Salzburger Festspiele: 85 Stimmen verschmelzen für ein geeintes Europa

Gustav Mahler Jugendorchester, Dirigent Jukka-Pekka Saraste  Felsenreitschule, Salzburg, 25. August 2022

Foto: Jukka-Pekka Saraste © Felix Broede

Salzburger Festspiele 2022
Felsenreitschule, Salzburg, 25. August 2022

Franz Schubert
Symphonie Nr. 3 D-Dur D200

Jean Sibelius
Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 43

Gustav Mahler Jugendorchester
Dirigent   Jukka-Pekka Saraste

 von Sandra Grohmann

Es ist ein Abend der übergeordneten Themen, die Zuversicht ins Dunkel dieser Zeit bringen.

Erstens: Wir sind, als Menschheit, in der Lage, Fehler zu korrigieren; zum Beispiel konnten wir – wenn auch spät – erkennen, dass Schubert und Sibelius wunderbare Symphoniker waren, und erfreuen uns seither an ihren Orchesterwerken. Immerhin.

Zweitens: D-Dur, die Tanz- und Festtonart, von der Berlioz sagte, sie sei fröhlich, laut und ein wenig gewöhnlich.

Und drittens: Europa, das sich im Gustav Mahler Jugendorchester trifft.

Die beiden Symphonien, die an diesem freundlichen Sommerabend auf dem Programm der Salzburger Festspiele stehen, sind lebensbejahende Stücke. Schuberts Dritte ist eine Aufforderung zum Tanz, zugleich auch eine immer wieder anders verstandene Auseinandersetzung mit der Musik seiner Zeit, voller Übermut und musikalischer Überraschungen. Ein Werk, das ich sehr mag.

Sibelius’ Zweite hingegen höre ich zum ersten Mal – mir ist Sibelius insgesamt nicht besonders vertraut, von den im allgemeinen kulturellen Gedächtnis gespeicherten Ohrwürmern einmal abgesehen. Diese zweite Symphonie galt dem nordischen Meister selbst, so lese ich, als Auferstehungswerk, mit dem er eine Krise abschloss.

Liegt es nun daran, dass ich beide Werke so unterschiedlich gut kenne? Oder daran, dass das Orchester sich erst die Schwiegersohn-Bravheit vom Leibe spielen muss? Oder gar an dem für Herbert Blomstedt am Pult eingesprungenen Jukka-Pekka Saraste, der – wie mir scheint – mit der zur Schau getragenen Gelassenheit eines Altmeisters eher seine eigene Weißhaarigkeit zelebriert als die Jugend des Orchesters in knisternde musikalische Elektrizität zu überführen?

© Salzburger Festspiele / Marco Borrelli:
Gustav Mahler Jugendorchester Ingo Metzmacher, Dirigent

Ich halte ja an sich nichts davon zu meinen, dass Dirigenten zu Höchstform auflaufen, wenn sie Werke von Komponisten ihrer eigenen Nationalität aufführen. Und es mag sein, dass ich, insbesondere in den ersten beiden Sätzen des Werks von Franz Schubert, das Mitreißende, das Elektrisierende vor allem deshalb vermissen konnte, weil ich dazu eine eigene Hörvorstellung habe. Natürlich erhoffe ich eine aussagekräftige Dynamik, freue ich mich auf riskant ausgespielte Rhythmik, auf knackige Punktierungen, die mich gefangen nehmen und außer Atem kommen lassen. Das führt heute Abend zu einer gelinden Enttäuschung zumindest bis zum dritten Schubert-Satz. Vielleicht erwarte ich zu Spezifisches. Immer wieder höre ich, dass Menschen klassische Musik intensiver aufnehmen, wenn sie sie ohne Vorkenntnisse, ohne Vor-Stellung erleben. In dieses Stadium komme ich mit Schubert nicht mehr.

Aber vielleicht kann ich solch naiven Zauber immerhin aufgrund der Ahnungslosigkeit erleben, die ich für Sibelius’ Zweite in Anspruch nehmen muss. Alles, was hier vor gut 100 Jahren neu gedacht wurde, kann mich tatsächlich noch überraschen. Und auf diese Entdeckungsreise lasse ich mich gern mitnehmen. Das Orchester koloriert das ganz große Gemälde mit 85 hervorragend zusammenwirkenden Musikerinnen und Musikern. Bratschen und Celli verschmelzen in rauchigem Ton. Flöte und Holzbläser graben sich ins Herz. Die Hörner spielen sagenhaft präzise (wie schön wäre es, wenn alle Orchester dieser Welt solche Hornistinnen und Hornisten hätten! Keine Kiekser, keine verpatzten Einsätze!), die Pauken hochkonzentriert. Die Streicher bestens intoniert. Die Kontrabässe, dann die Celli mit einem unglaublich präzisen Pizzicato-Solo. Wie überhaupt das Orchester geradezu sagenhaft einstimmig gespielt hat.

Und damit kommen wir zur Lobhudelei, die ich hier eigentlich loswerden möchte. Denn ich nörgele auf hohem Niveau. Wer sich unter einem Jugendorchester ein besseres Schulorchester vorstellt, ist mit dem Gustav Mahler Jugendorchester bekanntlich komplett auf dem Holzweg – die Felsenreitschule ist folglich komplett ausverkauft, was sich für andere hochrangig besetzte Konzerte der Festspiele heuer durchaus nicht behaupten lässt. Abend für Abend bekommt man locker noch Karten. Hier aber ist der Saal brechend voll, und zu Recht: Unbestritten die technische Meisterschaft dieses paneuropäischen Orchesters mit den strengen Auswahlkriterien (zweitausend Bewerber jährlich auf aktuell 160 Angehörige). Einzigartig sein Rang. Und glänzend seine Botschaft: Ganz Europa spricht mit einer einzigen, klaren Stimme.

Dieser europäische Ruf erklang nach Abschluss des Konzerts in einem besonderen Gänsehautmoment. Das Publikum hatte sich längst auf den Weg aus dem Saal gemacht, während die jungen Musikerinnen und Musiker sich auf der Bühne noch umarmten und einander fotografierten. Schon dies zu betrachten ging zu Herzen. Unvermittelt aber heben die Blechbläser ihre Instrumente und das gesamte Orchester stimmt in einen fröhlichen Marsch ein, der offensichtlich allen vertraut ist: An bestimmten Stellen hüpfen sie alle gemeinsam in die Höhe, manche sogar aus der Hocke. Die Oboistinnen eilen aus der Garderobe wieder auf die Bühne. Das will keiner verpassen! Was für ein Stück das ist? Die im Hinausgehen angesprochenen Musiker wissen es selbst nicht so genau: Irgendein spanischer Marsch, das ist so ein Ding vom „Brass“ – die Blechbläser haben das eingebracht, sagen sie vergnügt. Das Publikum, soweit es noch im Saal ist, lässt sich anstecken. Beschwingt in die Salzburger Nacht.

Sandra Grohmann, 27. August 2022,  für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Liederabend Diana Damrau Sopran, Xavier de Maistre  Harfe Salzburger Festspiele, Haus für Mozart, 23. August 2022

Wiener Philharmoniker, Daniel Barenboim Salzburger Festspiele, Großes Festspielhaus, 20. August 2022

West-Eastern Divan Orchestra, Daniel Barenboim Salzburger Festspiele, 10. und 11. August 2022

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.