Ladas Klassikwelt 66: Wie ich die Walküre geworden bin

Ladas Klassikwelt 66: Wie ich die Walküre geworden bin  klassik-begeistert.de

Das Leben hat meinem Auftritt eine weitere Pointe hinzugefügt. Jetzt lebe ich in Deutschland und versuche immer noch, Polen und Deutsche durch meine journalistische Arbeit zu versöhnen. Ich nehme gerne Themen aus dem Kulturbereich auf, die uns verbinden, nicht trennen. Auch hier nennen mich einige Freunde „die Walküre“.

Foto: Die Walküre – Oper Genf © GTG / Carole Parodi

von Jolanta Łada-Zielke 

Nein, ich habe diese Arie nicht im Original, sondern nur in einer satirischen Version aufgeführt. Es war kein „Hojotoho!“, sondern mein eigener Text, mit dem ich 2005 bei der Kabarettvorstellung „Reality Shopka Show“ im Puppen- und Maskentheater „Groteska“ in Krakau auftrat. „Shopka“ oder genauer gesagt „szopka“ bedeutet auf Polnisch wörtlich „die Krippe“ oder „Theater machen“ in der Umgangssprache. Es spielt auf die Tradition alter polnischer Kabaretts an, einschließlich des Krakauer „Zielony Balonik“ (der Grüne Balon), das noch vor dem Ersten Weltkrieg im berühmten Künstlercafé Jama Michalika betrieben wurde. Zur Jahreswende fand dort eine satirische Puppentheateraufführung statt, in der polnische Politiker, Journalisten und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens als Puppen vorgestellt wurden. In ihrem Namen sangen oder rezitierten die Schauspieler verschiedene Couplets, die die damaligen berühmten Dichter verfassten. Das Bühnenbild wurde einer Neujahrskrippe nachempfunden.

2001 kam der Direktor des Groteska-Theaters, Adolf Weltschek, auf die Idee, eine solche Vorstellung unter Beteiligung von echten Politikern und Journalisten zu machen, die auf der Bühne auftreten und speziell für sie geschriebene Monologe halten, Sketche spielen oder Lieder singen sollten, deren Inhalt sich auf ihre Aktivitäten bezog. Nach der erfolgreichen Uraufführung, die im Frühjahr 2001 stattfand, setzte sich die Idee durch und die „Shopka“ wurde bis 2010 einmal im Jahr aufgeführt. Direktor Weltschek war ebenso der Regisseur dieser Show. Die Veranstaltung war sehr sympathisch. Sowohl linke als auch rechte und zentrale Politiker sowie Journalisten offenbarten auf der Bühne ihre Gesangs- und Schauspieltalente und hatten dabei oft mehr Spaß als das Publikum. Es gab jedes Jahr mehr und mehr Teilnehmer.

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Ich war von Anbeginn an diesem Projekt beteiligt, sowohl als singende Journalistin als auch als Autorin der Texte, die ich hauptsächlich für andere KollegInnen und mich schrieb. 2005 schlug ich dem Regisseur Weltschek vor, dass ich als „Walküre“ auftreten würde. Seitdem ich regelmäßig zu den Bayreuther Festspielen verreiste, nannten mich meine Freunde „die Walküre“ und dieser Spitzname blieb mir für immer erhalten. Ich musste nur meine Nummer den Programmanforderungen anpassen, das heißt, meine Rolle in einen politischen Kontext setzen. Polen war zu dieser Zeit bereits Mitglied der Europäischen Union, aber die Streitigkeiten mit Deutschland über die Vertreibungen aus den Gebieten, die nach dem Zweiten Weltkrieg an Polen fielen, dauerten an.  Die Polen machten hingegen ihre Ansprüche auf die Entschädigungen für die Kriegsreparationen geltend. Ich beschloss, dass meine Walküre versuchen würde, beide Nationen zu versöhnen. Als Grundlage nahm ich die Melodie des „Walkürenritts“ und betextete sie. Das Ergebnis war ein Couplet, teils klassisch gesungen, teils in Form eines Rap rezitiert.

Mein Bühnenkostüm bestand aus schwerer Rüstung, die bei jeder Bewegung knirschte. Dazu hatte ich noch einen Helm und hohe Stiefel. Ich „ritt“ auf ​​die Bühne auf einem Holzpferd, das von einem Bühnenassistenten von hinten geschoben wurde. Im Hintergrund lief bereits der „Walkürenritt“, dessen Melodie unser musikalischer Leiter Roman Opuszyński an meine Version anpasste.

