Ladas Klassikwelt 67: Das Traumrequiem (Teil 1) – zu Ehren eines stillen Helden

Ladas Klassikwelt 67: Das Traumrequiem, Teil 1 (Ein deutsches Requiem, Johannes Brahms)  klassik-begeistert.de

Foto: Johannes Brahms (1889), wikipedia.de ©

von Jolanta  Łada-Zielke

 „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms hörte ich zum ersten Mal in meiner Musikoberschule in Krakau, als ich der deutschen Sprache noch nicht mächtig war. Das Stück berührte mich so sehr, dass ich bei den ersten zwei Sätzen fast in Tränen ausbrach. Damals fing ich an zu träumen, das Werk irgendwann mit einem guten Chor aufführen zu können. Seit ich in Deutschland lebe, ist dieser Traum schon sieben Mal wahr geworden. Ich hatte das große Glück, das Brahms-Requiem zunächst mit dem Münchener Bachchor und später mit dem Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg singen zu dürfen. Einige dieser Konzerte sind mir besonders in Erinnerungen geblieben.

Eines von ihnen fand zum Andenken an ein tragisches Ereignis statt. Am 12. September 2009 versuchte Dominik Brunner, fünfzigjähriger Rechtsanwalt aus München, vier Kinder zu verteidigen, die in einer S-Bahn von zwei jungen Männern angegriffen wurden. Es machte diese so wütend, dass sie den mutigen Bürger auf dem Bahnhof München-Solln zu Tode prügelten. Der Vorfall regte viele Diskussionen in ganz Deutschland an – über die Aggression unter Jugendlichen und wie man ihr entgegenwirken kann. Zwei Monate später wurde die Dominik-Brunner-Stiftung gegründet, die zusammen mit der Fußballmannschaft FC Bayern München das Bündnis „Münchner Zivilcourage“ einging. Die Stiftung setzte sich folgende Ziele:  das Bewusstsein für Zivilcourage in der Öffentlichkeit zu wecken, sich um die Opfer von Gewalt psychologisch und materiell zu kümmern und präventive Maßnahmen zu ergreifen. Durch ihre vielfaltigen Aktivitäten versucht diese Institution junge Menschen zu überzeugen, dass Gewalt kein Mittel ist, ihre Probleme zu lösen.

Ein Jahr nach der Gründung der Stiftung, am 25. September 2010, fand ein Benefiz-Konzert im Gasteig in München statt. Dieses Musikereignis war jedoch mehr als eine Spendenveranstaltung. Allein das Repertoire war für diesen Anlass angemessen. Im ersten Teil wurde das Violinkonzert von Ludwig van Beethoven gespielt. Nach der Pause traten der Münchener Bachchor, die Solisten – Ruth Ziesak und Konrad Jarnot –  und das Orchester des Bayerischen Rundfunks mit „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms unter der Leitung von Hansjörg Albrecht auf.

Der in Hamburg geborene Komponist widmete das Werk seinem früh verstorbenen Freund und Förderer Robert Schumann. Dieses Requiem hat nicht die Form einer typischen lateinischen Totenmesse, sondern besteht aus sieben, auf biblischen Texten basierenden Teilen. Das Wort „Jesus“ kommt darin nicht vor, es enthält aber am Anfang seine Aussage aus der Bergpredigt: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“ (Matthäus 5,4).

 „’Ein deutsches Requiem‘ wurde nicht für die Toten, sondern für die Lebenden geschaffen, um sie zu trösten“, erzählte mir Hansjörg Albrecht damals. „Im sechsten Satz  kommt es zur Kulmination; der Chor singt leidenschaftlich vom Sieg über den Tod und die Hölle. Im letzten Teil wird der Segen für die Toten gesprochen, die im Herren sterben, und ihre Werke folgen ihnen nach (Apokalypse 14, 13)“.

Dominik Brunners Vater, der beim Konzert anwesend war, gestand uns: „Das hat mich wirklich getröstet. Mein Sohn ist im Sterben zum Held geworden, was er im Leben nie wollte.“

Natürlich behaupteten einige Skeptiker, dass ihm diese Veranstaltung das Leben nicht zurückgeben konnte. Trotzdem war der Konzertabend sowohl für Mitglieder der Stiftung als auch für die Musiker ein besonderes Erlebnis. Bei der Gelegenheit wurde eine CD mit der Aufführung des Requiems aufgenommen.

Jolanta  Łada-Zielke, 8. März 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Die Dominik-Brunner-Stiftung arbeitet weiter und führt weitere interessante Projekte durch.

https://www.dominik-brunner-stiftung.de/

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Jolanta Łada-Zielke, 49, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.

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