Marek Janowski nimmt fulminant Abschied

Marek Janowski Dirigent, Schubert und Beethoven  Tonhalle Zürich, 15. Oktober 2026

Foto: Marek Janowski © Felix Broede

Marek Janowski kann auf eine lange und erfolgreiche Karriere als Dirigent zurückblicken. Nie sich in die erste Reihe drängelnd, stets das Werk in den Vordergrund stellend und ohne falsche Eitelkeiten, wenn wie in Bayreuth 2016 noch recht kurzfristig ein neuer Dirigent gesucht wurde. Das Zürcher Konzert zeigte Janowski auf der Höhe seiner Kunst.

Tonhalle Zürich, 15. Oktober 2026

Tonhalle-Orchester Zürich
Marek Janowski / Leitung

Franz Schubert (1797-1828), Sinfonie Nr. 5 B-Dur D 485
Ludwig van Beethoven (1770-1827), Sinfonie Nr. 3 Es-Dur Opus 55

von Julian Führer

Zunächst wurde Schubert gegeben, die 5. Symphonie, mit 19 Jahren komponiert, erst nach seinem Tod öffentlich gespielt und bis Erscheinen der Werkausgabe Schuberts 1885 praktisch unbekannt. Die Besetzung ist sehr schmal (ohne Klarinetten und Trompeten und mit nur einer Flöte), aber man sollte das Werk nicht geringschätzen. Gleich in den ersten Takten ließ Marek Janowski mit ganz wenigen Gesten die Violinen förmlich schwingen, so dass das heitere Grundthema gleich noch etwas heiterer wurde, bevor es bei der Wiederholung der Exposition deutlich leiser wiederkehrte. Marek Janowski dirigierte (mit 87 Jahren) stehend und auswendig.

Der zweite Satz strahlte große Ruhe aus, und man bekam den Eindruck: Hier dirigiert jemand nicht zuletzt mit einer ungeheuren Aura. Dieses Andante con moto wurde als große Kostbarkeit dargebracht, das Orchester folgte stets mit Präzision und Engagement. Der Schlussakkord des zweiten Satzes allein wäre es wert gewesen, dieses Konzert zu besuchen. Die beiden letzten Sätze unterstrichen noch das Bisherige; Schubert liebte es, seine Motive ein ums andere Mal zu wiederholen, aber das heißt wahrlich nicht, dass es immer dasselbe wäre. Stets gab es einen neuen Aspekt zu entdecken. Eine Interpretation ohne Schnickschnack und ohne große Geste, aber mit tiefer Werkkenntnis und großem Ernst im Dienst der Musik.

Marek Janowski © Felix Broed

Nach der Pause Beethovens ‚Eroica‘. Die beiden Es-Dur-Schläge zu Beginn etwas abgefedert und nicht zu grob, aber dann wurde es dramatisch. Jetzt wird es kurz technisch: Zur Wiederholung des Hauptthemas durch das ganze Orchester lassen die meisten Dirigenten das Orchester zunehmend lauter spielen (crescendo), weil das Thema sehr laut (fortissimo) gespielt werden soll. Marek Janowskis profunde Werkkenntnis kam auch hier zum Tragen: Das Crescendo steht in der Partitur erst in der Reprise, also dem letzten Teil des ersten Satzes, also ließ er das Orchester sehr bewusst zu Beginn länger leise spielen und abrupt ins Fortissimo ausbrechen, in der Reprise hingegen den Klang aufbauen. Das ist wahre Kennerschaft in ihrer musikalischen Umsetzung!

Die Orchesterbesetzung war bei dieser Symphonie riesig – die nicht weniger als acht Kontrabässe waren im zweiten Satz (Marcia funebre) sehr präsent. Die Symphonie und gerade dieser Satz sind für klassische Verhältnisse sehr lang (Gesamtspieldauer ca. 55 Minuten), aber langweilig wurde es wahrlich nie, und zwischen den Sätzen wagte kaum jemand zu husten. Gibt es ein besseres Zeichen für ein packendes Konzert?

Marek Janowski © Markenfotografie

Das Scherzo beginnt sehr tückisch für die Streicher, hier merkte man das Niveau des Tonhalle-Orchesters, das keinerlei technische Schwierigkeiten hatte. Im Trio fielen die Hörner auf, die fast wie in einem Jägerchor bei Weber auftrumpften (und doch ungeheuer genau waren). Ohne Pause ging Janowski direkt ins Finale über, schnell gespielt, manchmal auch wild, wie es von Beethoven wohl gemeint war und wie es vor über 200 Jahren auf das Publikum gewirkt haben muss. Abermals kann die letzte Minute sinnbildlich für die ganze Aufführung stehen: präzise dirigiert (und offensichtlich sehr genau geprobt), jede der unzähligen Einzeichnungen Beethovens ernstnehmend und doch nie mit dem Zeigefinger auf ein Detail zeigend, sondern stets mit Blick auf den „großen Bogen“ und das Werk in seinem Gesamtzusammenhang.

Viele Einzelmomente wären zu nennen; erwähnt sei hier nur das berückend schöne Spiel der ersten Flöte und Oboe (Sabine Poyé Morel und Philippe Tondre) und ihr jeweiliges Zusammenspiel.

Das sehr disziplinierte Publikum folgte mit größter Spannung dieser atemberaubenden Interpretation. Verdienter Jubel für das Orchester und Marek Janowski!

Julian Führer, 16. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

https://www.tonhalle-orchester.ch/news/marek-janowski-klare-ansagen/

Frankfurter Opern- und Museumsorchester, Marek Janowski Alte Oper Frankfurt, 19. Januar 2026

Interview: kb im Gespräch mit Marek Janowski, Dirigent, Teil I klassik-begeistert.de, 17. Februar 2026

Interview: kb im Gespräch mit Marek Janowski, Dirigent, Teil II klassik-begeistert.de, 18. Februar 2026

Interview: kb im Gespräch mit Marek Janowski, Dirigent, Teil III klassik-begeistert.de, 19. Februar 2026

CD-Rezension: Ludwig van Beethoven, „FIDELIO“, Dresdner Philharmonie, Marek Janowski

Anton Bruckner, Sinfonie Nr. 5 in B-Dur, WDR Sinfonieorchester, Marek Janowski Kölner Philharmonie, 24. November 2023

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