Die erste Strophe sang ich:

Ich reite und reite, weiter und weiter,                       Jadę, cwałuję, koń nóg nie czuje

in meinen Adern fließt nordisches Blut,                     w żyłach buzuje nordycka krew

am Oderufer will ich anhalten,                                  niby najeźdźca w pozycji jeźdźca

dort mache ich noch einen Versuch                mknę w okamgnieniu nad Odry brzeg

Die Polen mit den Deutschen möcht’ ich versöhnen,          

                                                                                           Kolejny już raz pogodzić was chcę

Hatt’ es schon lange nicht machen können     Lecz każdy wysuwa roszczenia swe

Dann kam der Rapp:

Hier gibt’s die deutsche Ordnung,                                        Tu niemiecki porządek,

dort die polnische Seele                                                            a tam polska dusza

Beide erfinden Gründe                                                             jak nie jedno, to drugie

um sich zu beschweren                                                            ustępstwa wymusza

Die Presse hängt jeden Streit                                                    Prasa rozdmuchuje

auf die große Glocke                                                                każdy pyłek niezgody

Können die beiden Länder                                                    Długo będą się jeszcze

das alles nicht lockern?                                                            Waśnić oba narody?    

Und wieder auf den „Walkürenritt“:

Wer wen vertrieben, wer wen belogen,              Polskie, niemieckie, czy europejskie

wer wen überfallen und beraubt hat                   są ziemie te od Odry na wschód

So lange dauern die Diskussionen                       za czyje Kresy i z czyjej kiesy

Habt ihr im Kopf nur die Vergangenheit?          i kto ma płacić, rozstrzygnie cud

Macht weiterer Streit überhaupt einen Sinn,
                                                                                     Juz mógłby sie raz uciszyć ten wrzask

wenn wir schon zusammen in der EU sind?         Czy Unia nie zdoła pogodzić nas?

Wieder der Rapp:

Schlaft ruhig, ihr lieben Polen,                                             Niech Polacy sie nie boją

niemand nimmt Euch weg                                                               nikt im nie zabierze

das, was in Euren Grenzen                                                          tego, co od Piasta króla

seit den Piasten[1] liegt                                                                     w ich granicach leży 

Für die Deutschen hab’ ich                                                      Za to Niemcom się zwróci

die zwei Schwerter mitgebracht,                                        z historycznych skarbów       

die die Polen verwahren;                                                      te dwa nagie miecze

seit der Tannenberg-Schlacht.                                               jeszcze spod Grunwaldu.

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Eine kurze Erklärung: Bei Tannenberg am 15. Juli 1410, als sich der Beginn der Schlacht verzögerte, meinten die deutschen Ordensritter, die Polen und Litauer hätten zu wenig Waffen. Deswegen schenkte der damalige Große Ordensmeister Ulrich von Jungingen dem polnischen König Władysław Jagiełło zwei Schwerter. Jagiełło bedankte sich dafür und sagte: „Zwar haben wir genug Schwerter, aber diese beiden nehmen wir gerne an.“ 

Laut dem Konzept des Regisseurs übergab ich die Schwerter in dem Moment zwei verkleideten Schauspielern, die vor mir niederknieten. Die Musik hörte auf, die Zuschauer dachten, die Nummer sei zu Ende und fingen an zu klatschen. Ich hatte noch zwei Verse zu rappen und drehte mich zum Publikum, aber der Applaus ging weiter. „Ruhe!“ – brüllte ich, und es wurde still. Dann deklamierte ich die Pointe:

Die Schulden sind beglichen,                                                  Dług uważam za spłacony,

ich hab’s gut getan.                                                                     ogromnie dziękuję.

Jetzt ab, zurück nach Norden                                               Teraz wracam do Germanii

in Walküren-Wahn!                                                                 bo tu z wami zwalkiriuję!

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Als ich meinen deutschen Freunden davon erzählte, machten sie große Augen: „Waaas? Du und die Walküre? Du bist doch zu schlank dafür!“

Meine Größe ist 40/42, ich bin also nicht filigran, aber wie es sich herausstellte, sollte eine „echte“ Walküre noch größere Dimensionen haben.

Das Leben hat meinem Auftritt eine weitere Pointe hinzugefügt. Jetzt lebe ich in Deutschland und versuche immer noch, Polen und Deutsche durch meine journalistische Arbeit zu versöhnen. Ich nehme gerne Themen aus dem Kulturbereich auf, die uns verbinden, nicht trennen. Auch hier nennen mich einige Freunde „die Walküre“.

[1] Die erste königliche Dynastie Polens.

Jolanta Łada-Zielke, 22. Februar 2021, für
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Jolanta Łada-Zielke, 49, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.

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