Sir Simon Rattle gibt eine musikalische Europareise mit Schwerpunkt Frankreich

London Symphony Orchestra, Sir Simon Rattle, Dirigent  Wolkenturm, Grafenegg, 26. August 2022

Foto: Sir Simon Rattle © Oliver Helbig

Wolkenturm, Grafenegg, 26. August 2022

Hector Berlioz: Ouvertüre „Le Corsaire“ op. 21

Daniel Kidane: Sun Poem (Österreichische Erstaufführung)

Maurice Ravel: „La Valse“, Poème choréographique

Jean Sibelius: Symphonie Nr. 7 in C-Dur op. 105

Béla Bartók: „Der wunderbare Mandarin“ Konzertsuite op. 19

London Symphony Orchestra
Sir Simon Rattle, Dirigent

von Herbert Hiess

Dieser erste Abend des zweitägigen Gastspiels des Londoner Spitzenorchesters unter seinem Chef Sir Simon Rattle wird in die Annalen des seit 15 Jahren bestehenden Festivals am Kamp eingehen. An dieser Stelle muss man dem Intendanten Rudolf Buchbinder dankbar sein, dass er in diese wundervolle Spielstätte so großartige Künstler anzulocken vermag.

Am Tag vor dem Konzert war ein anderes Orchester mit einer Solistin zu hören; in diesem Fall ist es besser, den Mantel des gnädigen Schweigens darüber zu breiten. Dafür war dieses Konzert unter Sir Simon eine Offenbarung par excellence.

Tatsächlich gibt es hier eine musikalische Europareise mit Schwerpunkt Frankreich; so begann der Abend schon mit einer fulminanten Wiedergabe von Berlioz’ Ouvertüre „Le Corsaire“, die mit schwierigsten Streicherfiguren beginnt. Nach dem Auftritt des charismatischen Maestros begann das phantastische Orchester scheinbar mühelos mit der Ouvertüre – phantastisch bis hin zum „schweren Blech“. Beispielhaft hier auch die exzellenten Holzbläser.

Danach kam ein Werk des 36-jährigen britischen Komponisten Daniel Kidane mit dem Titel „Sun Poem“. Sehr professionell gespielt und komponiert; letztlich fällt es hier trotzdem schwer, einen Bezug zur Sonne herzustellen. Kompositorisch handwerklich ein tolles Stück.

Vor der Pause kam die Referenz zu Wien mit Maurice Ravels „La Valse“. Ein für Ballett konzipiertes Stück mit Bezug zum Wiener Walzer; ausgeschmückt mit impressionistischen Elementen. Unvergleichlich die Interpretation von Sir Simon und dem Orchester. Da flirrt es bei den Geigen, die Kontrabässe spielen einen scheinbar holprigen Walzerrhythmus, die Holzbläser werfen sich notenmäßig Signale zu. Und nicht zu vergessen das großartige Schlagwerk und die Blechbläser. Großartig vor allem die öfters mit „Flatterzunge“ spielenden Flötisten. Und nicht zu vergessen, wie Sir Simon wunderbar im Sinne des Wiener Walzers phrasieren lässt. Das wäre ein offenkundiges Signal für ein Neujahrskonzert mit dem Maestro – nur so nebenbei!

London Symphony Orchestra © Ranald Mackechnie

Nach der Pause Sibelius 7.; eines der anspruchsvollsten und „philosophischsten“ Werke des finnischen Komponisten. Hier experimentiert Sibelius sowohl tonal als auch rhythmisch. Das in „harmlosen“ C-Dur komponierte Werk beginnt mit zwei leisen Paukenschlägen auf der Dominante (G) und mit einer von a ansteigenden Tonleiter, um nicht erwartungsgemäß in C-Dur zu enden, sondern in einem fast dissonanten Akkord Es-As-Ces-Es. So geht es in der phantasiehaften Symphonie locker weiter; danach kommt eine wunderschöne Kantilene der Celli und Bratschen, das in einer mehr als berührenden Sequenz der in Piano spielenden Posaunen und Trompeten mündet. Diese werden durch fast heitere Lied- und Tanzpassagen abgelöst, um immer wieder ins Schwermütige zu verfallen.

Diese Symphonie ist vielleicht ein Schlüsselwerk von Sibelius und eigentlich die „finnischste“ aller seiner Symphonien; bildhaft kann man sich die Weiten der Tundren des Landes vorstellen.

Schon nach den ersten Takten der Symphonie mit den Synkopen der Kontrabässe war klar, dass hier Rattle eine Sternstunde zelebrierte. Selten noch hat man dieses Werk so fein abgestimmt, wehmütig und doch mitreißend gehört. Ein denkwürdiges Ereignis.

Danach ging die Reise weiter nach Ungarn, nämlich mit Bartóks Konzertsuite „Wunderbarer Mandarin“. Ein total wildes Stück mit wenigen Ruhemomenten; eine orchestrale Referenz für das großartige Orchester.

Eine ruhige Zugabe beschloss das Konzert – Gabriel Fauré „Pavane“; hier wieder mit der phantastischen Soloflöte. Nach diesem Abend kann man sich nur auf das Folgekonzert mit Mahlers 2. Symphonie („Auferstehung“) freuen.

Herbert Hiess, 27. August 2022, für                                                                     klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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