Herbert Blomstedt: 94… und kein bisschen leise

Grafenegg Festival 2021, Wiener Philharmoniker, Herbert Blomstedt  Konzert am 2. September 2021 im Wolkenturm, Grafenegg

Grafenegg Festival 2021
Konzert am 2. September 2021 im Wolkenturm, Grafenegg

Franz Schubert: Symphonie Nr. 7 in h-moll D 759
Anton Bruckner: Symphonie Nr. 4 in Es-Dur „Romantische“
Wiener Philharmoniker
Herbert Blomstedt, Dirigent

von Herbert Hiess

… auch wenn der Titel dieses Liedes etwas abgedroschen klingt; bei Herbert Blomstedt passt es auf alle Fälle. Der am 11. Juli 1927 (!) als Sohn schwedischer Eltern in den USA geborene Dirigent ist in vieler Hinsicht ein Phänomen.

Offenbar muss der Mann genetische Eigenschaften wie ganz wenige Menschen haben. Er dirigiert das Konzert mit einem gewaltigen Programm auswendig, steht dabei die ganze Zeit und bewegt sich am Pult wie ein weitaus jüngerer Mann. Gerade noch beim Auftritt könnte man aufgrund der Motorik sein höheres Alter erahnen; sicher aber keine 94 Jahre.

Musikalisch steht Blomstedt sowieso außer Diskussion. Mit sparsamen, fast minimalistischen Gesten führt er durch Schuberts einzigartige Symphonie. Nach der Nummerierung kommt diese siebente Symphonie vor der „Großen C-Dur“-Symphonie; also die achte. Deswegen ist auch die Bezeichnung „Unvollendete“ mehr als fragwürdig.

Blomstedt ließ im ersten Satz sogar die Wiederholung spielen; das unvergleichliche Cello-Thema kann man auch nicht oft genug hören. Über das Orchester braucht man sowieso nicht zu reden; jede Instrumentengruppe ist für sich ein Ereignis. Wenn die Geigen sanft das Cello-Thema übernehmen und die Celli mit ebensolchen Einwürfen darauf reagieren – dann ist der musikalische Kosmos erreicht.

Und das Andante war in diesem Konzert unerreicht. Blomstedt ließ den völligen Weltschmerz erahnen, den Schubert gespürt haben muss. Finanziell ging es ihm 1822 sehr schlecht und auch sein Gesundheitszustand ließ zu wünschen übrig. Was auch furchtbar traurig ist – so wurde aber der Nachwelt ein musikalisches Erbe hinterlassen, das seinesgleichen sucht. Blomstedt realisierte mit den Philharmonikern ein seltenes Ereignis. Dieses Andante ist kompositorisch so vollendet, dass auch kein anderer Satz bzw. andere Sätze hier passen würden. Schon allein deswegen ist die Bezeichnung „Unvollendete“ mehr als bedenklich.

Mit sanften und sparsamen Bewegungen dirigierte er in diesem Satz Rubati, die man sonst allzu selten hört. Die Übergänge waren hier auch völlig homogen; das Seitenthema dieses Andantes mit den synkopierten Geigen und den raunenden Celli war ein Ereignis für sich – nicht zu vergessen dabei die großartigen Einlagen der Holzbläser.

Dafür konnten die Blechbläser bei Bruckners „Romantischer“ brillieren. Angefangen das souveräne Hornsolo am Beginn, das jedem Hornisten mittelschweres Nervenflattern verursacht, bis hin zu der mächtigen Blechgruppe (Hörner, Trompeten, Posaunen und Tuba). Blomstedt und das ganze Orchester setzten hier Bruckner ein akustisches Denkmal.

Tempi und Dynamik waren wohldosiert; Blomstedt konnte hier jede Steigerung gezielt einsetzen. Der zweite Satz; das marschmäßige Andante, das sehr oft in Langeweile ausartet, war schon von Beginn an mit den gedämpften Geigen eine Freude zu hören. Genial auch im Mittelteil die Bratschengruppe. Eigentlich das einzige Werk Bruckners, bei dem die Bratschen so viel eigenständig zu spielen haben.

Das Scherzo mit den berühmten Hornstellen war zwar „bewegt“ – aber doch nicht zu sehr. Dafür hörte man jede Stimme und Seitenstimme. Der Maestro versteht es auch hier, seine profunde Musikalität auf das Orchester zu übertragen. Das hörte man nicht zuletzt bei dem wunderschönen Trio dieses Satzes in Ges-Dur. Chapeau vor den Holzbläsern!

Und das Finale führte geradewegs zu Standing Ovations. Man muss den Hut vor dem Maestro ziehen, der hier übermenschliche Leistungen vollbrachte, die sogar Jüngere an ihre Grenzen bringen würden. Proben im Musikverein, Akustikprobe im Wolkenturm und dann noch das gewaltige Konzert. Hier wurde nur tragisch bewusst, dass es offenbar außer Blomstedt und Thielemann (und ein paar wenigen anderen) kaum mehr nennenswerte Bruckner-Dirigenten gibt. Schon allein deswegen darf man froh sein, dass man dieses Konzert erleben durfte!

Herbert Hiess, 3. September 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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