „schweigsame Frau“ bringt, die seine meisten Kollegen ohnehin als eine der schwierigsten Partituren des spätromantischen Komponisten fürchten, ist das ein großes Geschenk für das Opernleben. Wie auch der wiederaufgenommene „Wozzeck“, den er in seiner expressiven Musiksprache tiefgründig auslotete wie keiner vor ihm.
Gewiss nicht nur für mich bietet die Staatsoper mit Thielemanns Sternstunden derzeit das beste Kontrastprogramm zu den Angeboten der Deutschen Oper in der Bismarckstraße. Die bringt in der neu begonnenen Ära von Aviel Cahn überwiegend Experimentelles hervor, an dem das langjährige Stammpublikum wenig Freude haben dürfte.
Stockhausens „Mittwoch aus Licht“ zur Saisoneröffnung zündete jedenfalls eher in opernfernen Kreisen. Darüber konnte auch der große mediale Aufbausch um das „Helikopter-Quartett“, aufgenommen auf dem Flugplatz Schönhagen, nicht hinwegtäuschen. Der für Oktober angesetzte „Fliegende Holländer“ in der Regie von Milo Rau möchte über den angeblich auch dieses Werk vereinnahmenden Antisemitismus Richard Wagners belehren.
Mit „Good Vibes Only“ von Bára Gísladóttir im Januar gibt es dann noch eine schwer kalkulierbare Uraufführung. Kann sein, dass das Stück was taugt, kann sein, dass nicht.
Bei alledem ist dem Haus nach dem Willen Cahns die Position eines Generalmusikdirektors abhandengekommen.
Nicht, dass sich dem zuletzt schon reiflich ausgebrannten Donald Runnicles unbedingt nachweinen ließe, aber immer noch besser ein GMD als keiner.
Titus Engel ist einer von den drei neu in Stellung gebrachten jungen „Conductors in residence“, die Cahn ohne eigene Hoheitsrechte seine uneingeschränkte Macht im Betrieb absichern.
Was ich über Engels Auftritt beim jüngsten Berliner Musikfest gelesen habe, macht mir allerdings keinen Appetit: Er brachte es fertig, den zweiten Akt aus Stockhausens Oper „Donnerstag aus Licht“ mit dem dritten Akt von Wagners „Parsifal“ zu verbinden, klemmte gar noch John Cages Schweigeminuten „4’33“ dazwischen. Man kann das progressiv finden, ich allerdings muss bekennen, höre lieber „Parsifal“ am Stück.
An der Staatsoper Unter den Linden wird eine Tradition wie diese ganz sicherlich gewahrt.
Wer nach Thielemanns Ernennung als Barenboims Nachfolger unkte, das Bündnis zwischen ihm und Intendantin Sobotka würde keine zwölf Monate halten, sollte sich gewaltig täuschen! Drei wunderbare Jahre sind es nun schon. Und so professionell – da bin ich ganz sicher- geht es auch weiter.
Kirsten Liese, 16. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at