Wie in Abrahams Schoß: Herbert Blomstedt leitet die Berliner Philharmoniker

Herbert Blomstedt, Berliner Philharmoniker,  Philharmonie Berlin, 10. Juni 2021

Foto: © Monika Rittershaus

Berliner Philharmonie, 10. Juni 2021

Berliner Philharmoniker
Herbert Blomstedt, Musikalische Leitung

Jean Sibelius: 4. Sinfonie op.63
Johannes Brahms: 3. Sinfonie op.90

von Kirsten Liese

Berlin, 10. Juni. Endlich darf auch in der Berliner Philharmonie wieder vor Publikum gespielt werden, wenngleich auch zu sehr strengen Eintrittsbedingungen mit Test- und FFP2-Maskenpflicht während des gesamten Konzerts.

Eigentlich schrecken mich solche Restriktionen ab, aber für den Grandseigneur Herbert Blomstedt, der – man glaubt es kaum – am 11. Juli 94 (!) Jahre alt wird, nehme ich das in Kauf. Und werde dafür mit einem Konzert belohnt, das meine hohen Erwartungen vollends einlöst.

Foto: © Monika Rittershaus

Das fängt schon mit der phänomenalen körperlichen und geistigen Leistung des wohl dienstältesten Dirigenten an: Nacheinander dirigiert er stehend zwei sinfonische Werke ohne eine Pause, und das aus dem Kopf, ohne auch nur einen Blick in die Partituren zu werfen, die ihm kurz vor seinen Auftritten noch aufs Pult gelegt wurden.

Gewiss, Brahms’ Sinfonien dirigieren viele bedeutende Interpreten auswendig, bei Sibelius sieht die Sache allerdings schon anders aus, da kommt wohl Blomstedts schwedische Herkunft zum Tragen, wie auch sein langes Wirken am Pult skandinavischer Orchester und seine intensive Beschäftigung speziell mit dem Oeuvre dieses Komponisten.

Foto: © Monika Rittershaus

Die intime Vertrautheit des Dirigenten mit dieser Musik schimmerte jedenfalls durch alle Poren, selten hat mich zuvor die Wiedergabe einer Sibelius-Sinfonie derart mitgerissen. Dies vielleicht auch, weil sich hier einmal keine einsamen landschaftlichen Weiten bildlich klischeereich aufdrängen, wie man sie in skandinavischer Musik schon so oft herausgehört zu haben meint. Vielmehr wird man überwältigt von herrlichsten Motiven, die in Richtung deutsche Romantik und Spätromantik verweisen.

Das erste ertönt in Gestalt eines zärtlich-melancholischen Cello-Solos  – mit edlem Ton musiziert von Ludwig Quandt – schon in den ersten Takten des ersten Satzes „Tempo molto moderato“, in dessen Fortlauf feierliche Fanfaren im Blech folgen, die stilistisch ein wenig an Wagner erinnern. In der Mitte des zweiten Satzes wird es dann ganz plötzlich filigran mit kammermusikalischen Passagen, wie man sie aus den Tondichtungen von Richard Strauss kennt, wo dann auch treffliche Solisten unter den Holzbläsern, allen voran Wenzel Fuchs an der Klarinette, ihren großen Auftritt haben. Und was für ein toller Moment erst, wenn im burlesken Finalsatz auf einmal glockenhelle Xylophon-Klänge dem Gepräge einen himmlischen Anstrich geben wie die Celesta im Schluss-Duett von Strauss’ „Rosenkavalier“!

Foto: © Monika Rittershaus

Nach solchen Höreindrucken verwundert es jedenfalls nicht, nachzulesen, dass Sibelius, als er in jungen Jahren nach Wien kam, bei Johannes Brahms studieren wollte, wozu es jedoch nicht kam, weil Brahms – wiewohl er dem jungen Kollegen mit den Worten „Aus dem wird was“ Anerkennung zollte – keine Schüler empfing.

Umso mehr verwundert es, dass die Wiener Philharmoniker Sibelius für die Uraufführung seiner Vierten, die alternativ dann 1911 in Helsinki zum ersten Mal erklang, eine Absage erteilten. Die herbe Schönheit dieser Musik, die geniale Instrumentation und der Reichtum an reizvollen Elementen blieb ihnen damals offenbar verborgen.

Brahms’ Dritte dagegen, die mit ihrem schwungvollen Allegro con brio zu Beginn wie gemacht erscheint für ein musikausgehungertes Publikum, das endlich wieder live Musik erleben darf, war eine sehr erfolgreiche Uraufführung durch die Wiener Philharmoniker beschieden.

Mit einem abermals hoch agilen Herbert Blomstedt lassen endlich auch einmal wieder die  Berliner Philharmoniker, von denen man schon weniger überzeugende Brahms-Interpretationen unter Simon Rattle hörte, einen Brahms hören, den man sobald nicht vergessen wird.

Der Vitalität dieser Musik trug der 94-Jährige ebenso Rechnung wie auch dem Lyrischen, sei es nun in dem mit grazioso überschriebenen Seitenthema des ersten Satzes oder in dem zutiefst elegisch einsetzenden Poco allegretto.

Foto: © Monika Rittershaus

Faszinierend war es dabei einmal mehr zu erleben, wie plastisch Blomstedt ohne Taktstock die Musik im Figürlichen nachzeichnet, subtil dynamisiert und jedem noch so kleinen Motiv Raum gibt.

„Ich bin verliebt in diese Musik“, sagt Blomstedt im Interview, und eben das vermittelt sich auch energetisch in dieser bewegenden Wiedergabe und den genauen Zeichen eines Dirigenten, der auf den Taktstock verzichtet.

Bei alledem färbte unübersehbar auch die von Blomstedt ausgehende große Gelassenheit auf das Orchester ab, das sich sicher aufgehoben fühlte wie in Abrahams Schoß.

Und wie beglückt fühlte sich erst das Publikum inmitten all der Achterbahnfahrten zwischen Emphase und nachdenklichem Innehalten! Herzlicher, großer Beifall.

Kirsten Liese, 12. Juni 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Sächsische Staatskapelle Dresden, Herbert Blomstedt, Leif Ove Andsnes, Philharmonie Berlin

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.