Pelléas et Mélisande – wunderschöne Bilder, die lange nachwirken

Pelléas et Mélisande von Claude Debussy  Staatsoper Unter den Linden, 3. Juli 2026

Fotos: Premiere 17. März 1991 | © Tatjana Dachsel

Pelléas et Mélisande 
Drame lyrique in fünf Akten (1902)
Musik von Claude Debussy
Text von Maurice Maeterlinck

Staatskapelle Berlin
Musikalische Leitung: Francois-Xavier Roth

Inszenierung: Ruth Berghaus

Arkel Stephen Milling
Geneviève Anne Sofie von Otter
Pelléas Thomas Blondelle
Golaud Simon Keenlside
Mélisande Magdalena Kocená
Yniold  Henrik Brandstetter (Tölzer Knabenchor)
Arzt/Hirt David Ostrek

Staatsoper Unter den Linden, 3. Juli 2026

von Iris Röckrath

Ich denke, ich werde jetzt öfter nach Berlin fahren, jedenfalls dachte ich es. Wenn ich die beiden Pelléas Aufführungen vergleiche, die ich 2019 in Hamburg (Willy Decker (Regie) und Wolfgang Gussmann (Bühnenbild und Kostüme)) und nun am 3. Juli 2026 in Berlin (Ruth Berghaus und Hartmut Meyer) erlebt habe, dann bin ich allerdings doch Team Hamburg.

Die Handschrift von Ruth Berghaus ist mir durch den phänomenalen und geliebten von ihr produzierten Tristan in Hamburg wieder begegnet. Es gab zwar keine Liegestühle auf der Bühne, aber viele Bewegungen ähnelten sich, vor allem auch das Nichtzueinanderfinden zwischen Pélleas und Mélisande in der Haare-Szene.

Das Bühnenbild in Berlin möchte man ständig abfotografieren, weil es in seiner Kargheit aber mit veränderndem Licht so unglaublich intensiv variiert und die Farbigkeit der Kostüme im Zusammenhang mit Bühne und Licht immer wieder neue Bilder entstehen lässt, obwohl das Grundbild sich kaum verändert. Die grellgelbe Treppe wirkt in den abgedunkelten Tönen wie ein willkommener Kontrast.

Musikalisch brauchte es eine Weile, bis ich wirklich eintauchen konnte in das Bühnengeschehen. Vielleicht lag es am Platz im ersten Rang Reihe drei unter dem Balkon, aber vielleicht war der Ansatz von Francois-Xavier Roth ein anderer als der von mir erhoffte. Es fehlte in grossen Teilen die Atmosphäre, der Unterbau im Orchester – der Halt, der die Figuren zeichnet und trägt.

Ich erinnere immer wieder an meine letzte Vorstellung  in Hamburg, die ich von Anfang bis Ende wie gebannt gefesselt verfolgte. In der besuchten Berliner Aufführung wurde sehr zaghaft und zurückhaltend im Graben musiziert. Die Brücke bzw. Spannung flachte zwischen den Bildern extrem ab. Der erste Ausbruch erfolgte, als Golaud auffiel, dass der Ring nicht mehr da ist. Aber erst zum dritten Akt spielt die Staatskapelle Berlin wie entfesselt zum Spiel von Pélleas mit Mélisandes Haar. Das Drama nimmt seinen Lauf  als Golaud getrieben von Eifersucht kaum noch an sich halten kann und seinen Sohn Yniold (gesungen und gespielt von dem fantastischen Henrik Brandstetter vom Tölzer Knabenchor) benutzt, um die Mutter auszuspionieren.

Anne Sophe von Otter tut sich keinen großen Gefallen, die doch recht umfangreiche Rolle der Mutter Geneviève zu übernehmen. Sie hat die zentrale Aufgabe, die Ehe mit Mélisande anzukündigen und die Handlung so ins Rollen zu führen. Stimmliches Gewicht und Würde vermisse ich bei ihr. Vielleicht war sie auch nur indisponiert

Indisponiert angekündigt war vor Beginn der Aufführung der Tenor Thomas Blondelle, der die Partie des Pelléas mit makelloser wunderschöner farbenreicher Phrasierung singt und gestaltet. Dass Melisande sich in seine jugendliche träumerische unschuldige Art verliebt, ist glaubhaft, wenngleich er genauso passiv ist wie die anderen Figuren. Seine Sehnsucht nach Freiheit und seine Zerrissenheit, doch zu bleiben nimmt man ihm ab. Die angesagten „Pollen“ schienen ihm stimmlich richtig gut getan zu haben. Ich möchte mehr von ihm hören.

Simon Keenleyside blieb blass bis zu seinem Eifersuchtsausbruch mit seinem Sohn Yniold, und das ist schade. Denn besonders die Anfangsszene, das Aufeinandertreffen zwischen ihm und Mélisande hatte dadurch wenig Ausdrucksstärke. Es fehlte in seiner Stimme das Kernige, Baritonale, Mitfühlende.

Das lag aber auch an Magdalena Kocená. Sie spielte zwar die vorgegebene Rolle vermutlich, wie Berghaus sie vorgegeben hat, was nicht immer einfach ist (Stichwort gelbe Treppe!) aber berühren konnte sie mich nicht. Wenn sie die Worte singt, „ich bin nicht glücklich“, dann lese ich die Worte mit, aber fühlen kann ich sie nicht. Das Geheimnisvolle, das Traurige, Melancholische, Unaussprechliche, das die Figur umgibt wirkt nicht nach.

Stimmlich gefielen Stephen Milling als König Arke und David Ostrek als Arzt / Hirt. Beide brachten stimmliche und darstellerische Präsenz auf die Bühne.

Und auch zum Ende der Aufführung flachte die Spannung wieder ab, wodurch die Tragik der Geschichte litt. Die Auffassung des Dirigenten konnte mich leider nicht restlos überzeugen.

Die Produktion in Hamburg ist weicher, märchenhafter, glaubhafter in meinen Augen. Ich hoffe sehr, dass die Produktion dort irgendwann wieder aufgenommen wird.

Iris Röckrath, 5. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Richard Wagner, Tristan und Isolde, Omer Meir Wellber Hamburgische Staatsoper, 7. Juni 2026

Claude Debussy, Pélleas et Mélisande Staatstheater Darmstadt, 22. Februar 2026

Claude Debussy, Pelléas et Mélisande (1902) Nationaltheater, München, 9. Juli 2024 PREMIERE

Claude Debussy, Pelléas et Mélisande, Staatsoper Hamburg, 15. November 2019

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