Der Lamettawald und die große Frage nach dem Sinn: Die bayerische Staatsoper präsentiert ein fantastisches Schlaues Füchslein

Leoš Janáček, DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN (PŘÍHODY LIŠKY BYSTROUŠKY),  Bayerische Staatsoper, 7. Februar 2022

Foto: 2022 Füchslein – A.Brower, E.Tsallagova – © W.Hösl

Bayerische Staatsoper, Montag, 7.Februar 2022
Nationaltheater München

DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN (PŘÍHODY LIŠKY BYSTROUŠKY)

Oper in drei Akten von Leoš Janáček (1924)
Text vom Komponisten nach Rudolf Těsnohlídeks Novelle „Die Abenteuer der schlauen Füchsin“.
In tschechischer Sprache · Mit Übertiteln in deutscher und englischer Sprache. Neuproduktion.

von Barbara Hauter

Der Sinn des Lebens liegt im Werden und Vergehen, im Erleben des Hier und Jetzt. Diese plakative Antwort gibt die Münchner Neuinszenierung von Janáčeks „Das schlaue Füchslein“ auf die gewaltige Frage unseres Daseins. In einem prächtigen, mystischen Wald aus überdimensionalem Lametta krachen die Sphären von Mensch und Tier aufeinander, existieren nebeneinander, berühren sich und erklären sich gegenseitig. Die Menschen, der Förster und seine Frau, der Schulmeister, der Pfarrer, ganz in schwarz gekleidet, sind durchweg deprimiert, verzweifelt, erstarrt, haltlos. Die glitzernde Lamettastränge wirken für sie wie Gefängnisstäbe. Die Tiere dagegen, bunt gewandet, bewegen sich leichtfüßig, gelöst und heiter durch das schillernde Dickicht. Es ist ihre Welt. Dabei ist diese Welt nicht durchtränkt von süßlicher Naturromantik. Putzig geht es nicht zu im Füchslein, auch wenn die Verniedlichung im deutschen Titel das scheinbar nahelegt. Es wird getötet und gestorben.

Die Geschichte ist auf einer ersten äußeren Ebene sehr simpel: Eine Füchsin wird vom Jäger gefangen, entkommt, nährt sich, in dem sie Hühner reißt, paart sich mit einem Fuchs, zieht eine Schar kleiner Füchse groß, wird erschossen und endet als Muff. Doch das Rad des Lebens dreht sich weiter. Ihr Tochter hat schon ihren Platz eingenommen und tanzt durch den Wald. Regisseur Barrie Kosky und der kongeniale Michael Levine (Bühne) verzichten gänzlich auf eine naturtümmelnde Ausstattung. Keine Tiermasken, Felle oder Pfoten, kein tierisches Schnuppern oder Anschleichen. Keine Bäume oder Fuchsbauten. Es geht um die Essenz der Natur, das So-Sein in einer fantastisch-überhöhten Szenerie. Einziger Nachteil dieses Geniestreichs: Als Zuschauer hat man es nicht so leicht, die jeweiligen Tiere zu identifizieren. Dafür funktioniert eines um so besser: In einer tieferen Ebene wird die Abgetrennheit des Menschen von der Natur und den Abläufen des Lebens sichtbar. Der Mensch ist ein mit sich selbst Hadernder, mit dem Herzen in der Vergangenheit hängend oder mit dem Kopf die Zukunft planend. Aber nie wie die Tiere im Hier und Jetzt gegenwärtig. Hell und kraftvoll erklingen daher auch die Stimmen der Natur, fast durchgängig Sopran oder Kinderstimmen. Den menschlichen Protagonisten bleibt nur die Bewunderung für diese urtümliche Kraft, ein Sehnen nach einer Verbindung, die der Förster sucht, indem er die Füchsin fängt und sie immer wieder an sich binden will.

Der tschechische Komponist Leos Janáček (1854 – 1928) galt als Misanthrop. Er liebte die üppige Natur seiner mährischen Heimat, mied dagegen den Menschen. Er sammelte Volkslieder und verarbeitete sie ebenso wie die Laute von Tier und Wald in seine Werke. Vor allem aber beobachtete er die Sprachmelodie seines Heimatidioms und komponierte ganz exakt auf die Vokale und Konsonanten. Damit wurde er zu einem Erneuerer der europäischen Musik und zu einem der größten Opernkomponisten überhaupt. Genau diese Exaktheit macht die Aufführung so schwierig: Die deutsche Übersetzung von Max Brod kann dieses kompositorische Folgen der Sprachmelodie nur unzureichend nachbilden. Im Tschechischen fühlen sich aber wiederum die wenigsten Sänger sicher. Die tschechisch-sprachige Aufführung der Münchner ist daher eine sängerische Leistung.

Die Staatsoper hat mit dem Füchslein ein Meisterwerk geschaffen, das von dem anmutigen, feinfühligen Dirigat der litauischen Debütantin Mirga Gražinytė-Tyla bestens präsentiert wird. Facettenreich und stimmungsvoll führt sie das bayerische Staatsorchester so raffiniert, dass die Stimmen der Sänger noch brillanter wirken. Elena Tsallagova als Füchslein Schlaukopf lässt ihren wandelbaren Sopran mal kraftvoll laufen, mal nimmt sie ihn sanft zurück. Ihr Konterpart, Wolfgang Koch als Förster, steht dieser Leistung in nichts nach: zerrissen zwischen Trauer, Sehnsucht und Bewunderung schillert sein Bariton in dunklen Farben. Erwähnenswert auch die Kinderdarsteller: Gut gemacht. Wer weiß, vielleicht stehen sie ja in zehn Jahren in einer Hauptrolle auf der Bühne.

Barbara Hauter, 8. Februar 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Musikalische Leitung Mirga Gražinytė-Tyla
Inszenierung Barrie Kosky
Bühne Michael Levine
Kostüme Victoria Behr
Licht Franck Evin
Chöre Stellario Fagone
Dramaturgie Katja Leclerc

 

Förster (Bariton) Wolfgang Koch
Die Frau Försterin/Eule (Alt) Lindsay Ammann
Der Schulmeister/Mücke (Tenor) Jonas Hacker
Der Pfarrer/Dachs (Bass) Martin Snell
Haraschta, Landstreicher (Bass) Milan Siljanov
Pasek, Gaswirt (Tenor) Caspar Singh
Füchslein Schlaukopf (Sopran) Elena Tsallagova
Frau Pasek/Häher (Sopran) Mirjam Mesak
Fuchs (Sopran) Angela Brower
Das junge Füchslein Schlaukopf * (Kinderstimme) Roxana Müller
Frantik * (Kinderstimme) Michael Flach
Pepik *, des Försteres Enkel (Kinderstimme) Alice Teleki
Dackel/Specht (Tenor) Yajie Zhang
Hahn (Tenor) Andres Agudelo
Schopfhenne (Sopran) Eliza Boom
Grille * (Kinderstimme) Lara Kiss
Heuschreck * (Kinderstimme) Lena Kühn
Frosch * (Kinderstimme) Anne-Sophie Fromentel
Junge Füchse Kinderchor der Bayerischen Staatsoper
Bayerisches Staatsorchester
Bayerischer Staatsopernchor
Kinderchor der Bayerischen Staatsoper (*Solistinnen)

Leoš Janáček, Das schlaue Füchslein, Elbphilharmonie, 23. November 2021

Das schlaue Füchslein von Leoš Janáček Bayerische Staatsoper, München, 30. Januar 2022

Leoš Janáček, Katja Kabanowa, Komische Oper Berlin, 27. November 2021 (PREMIERE)

 

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