Lieses Klassikwelt 32: Klassiker Eiskunstlaufen

Lieses Klassikwelt 32: Eiskunstlaufen  klassik-begeistert.de

Foto (2014) wikipedia.de (c) – Katarina Witt (* 3. Dezember 1965 in Falkensee), ehemalige deutsche Eiskunstläuferin, die im Einzellauf für die DDR und nach der deutschen Einheit für Deutschland startete. Sie wurde zweimal Olympiasiegerin (1984, 1988) und mehrfach Weltmeisterin (1984, 1985, 1987, 1988). Seit Beendigung ihrer Karriere ist sie als Schauspielerin und Moderatorin tätig.

„Ein Abstand von zwei Metern im Paarlauf oder beim Eistanzen scheint absurd. Hebungen, Todesspiralen und Berührungen jeglicher Art ließen sich dann nicht mehr realisieren. Werden diese Disziplinen überleben? Erzwingt Corona eine Reduktion auf die Einzelkonkurrenz der Damen und Herren? Oder steht womöglich der gesamte Eiskunstlauf vor dem Aus? Derzeit türmen sich wie in der Kultur nur Fragen über Fragen. Und die Antworten will man sich am besten gar nicht ausmalen.“

von Kirsten Liese

Fußball, internationale Messen oder das Münchner Oktoberfest, das sind wohl die einzigen Großveranstaltungen, die in den Medien im Kontext mit Corona zur Sprache kommen.

Die Frage, ob und wann Kinos, Theater und Opernhäuser wieder ihren Spielbetrieb aufnehmen könnten, stellt dagegen kaum einer im deutschen Fernsehen. Das stimmt traurig und ist eigentlich doch kaum verwunderlich vor dem Hintergrund, dass das Gros der Deutschen an der Hochkultur gar nicht partizipiert.

Es gibt allerdings auch Disziplinen im Sport, für die sich nur eine Minderheit interessiert, etwa das Eiskunstlaufen. Die Corona-bedingte Absage der diesjährigen Weltmeisterschaften Ende März in Montréal wurde jedenfalls noch nicht einmal in den Nachrichten erwähnt.

Zu meinem  Leidwesen ließen sich  internationale Meisterschaften im Eiskunstlaufen allerdings schon in den vergangenen Jahrzehnten im Fernsehen kaum noch verfolgen, weil ihnen keine Beachtung geschenkt wurde.  Eine Ausnahme war der Olympiasieg von Aljona Savchenko und Bruno Massot 2018 im Paarlauf. Es war tatsächlich eine ganz besondere Kür, bestimmt von lyrischer Schönheit und Anmut zu der passenden Musik,  und als das erste deutsche olympische Paarlauf- Gold bei Olympischen Spielen seit 66 Jahren ein historisches Ereignis.

Einen vergleichbaren Erfolg für die deutsche Eislaufunion wird es vermutlich angesichts der mangelnden Popularität dieses Sports hierzulande so bald nicht wieder geben. Zumal in Zeiten von Corona.

Das war in den 1970er Jahren, als mich die Faszination für diesen Sport erfasste, anders. Zwar kann ich selbst  auf Schlittschuhen noch nicht einmal rückwärts laufen, aber die Wettbewerbe der Besten habe ich mir damals immer angesehen. Dankenswerterweise hat das DDR-Fernsehen, das ich in West-Berlin empfangen konnte, die  Europa- und Weltmeisterschaften stets ausführlich übertragen. So  konnte man nicht nur die Auftritte der Favoriten live verfolgen, sondern alle Kandidaten, die unter die ersten 20 kamen. Bis in die Nacht hinein fieberte ich mit, gespannt stets auch auf die damals nicht immer ganz objektive Punktwertung bis zur Höchstnote 6,0, die nur selten für überragende Höchstleistungen vergeben wurde. Sogar der  Name des Reporters, Heinz-Florian Oertel, ist mir noch in Erinnerung geblieben.

Der war immer ganz aus dem Häuschen, wenn  Läuferinnen und Läufern aus Chemnitz – damals Karl-Marx-Stadt – und Ostberlin eine perfekte Kür gelang. Meine ganz besondere Favoritin Anfang und Mitte der 70er Jahre war die Ost-Berlinerin Christine Errath. Ich fand sie so unglaublich hübsch, wie sie mit ihrem weißen Tuff, den sie immer im Haarknoten trug, elegant über das Eis glitt oder bisweilen als kesse Biene mit spitzbübischem Lächeln auftrat und komische Elemente in ihre Darbietung einbrachte. Und so ging ich mit, wenn Oertel  ganz aus dem Häuschen war und über „unsere Christine“  und ihre perfekten Doppelaxel schwärmte.

Freilich war ich mir darüber bewusst, dass all diese Schönheit einen hohen Preis hatte, man als Zuschauer meist nur den Erfolg der wenigen sah, für die sich der Traum vom Siegertreppchen erfüllte. Wie Eisprinzessinnen im Training gedrillt wurden, sich schindeten, schwere Verletzungen einhandelten, und nach verpatzter Kür Tränen vergossen, zeigte  die Fernsehkamera nicht.

