Ladas Klassikwelt 81: Aimez-vous Brahms? – Teil 2

Ladas Klassikwelt 81 – Aimez-vous Brahms? (Teil 2)

Als Zugabe haben wir das Stück „Nachtigall, sie singt so schön“ aufgeführt. Die Worte dieses Liedes harmonieren perfekt mit dem Inhalt des Gedichts von Joachim Neander – dem in Krakau lebenden deutschen Dichter und Musiker.

Foto: die Pianistin Ragna Schirmer, der Dirigent Hansjörg Albrecht und der Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg im Kleinen Saal der Elbphilharmonie, Hamburg. © privat

von Jolanta Łada-Zielke

„Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms hörte ich zum ersten Mal während des Musikgeschichteunterrichts in der Musikschule des Zweiten Grades in Krakau. Damals konnte ich noch kein Deutsch, habe mich aber sofort in dieses Stück verliebt. Zu dieser Zeit faszinierte mich zwar die Musik des italienischen Barocks, aber ich fing an zu träumen, mit einem guten Chor Brahms’ Requiem singen zu können.

Ich erinnere mich noch an ein anderes Ereignis aus meiner Musikschule, diesmal an die Diplomprüfung in Musikgeschichte. Hier muss ich erklären, dass wir im Unterricht auch die Musikliteratur studierten. Beim Lernen über eine bestimmte Epoche hörten wir die bekanntesten Stücke aus dieser Zeit. Jedes Jahr bekamen wir eine Liste von circa 25 Titeln, die wir gut kennen mussten. Am Ende jedes Semesters hatten wir einen Hörtest, bei dem man eineinhalbminütige Fragmente von etwa zwanzig Werken spielen ließ. Unsere Aufgabe war, sie zu erkennen. Für jede Testfrage konnte man maximal drei Punkte erhalten: für die Epoche, für den Komponisten und für den Titel. Wenn man den Komponisten und/oder den Titel vergessen hatte, konnte man zumindest die Epoche erkennen und einen Punkt bekommen.

Ich habe in den Neunzigern an dieser Schule studiert, als es noch kein YouTube oder Spotify gab, und CDs waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht weit verbreitet. Wir liefen mit Walkmans auf den Ohren herum und hörten uns diese „Pflichtstücke“ von Kassetten an. Es war nicht leicht, sich alle zu merken; manche fielen bei diesem Test durch und mussten ihn wiederholen.

Im zweiten Jahr haben wir die Epochen vom Mittelalter bis zum Barock durchgearbeitet, deren Stücke sehr charakteristisch und leicht zu erkennen waren. Im fünften Semester kamen die Klassik und Romantik. Da war es für uns natürlich schwieriger, ein Konzert oder eine Sinfonie nach eineinhalb Minuten zu erkennen. Deshalb haben wir uns Notizen gemacht, was wir mit musikalischen Motiven verbinden. Als ich zum Beispiel den Anfang des B-Dur-Klavierkonzerts von Brahms hörte, schrieb ich im Heft „Star Wars“, weil es mich an die Musik aus diesem Film erinnerte.

Bei der Diplomprüfung mussten wir ein Stück außerhalb der Liste erkennen können, basierend auf unseren bisher erworbenen musikalischen Kenntnissen. Ich wollte gerne ein Barockstück bekommen, weil ich dann mit meinem Wissen glänzen konnte. Ich setzte mich vor die Prüfungskommission, die aus dem Schulleiter und den Lehrern für Musikgeschichte bestand. Eine der Lehrerinnen ging zur Stereoanlage und schaltete sie an. Aus dem Lautsprecher strömte sinfonische Musik, also aus einer anderen Zeit als meinem geliebten Barock. Ich kannte dieses Stück nicht.

„Beachte, welche Instrumente mehr zu hören sind“, wies mir eine Lehrerin an.

„Da gibt es mehr Streichinstrumente als Blechbläser“, behauptete ich. „Aber die Taktart ist dreifach, also vielleicht Tschaikowsky?“

„Nein, es ist nicht Tschaikowsky, aber du bist auf dem guten Weg“, antwortete ein anderer Pädagoge.

„Brahms!“, entfuhr es mir instinktiv und dann merkte ich bei dem gegenübersitzenden Rektor der Schule, dass er zufrieden lächelte.

„Ja, richtig, das ist die 2. Symphonie von Johannes Brahms“, antwortete die erste Lehrerin und wendete sich an ihre Kollegin, die die Stereoanlage bediente: „Du kannst schon die Musik ausschalten, Jolanta hat den Komponisten erkannt“.

Dann kam ein weiterer Prüfungsteil, bei dem ich zwei Fragen beantworten musste; eine bezog sich auf die vorklassische Zeit und die andere auf die romantische Oper. Keine betraf den Barock, aber ich bekam trotzdem die beste Note.

Seitdem ich in Deutschland lebe, hat sich mein Traum, das Brahms-Requiem zu singen, bereits sieben Mal erfüllt. Außerdem habe ich sein Schaffen von der praktischen Seite noch besser kennengelernt. Beim ersten CPE-Bach-Chor-Hamburg-Auftritt seit Ausbruch der Pandemie, am 26. September 2021 in der Elbphilharmonie, haben wir Brahms’ Lieder gesungen, sowohl die A-cappella-  als auch die mit Klavierbegleitung. Das Programm und die Besetzung dieses Konzerts habe ich im vorherigen Beitrag detailliert beschrieben. Ich möchte nur hinzufügen, dass das Publikum begeistert war und uns allen ausgiebig Beifall gezollt hat.

Als Zugabe haben wir das Stück „Nachtigall, sie singt so schön“ aufgeführt. Die Worte dieses Liedes harmonieren perfekt mit dem Inhalt des Gedichts von Joachim Neander – dem in Krakau lebenden deutschen Dichter und Musiker:

Aimez-vous Brahms?

Wir lauschten des Orchesters Klang-
Zwei Seelen, so verwandt
Und nahmen, als die Geige sang,
einander bei der Hand.
Wir gingen in die Nacht hinaus
Die Liebe war so jung;
Aus Träumen bauten wir ein Haus
Für die Erinnerung.

Wir küssten uns im grünen Park
Voll Leidenschaft und Glut.
Die Nacht, die dies Geheimnis barg
Behütete es gut. 

Jolanta Łada-Zielke, 27. September 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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