Lieses Klassikwelt 4 / 2019: Emanzipation, #MeToo und Sexismus auf der Opernbühne

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Apropos Liebe und Sexualität: Natürlich freut es mich, dass dank #MeToo sexuelle Belästigung kein Kavaliersdelikt mehr ist. Nur verwundere ich mich darüber, dass die öffentliche Empörung um Regisseure einen Bogen macht als gäbe es keinen Sexismus auf der Opernbühne. Sängerinnen wird bisweilen unerhört viel zugemutet.

von Kirsten Liese

Die Anfänge meiner beruflichen Laufbahn vor 25 Jahren waren nicht einfach. Die Feministin Alice Schwarzer hatte Recht, als sie damals sagte, eine Frau müsse doppelt so gut sein wie ein Mann. In den Redaktionen, für die ich arbeitete, saßen überwiegend Männer.

Heute bin ich auf Premieren, Pressekonferenzen und Festspielen immer noch überwiegend von männlichen Korrespondenten umringt, aber in den Redaktionen bin ich nur noch selten mit Machos konfrontiert, muss weniger kämpfen und erfahre mehr Wertschätzung. Und profitiere davon, dass in vielen Bereichen der Hochkultur ausdrücklich mehr Frauen erwünscht sind. Das nenne ich Fortschritt!

Komponistinnen erhalten dennoch zu wenig Aufmerksamkeit. Clara Schumann, deren 200.Geburtstag die Musikwelt aktuell feiert, und Fanny Hensel, Schwester Felix Mendelssohn- Bartholdys, sind wohl immer noch die einzigen bekannteren Namen aus Zeiten der Romantik. Insofern ist es eine sehr verdienstvolle Initiative des Palazetto Bru Zane, im kommenden Frühjahr der „Entdeckung der Komponistinnen“ ein eigenes Festival auszurichten. Die Französinnen Louise Farrenc und Lili Boulanger, erste Preisträgerin des Prix de Rome, kommen da neben weniger bekannten Persönlichkeiten wie Melanie Bonis, Cécile Chamin oder Virginie Morel zu Ehren.

Bei der zeitgenössischen Musik sieht es womöglich besser aus. Die Namen Sofia Gubaidulina und seit einiger Zeit den der aus Israel kommenden Chaya Czernowin lese ich jedenfalls häufiger. Von Czernowin gelangt in Berlin demnächst die Oper „Heart Chamber“ zur Uraufführung – ein Stück, in dem die Komponistin nach eigenen Worten die Liebe im 21. Jahrhundert erforschen will. Klingt spannend.

Apropos Liebe und Sexualität: Natürlich freut es mich, dass dank #MeToo sexuelle Belästigung kein Kavaliersdelikt mehr ist. Nur verwundere ich mich darüber, dass die öffentliche Empörung um Regisseure einen Bogen macht als gäbe es keinen Sexismus auf der Opernbühne. Sängerinnen wird bisweilen unerhört viel zugemutet. Ich erinnere mich da ganz besonders an eine Inszenierung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ an der Komischen Oper Berlin von Calixto Bieito. Da musste die Sopranistin zu der „Martern“-Arie der Konstanze masturbieren oder jedenfalls so tun als ob.

Mir sind auch frauenfeindliche Sprüche von Intendanten zu Ohren gekommen. Ein Intendant der Komischen Oper Berlin soll einer Sängerin, die von einer Rolle freigestellt werden wollte, belustigt entgegnet haben, er könne sie davon nicht entbinden, sie würde so „gut ficken“. Das ist zwar lange her, aber Vorfälle, die dem Startenor Placido Domingo oder dem Dirigenten James Levine angelastet werden, liegen nicht minder weit zurück.

Im Übrigen sehe ich immer noch Prostitution auf der Bühne wie aktuell in einer Frankfurter Produktion von Puccinis „Manon Lescaut“. Da räkelt sich die litauische Opernsängerin des Jahres Asmik Grigorian im zweiten Akt, dürftig bekleidet und mit nacktem Bauch, an einer Poledance-Stange.
Immerhin erzählt Christian Schwochow in seinem 2011 gedrehten Spielfilm „Die Unsichtbare“ von der unter Regisseuren verbreiteten Tyrannei. In seinem Film verlangt ein cholerischer Theaterregisseur von der Titelheldin, mit anderen Studenten eine Vergewaltigungsszene nachzuspielen. Die junge Frau geht auch mit dem Typen ins Bett, bis es ihr schließlich wie Schuppen von den Augen fällt, dass er sich wie ein Blutegel an die Psyche seiner Schauspieler ansaugt, bevor er sie fallen lässt.