Foto: wikipedia.de (c) Aljona Savchenko, ursprünglich ukrainisch Оле́на Валенти́нівна Са́вченко, Olena Walentyniwna Sawtschenko (* 19. Januar 1984 in Obuchiw, Oblast Kiew, Ukrainische SSR, Sowjetunion), ist eine ukrainisch-deutsche Eiskunstläuferin, die im Paarlauf startet. Sie wurde bei den Olympischen Spielen 2018 zusammen mit Bruno Massot für Deutschland Olympiasiegerin und bei den Weltmeisterschaften 2018 in Mailand zum sechsten Mal Weltmeisterin. Mit ihrem ehemaligen Eiskunstlauf-Partner Robin Szolkowy gewann sie fünfmal die Welt- und viermal die Europameisterschaft.

Stets überkam mich großes Mitleid, wenn bei einer Kandidatin im entscheidenden Moment die Nerven nicht mitspielten, jemand stürzte oder die eingeplanten Sprünge nicht bringen konnte und hinterher über sein Versagen verzweifelte. Bei manchen Läuferinnen konnte ich gar nicht hinschauen, ohne mitzuzittern, man sah ihnen ihre Nervosität schon an.

Bei uns im Westen wurde über diese negativen Seiten des harten Geschäfts häufiger in Illustrierten berichtet, im Osten, wo sich Funktionäre im Erfolg ihrer Sportler sonnten, freilich nicht. Und das trug vermutlich auch dazu bei, warum diese Sportart in Deutschland nach dem Zusammenbruch der DDR keine größere Beliebtheit mehr erlangte. Zumal sich mit Eiskunstlauf keine  Millionengeschäfte machen lassen wie mit Fußball oder Tennis.

Gleichwohl hat mich die Faszination bis heute nicht losgelassen. Noch einmal wurden meine Erinnerungen an meine Lieblingseisprinzessin sehr lebendig, als 2017 Alexandra Sells Spielfilm „Die Anfängerin“ in die Kinos kam. In dieser fiktiven Geschichte entschließt sich eine Ärztin,  ihren großen unverwirklichten  Jugendtraum vom Eiskunstlaufen nachzuholen.  Im Stadion trifft sie auf Christine Errath, die sich im Film selbst spielt und mit 60 Jahren eigens für diesen Auftritt noch einmal trainierte. Was sie da in diesem Alter noch einmal zeigt – sensationell. Ein solches Wiedersehen hatte ich nicht erhofft, zumal es mir so vorkam, als sei unter den erfolgreichen deutschen Eisprinzessinnen einzig und allein die berühmte Katarina Witt im kollektiven Gedächtnis geblieben.

Meine Euphorie hatte natürlich auch etwas mit der Musik zu tun. In den 70ern und 80ern  bevorzugten  Läuferinnen und Läufer Klassik, und im besten Fall gelang ihnen eine auf die Melodien und Klänge abgestimmte Choreographie, durchwirkt von eindrucksvollen Posen, Pirouetten, Sprüngen und raffinierten Schrittfolgen.

Es war so ziemlich alles dabei: Barockmusik und Romantik, Filmmusik, vor allem auch viel französische und russische Musik von Bizet, Ravel, Debussy, Rimsky-Korssakow, Rachmaninoff und Tschaikowsky.

Noch heute geht es mir so, dass ich manchmal vor dem inneren Auge Momentaufnahmen aus einer Kür sehe, wenn ich bestimmte Musik höre. So geht es mir insbesondere mit Rimsky-Korssakows Sheherazade,  die der britische Weltmeister von 1976,  John Curry, genial umsetzte. Da wirkte jede Bewegung wie abgezirkelt, das war  Ballett auf dem Eis à la Rudolf Nurejev.

Wie Curry beim Herren-Einzel zauberte das russische Eistanzpaar Irina Moiseewa und Andrej Minenko mit ihrer Interpretation von „Romeo und Julia“ nach Tschaikowsky Ballett aufs Eis, als großes Drama mit ausdrucksstarker Mimik, und Gestik. Die Emotionen dieser Musik, Schmerz und Leidenschaft, übertrugen sich bis in die Fingerspitzen hinein.

Pjotr Tschaikowski, Öl auf Leinwand, 1893, Nikolai Kusnezow, Tretjakow-Galerie

Aber auch Tschaikowskys erstes Klavierkonzert  kann ich kaum hören, ohne an die deutsche Meisterin Isabelle de Navarre zu denken, die bei internationalen Wettkämpfen allerdings nie eine Medaille errang, weil sie – oftmals schon zu den imposanten Akkorden zur Eröffnung des ersten Satzes  –  stürzte und zu wenige Höchstschwierigkeiten zeigte.

