Klangfarbenopulenter Durst nach Leben besticht in München

Das schlaue Füchslein von Leoš Janáček  Bayerische Staatsoper, München, 30. Januar 2022

Bayerische Staatsoper, München, 30. Januar 2022

Das schlaue Füchslein von Leoš Janáček

Foto: W. Hösl ©

von Frank Heublein

An diesem Abend wird in der Bayerischen Staatsoper in München erstmalig die Neuinszenierung von „Das schlaue Füchslein“ von Leoš Janáček der Spielzeit 2021/22 aufgeführt. Die Aufführung beginnt ohne den Auftritt der Dirigentin mit einem langen Moment purer stiller Dunkelheit. So dunkel und atmend still also kann ein Wald in meiner Vorstellung sein.

Mit dem ersten Erleuchten der Bühne sehe ich eine Begräbnisszene. Wer wird hier zu Grabe getragen? Ist es das schlaue Füchslein? Ist die Aufführung eine Erinnerung des Försters, der am Ende allein vor dem Grab steht? So interpretiere ich jedenfalls die Szene, die sich verbindet mit der letzten Szene der Oper, in der dem Förster der Nachwuchs des Füchsleins Schlaukopf begegnet. Diese Begegnung wird seine Erinnerungsreise angestoßen haben.

Nach dieser ersten Szene setzt die gesamte Oper andauernde wundervolle orchestrale Klangfarbenpracht des bayerischen Staatsorchesters ein. Die litauische Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla steht dem Orchester erstmals vor. Konzentriert, zerbrechlich, schillernd zelebriert die Dirigentin mit dem bayerischen Staatsorchester den Stimmungsreichtum und die emotionale Vielfalt der Handelnden in Janáčeks Oper. Das Orchester ist mein mit allen meinen Rezeptionsfasern spürbarer Garant, dass mein Inneres zu jedem Zeitpunkt der Aufführung emotional auf der Höhe der Geschichte ist. Fantastisch! Die Musik schenkt mir Momente zärtlicher Reinheit und anmutender Schönheit. Mirga Gražinytė-Tyla gelingt ein klanglich fein ausdifferenzierter zugleich jedoch stetig fließender musikalischer Strom, von dem ich mich emotional gerne tragen lasse.

Die Qualität aller Sänger und Sängerinnen auf der Bühne ist auf sehr hohem Niveau. Die beide Hauptpartien prägen das Stück und führen das sängerische Ensemble mit ihren überzeugenden Stimmen an. Sopran Elena Tsallagova singt das Füchslein Schlaukopf wach, neugierig, gewitzt, charmant. Sie entdeckt das Leben und packt es stimmlich beherzt mit beiden Händen. Im Liebesduett mit dem Fuchs singt sie jedoch scheu wie ein Reh. Jede der Emotionen und Charaktereigenschaften höre ich in ihrem stabilen Sopran voller Kraftreserven heraus. Bariton Wolfgang Koch spielt und singt den die Natur liebenden Förster, der zugleich vollen Respekt vor dem Zusammenspiel von Mensch, Tier und Natur hat, bravourös mit großartiger Präsenz.

Tiergewandete Sänger und Sängerinnen? „Richtiger“ Wald? Fehlanzeige. Das liegt am Regisseur Barrie Kosky. Er lässt die schwarze große Bühne leer. Dieser Raum wird musikalisch und in mir emotional dann am intensivsten gefüllt, wenn einzelne Personen in Stille oder unter dem Klang des Orchesters in die große schwarze tiefe Leere der Hinterbühne abgehen. Momente, in denen mir es kalt den Rücken hinunterrieselt.

Die Bühne Michael Levines wird durch glitzernde Bänder eingeteilt, die vom Bühnenboden herabgelassen werden. Die Bänder tropfen als Blut des Füchsleins fast am Ende der Oper. Sie fallen als Blätter. Sie bilden die Stämme des Waldes. Sie wehen als Schnee. Es pulst aus den Bändern die produktive Liebe des Fuchspaares hervor.

