Revolutionäres Spektakel um Netrebko und Eyvazov

DVD-Rezension: Umberto Giordano, Andrea Chénier,  Teatro alla Scala 2017

DVD-Rezension: Umberto Giordano, Andrea Chénier
Teatro alla Scala 2017

C major 757 308

von Peter Sommeregger

Die 1896 am gleichen Haus uraufgeführte Oper, die auf der Lebensgeschichte des französischen Dichters André Chénier beruht, war seit der Uraufführung stets erfolgreich und blieb das bekannteste Werk des Komponisten Giordano.

Für eine Oper unumgänglich war die Erfindung einer Liebesgeschichte des Titelhelden. Im Stück liebt er die der Revolution vorerst entkommene adelige Madeleine de Coigny, die ihm nach seiner Verurteilung freiwillig auf die Guillotine folgt. Das todes-sehnsüchtige Schlussduett der Liebenden, sowie Madeleines Arie „La mamma morta“, sind die musikalischen Highlights der Oper, letztere Arie wurde durch ihre Verwendung einer Aufnahme mit Maria Callas im Film „Philadelphia“ sehr populär.

Für die Neuinszenierung zur Scala-Eröffnung 2017 hatte das Haus eine Starbesetzung aufgeboten. In den Hauptrollen feierten die Sopranistin Anna Netrebko und ihr Ehemann Yusif Eyvazov ihre Rollendebüts. Dem Vernehmen nach hatte die Starsopranistin hinter den Kulissen erbittert um die Besetzung der Titelrolle mit ihrem Ehemann gekämpft. Für den bis dahin oft nur als Anhängsel seiner prominenteren Gattin gehandelten Tenor wurde diese Aufführung zu einer Bewährungsprobe, die er aber erstaunlich souverän bewältigte. Sein kräftiger, vielleicht vom Timbre her nicht besonders schmeichelnder Tenor war für diese Spinto-Partie aber durchaus passend. Eine gewisse Steifheit im Spiel trat hinter seiner gesanglichen Leistung zurück. Wenn man die Entwicklung des Sängers auch danach weiter verfolgt hat, weiß man, dass er in dieser Hinsicht viel dazu gelernt hat. Auch an seiner etwas unvorteilhaften Erscheinung hat Eyvazov gearbeitet.

Für die reife Anna Netrebko liegt die Rolle der Madeleine ideal. Ist sie für das junge Mädchen des ersten Aktes vielleicht ein wenig zu reif; für die weiteren, dramatischen Ausbrüche in ihrer Partie ist ihr cremiger, voller Sopran geradezu perfekt disponiert. Die große Arie begeistert durch die Leuchtkraft und den Gestaltungswillen, den die Künstlerin einzusetzen weiß. Das ist große Oper, und im Schlussduett findet sich das (echte) Paar zu einer hoch emotional gestalteten, glaubwürdigen Höchstleistung. Dieser Abend markierte für Eyvazov den Beginn des Heraustretens aus dem Schatten seiner Ehefrau.

Der Gegenspieler Chéniers, der frühere, zum Sekretär der Revolution aufgestiegene Diener Gérard findet in Luca Salsi einen Interpreten mit starker Bühnenpräsenz. Als Figur sehr glaubwürdig singt er seinen Part allerdings ein wenig zu robust und rustikal, ein wenig mehr Eleganz in der Stimmführung hätte ihm gut getan. Die kleineren Rollen sind gut bis ausreichend besetzt, in der Episodenrolle der alten Madelon lässt Judit Kutasi mit vollem Mezzosopran aufhorchen.

Riccardo Chailly, Musikdirektor der Scala hat mit diesem Werk bereits einige Erfahrung, unvergessen ist seine großartige Platteneinspielung mit Pavarotti und Caballé. Sicher steuert er das Orchester der Scala durch die lyrischen, wie auch die stürmischen Elemente der Partitur.

Der Regisseur Mario Martone und die Bühnenbildnerin liefern eine sehr traditionelle aber stimmige Interpretation des Werkes, lediglich die Spiegel-Elemente im Bühnenbild verwirren etwas. Man beneidet die Scala beinahe für den Stil ihrer Inszenierungen, die ohne zu große, werkentstellende Attitüde einfach nur dem Werk dienen.

Nach dieser sehr gelungenen Aufführung stellt man sich die Frage, warum diese Oper nördlich der Alpen so relativ selten gespielt wird, obwohl sie das Zeug zu einem Publikumsrenner hat.

Peter Sommeregger, 25. Mai 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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