Natürlich zählte auch  Katarina Witt, erfolgreichste deutsche Läuferin und Schützling der erfolgreichen DDR-Trainerin Jutta Müller, zu meinen Lieblingen. Wie Errath war sie ausgesprochen hübsch und mir gefiel es, dass sie dezidiert dafür eintrat, künstlerischem Ausdruck und Choreographie mehr Bedeutung beizumessen. Zeitweise reihten Kolleginnen nur einen Sprung an den nächsten.  Ihre „Carmen“  zählt für mich zum Schönsten, was der Eiskunstlauf bei den Damen hervorgebracht hat. Wobei ich wie Witt lieber Athletinnen über 20 mit einer gewissen fraulichen Ausstrahlung zusehe als Kindern um die 14.

Katarina Witt

Musik von Puccini, diverse Walzer von Johann Strauß, Auszüge aus Richard Strauss‘ Also sprach Zarathustra   und Bizets Arlesienne-Suite zählen zu weiteren Evergreens, die in den Eislaufhallen oft zu hören waren.

Dank Youtube, wo ich mich immer mal wieder auf Zeitreisen begebe und nach historischen Aufzeichnungen stöbere, entdeckte ich erst kürzlich eine tolle Kür von Ljudmila Smirnova und Andrei Surakin von 1971 zu Motiven aus dem langsamen Satz der dritten Brahms-Sinfonie. Rückblickend  spricht mich diese Kür künstlerisch noch stärker an als die der unschlagbaren Dauergewinnerin Irina Rodnina mit ihrem Partner Alexei Ulanow im selben Jahr. Mit 13 Titeln war Irina Rodnina – wenngleich mit Pferdegebiss und strammer Figur äußerlich weniger attraktiv  – die erfolgreichste Paarläuferin aller Zeiten  und erfreute sich bei den Juroren solcher Beliebtheit, dass sie selbst Gold gewann, wenn ihr Partner Alexander Saizew einmal auf dem Hosenboden landete. Sie selbst bewegte sich allerdings schlafwandlerisch sicher und in flotten Tempo auf dem Eis. Bei ihr musste man nie zittern, wenn sie zu einem Sprung ansetzte. Unvergessen sind mir vor allem ihre Zugaben bei Schaulaufen: Da präsentierte sie sich mit ihren Partnern traditionell mit rasanten Schrittfolgen und Hebungen zu dem russischen Volkslied „Kalinka“.

Dass ihr erster Partner Alexei Ulanow sie 1971 nach den Weltmeisterschaften verließ, weil er sich in ihre Rivalin Smirnowa verliebte und fortan mit ihr beim Paarlaufen antrat, las ich erst später.

Aus der jüngeren Vergangenheit  sind mir noch Carolina Kostner und die Japanerin Mao Asada mit Choreographien von besonderer Schönheit und Leichtigkeit in Erinnerung geblieben. Eine bezaubernd lyrische  Kür zauberte Kostner –  äußerlich ein ähnlich femininer  Typ wie Katharina Witt –  2007 zu dem berühmten Kanon von Pachelbel aufs Eis. Weitere bestechende Interpretationen gelangen ihr zu Schuberts  Ave Maria,  Ravels Bolero  oder auch zu Debussys  L’apres-midi d’un faune.

Rudi Cerne

Ein besonders eleganter Läufer in der Herrenkonkurrenz, und ausnahmsweise mal einer aus der westdeutschen BRD, war Rudi Cerne, den heute viele vermutlich nur noch als Sportmoderator beim ZDF und als Moderator der Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ kennen. Auch seine Stärken lagen im künstlerischen Ausdruck, wobei es schön anzusehen war, wie seine dreifachen Rittberger oder Doppelaxel fast wie nebenbei in seine Choreographien einflossen. Auf Youtube kann man seine erfolgreichste Kür, die ihm 1984 immerhin eine Silbermedaille bei Europameisterschaften und einen respektablen vierten Platz bei den Olympischen Spielen einbrachte, noch einmal sehen. Und auch was die Musik anging, bezeugte seine Wahl einen exklusiven, guten Geschmack: Mozart war ebenso dabei wie Auszüge aus Adolphe Adams französischer Oper „Wenn ich ein König wäre“.

Auf solche musikalischen Delikatessen wartete man in den vergangenen Jahren zusehends seltener wie überhaupt immer weniger Läufer sich von Klassik inspirieren lassen. Schon mehrfach fand ich die Klangkulissen derart lärmend und scheußlich, dass ich die Musik im Fernseher abgedreht und mir nur die Bewegungen angesehen habe.

Nun aber erscheint alles noch dramatischer.  Ein Publikum mit Mundschutz oder ein Geisterwettbewerb ohne Publikum lässt sich ja noch denken. Aber ein Abstand von zwei Metern im Paarlauf oder beim Eistanzen scheint absurd. Hebungen, Todesspiralen und Berührungen jeglicher Art ließen sich dann nicht mehr realisieren. Werden diese Disziplinen überleben? Erzwingt Corona eine Reduktion auf die Einzelkonkurrenz der Damen und Herren? Oder steht womöglich der gesamte Eiskunstlauf vor dem Aus?

Derzeit türmen sich wie in der Kultur nur Fragen über Fragen. Und die Antworten will man sich am besten gar nicht ausmalen.

Kirsten Liese, 24. April 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

© Kirsten LIese

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