Das Licht von Franck Evin ist optische Instrumentation. Es lässt glitzern, wirft entscheidende Schatten, besorgt die Atmosphäre, die die Musik und die Handlung für mich im jeweiligen Moment herstellt, unterstützt und verstärkt. Besonders durch das Licht wird meine Vorstellungskraft und Fantasie entfacht, Figuren und Handlungsorte stehen mir lebhaft vor Augen. Ich vereine diese visuellen Eindrücke in meinem Inneren mit der kraftvollen Pracht der Musik.

So einfach, so packend. Alles an Ausstattung was es auf der Bühne neben der großen flachen Schwärze gibt, sind drei Löcher im vorderen Bereich: Tische in der Wirtshausszene. Fuchsbau. Fuchsgehege am Försterhaus. Mehr braucht es nicht. Alles andere darf ich mir in meiner Fantasie ausmalen unter dem Glitzern der Bänder.

Die bunteste Szene ist zugleich eine brutale. Das schlaue Füchslein stößt im Haus des Försters auf knallgelb gewandete menschliche Frauen, die die Hennen spielen. Und auf einen im wahrsten Sinne des Wortes sich produzierenden Hahnrei. Allesamt plustern sie sich auf der Stange sitzend auf ob ihrer ach so tollen Tätigkeit des Eierlegens. Diese Provokation des schlauen Füchsleins endet im Fiasko, denn dieses macht im Hühnerstall tabula rasa. Es fliegen die Federn. Abgetrennte Menschenköpfe und menschliche bestrapste Beine fliegen herum. So ist die Natur. Diese Szene ist realistisch, brutal und zugleich distanzierend, da es das Spiel der Menschen bleibt. Diese Szene ist exemplarisch für die spannende und gute Entscheidung Barrie Koskys, Menschen in den Tierrollen menschlich und nicht als Tier zu inszenieren. Ein wirkungsvoller Schachzug, denn damit lege ich meine volle Konzentration auf die Emotion, den An-Trieb der Handelnden.

Die Sehnsucht nach Liebe des Schulmeisters gleicht der des schlauen Füchsleins. Der Schulmeister verzehrt sich innerlich ohne sich zu offenbaren. Beim Füchslein läuft es besser, denn der Fuchsfrau gelingt die Öffnung hin zum Fuchsmann. Eine hinreißend zart zögerliche Szene, von den Sopranen Elena Tsallagova und Angela Brower wunderbar anrührend gespielt und gesungen. Respekt und Vorsicht, den anderen oder die andere nicht verletzen wollend, zugleich voll von Verlangen und Sehnsucht. Sanft, einfühlsam, abwartend und doch drängend. All das höre ich aus den beiden Stimmen, sehe ich in den Bewegungen ihres Spiels.

Ich stimme ein in den aufbrandenden langanhaltenden Applaus für alle Beteiligten. Bravo! für die großartige herausragende Orchesterleistung. Im Gehen höre ich hinter mir „was für ein schöner Abend!“ – ich stimme mit einem innerlichen Hüpfer vor mich hin lächelnd zu.

Frank Heublein, 3. Februar 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Musikalische Leitung Mirga Gražinytė-Tyla

Inszenierung Barrie Kosky

Bühne Michael Levine

Kostüme Victoria Behr

Licht Franck Evin

Chöre Stellario Fagone

Dramaturgie Katja Leclerc

Förster Wolfgang Koch

Die Frau Försterin Lindsay Ammann

Der Schulmeister Jonas Hacker

Der Pfarrer Martin Snell

Haraschta Milan Siljanov

Pasek Caspar Singh

Füchslein Schlaukopf Elena Tsallagova

Frau Pasek Mirjam Mesak

Fuchs Angela Brower

Das junge Füchslein Schlaukopf Solist des Kinderchors

Frantik Solist des Kinderchors

Pepik Solist des Kinderchors

Dackel Yajie Zhang

Hahn Andres Agudelo

Schopfhenne Eliza Boom

Grille Solist des Kinderchors

Heuschreck Solist des Kinderchors

Frosch Solist des Kinderchors

Specht Yajie Zhang

Mücke Jonas Hacker

Dachs Martin Snell

Eule Lindsay Ammann

Häher Mirjam Mesak

Junge Füchse Kinderchor der Bayerischen Staatsoper

Bayerisches Staatsorchester

Bayerischer Staatsopernchor

Kinderchor der Bayerischen Staatsoper

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