Ich selbst kann glücklicherweise zu #MeToo wenig beitragen. Es kam nur einmal in einem Interview mit dem weiland schon sehr alten Filmproduzenten Artur Brauner vor, dass er meine Hand streichelte. Ich schob sie einfach beiseite, und damit hatte sich das. Die Sache war zu harmlos, als dass man sie künstlich aufbauschen müsste.
Unter den Dirigentinnen im beginnenden 21. Jahrhundert herrschte übrigens noch eine gewisse Verhaltenheit zu dieser Thematik. Weder Simone Young noch die amerikanische Dirigentin Karen Kamensek, mit denen ich Interviews führte, wollten über ihre Schwierigkeiten in ihrem Beruf reden. Sie hatten wohl Sorge, in die feministische Ecke geschoben zu werden. Young leitete immerhin als erste Frau der Welt die Wiener Philharmoniker.

Inzwischen sieht es an der Dirigentinnen-Front besser aus. Mit Riccardo Muti setzt sich ein ganz Großer für Frauen ein: Mit der Wahl-Berlinerin Erina Yashima hat er ein Talent aus seiner italienischen Opernakademie zu seiner Assistentin in Chicago gemacht.

Die aus Niedersachsen kommende Joanna Mallwitz wurde gerade mehrfach zur Dirigentin des Jahres gekürt. In Frankfurt wird sie in Kürze die selten gespielte Oper „Penelope“ von Fauré dirigieren. Das lasse ich mir nicht entgehen.

Kirsten Liese, Berlin, 18. Oktober 2019, für
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Die gebürtige Berlinerin Kirsten Liese (Jahrgang 1964) entdeckte ihre Liebe zur Oper im Alter von acht Jahren. In der damals noch geteilten Stadt war sie drei bis vier Mal pro Woche in der Deutschen Oper Berlin — die Da Ponte Opern Mozarts sowie die Musikdramen von Richard Strauss und Richard Wagner hatten es ihr besonders angetan. Weitere Lieblingskomponisten sind Bruckner, Beethoven, Brahms, Schubert und Verdi. Ihre Lieblingsopern wurden „Der Rosenkavalier“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“ und „Le nozze di Figaro“. Unvergessen ist zudem eine „Don Carlos“-Aufführung 1976 in Salzburg unter Herbert von Karajan mit Freni, Ghiaurov, Cossotto und Carreras. Später studierte sie Schulmusik und Germanistik und hospitierte in zahlreichen Radioredaktionen. Seit 1994 arbeitet sie freiberuflich als Opern-, Konzert- und Filmkritikerin für zahlreiche Hörfunk-Programme der ARD sowie Zeitungen und Zeitschriften wie „Das Orchester“, „Orpheus“, das „Ray Filmmagazin“ oder den Kölner Stadtanzeiger. Zahlreiche Berichte und auch Jurytätigkeiten führen Kirsten zunehmend ins Ausland (Osterfestspiele Salzburg, Salzburger Festspiele, Bayreuther Festspiele, Ravenna Festival, Luzern Festival, Riccardo Mutis Opernakademie in Ravenna, Mailänder Scala, Wiener Staatsoper). Als Journalistin konnte sie mit zahlreichen Sängergrößen und berühmten Dirigenten in teils sehr persönlichen, freundschaftlichen Gesprächen begegnen, darunter Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf, Mirella Freni, Christa Ludwig, Catarina Ligendza, Sena Jurinac, Gundula Janowitz,  Edda Moser, Dame Gwyneth Jones, Christian Thielemann, Riccardo Muti, Piotr Beczala, Diana Damrau und Sonya Yoncheva. Kirstens Leuchttürme sind Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache, Riccardo Muti und Christian Thielemann. Kirsten ist seit 2018 Autorin für klassik-begeistert.de .

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