Sängerfest mit Schwachstellen

CD-Rezension: Ludwig van Beethoven, „FIDELIO“, Dresdner Philharmonie, Marek Janowski

CD-Rezension: Ludwig van Beethoven, „FIDELIO“

Dresdner Philharmonie
Marek Janowski

Pentatone  PTC 5186 880

von Peter Sommeregger

Diese im Juni 2020 entstandene Aufnahme sollte eigentlich als Mitschnitt von öffentlichen Konzerten in der Dresdner Philharmonie stattfinden. Corona hat die Konzerte, nicht aber die Platteneinspielung verhindert. Ein Kuriosum ist nur der Einsatz des Chores. Wurde für die Pizarro-Arie der MDR-Rundfunkchor eingesetzt, so werden die übrigen Chorpassagen vom Sächsischen Staatsopernchor gesungen. In beiden Fällen wurden die Chorsequenzen pandemiebedingt erst nachträglich zugespielt.

Der Altmeister Marek Janowski hat für seinen ersten Schallplatten-Fidelio eine wahre Traumbesetzung aufgeboten. Allen voran der Shooting-Star Lise Davidsen in der Titelrolle, die ihren großen, dunkel timbrierten Sopran förmlich aufblühen und aufglühen lässt. Das hat Biss und Volumen, Ausdruck und Wärme. Neben dieser Leonore hätte es jeder Florestan schwer, Christian Elsner zieht sich mehr als achtbar aus der Affäre, kann seinem ursprünglich lyrischen Tenor auch heldische Töne entlocken und bringt die nötige Durchschlagskraft für diese fordernde Rolle mit.

Christina Landshamer stattet ihre Marzelline mit dem Schmelz des naiven jungen Mädchens aus, ihr helles Timbre verbindet sich gut mit dem Davidsens. Cornel Frey ist ein frischer, sauber intonierender Jaquino, leider die undankbarste Rolle der Oper.

Sensationell luxuriös ist die Besetzung der drei Basspartien. Georg Zeppenfeld verströmt mit seiner warm timbrierten Stimme das väterlich-emphatische Wesen des Kerkermeisters Rocco. Sein Bass harmoniert bestens mit dem von Johannes Martin Kränzle, der dem Pizarro nicht nur die Schwärze dieses Charakters verleiht, sondern auch schneidende Schärfe und gleichzeitig Eleganz der Phrasierung. Günther Groissböck als rettender Minister Fernando ist mit dieser kleinen Partie fast unterfordert, nutzt sie aber zu einer beeindruckenden Demonstration seiner schier unerschöpflichen stimmlichen Mittel.

Marek Janowski baut den Spannungsbogen des Werkes klug und organisch auf. Die ersten Szenen klingen noch ganz nach idyllischem Singspiel, erst mit Pizarros Auftrittsarie weitet sich das Drama und beginnt seine Wucht zu entfalten. Für das Finale wählt Janowski sehr schnelle, energische Tempi, die Schluss-Apotheose wirkt beinahe oratorienhaft.

Fidelio kommt leider nicht ohne gesprochene Dialoge aus, die auch in diesem Fall die Schwachstelle der Aufführung sind. Die Dialogbearbeitung von Katharina Wagner und Daniel Weber unterscheidet sich kaum vom Original, ist also kein Gewinn. Die Sänger sprechen ihre Texte  lust- und leidenschaftslos, da hätte es doch einer eingreifenden Regie bedurft.

Ein weiteres Manko ist die Tontechnik. Die hervorragend aufspielende Dresdner Philharmonie dominiert in weiten Teilen das Geschehen, streckenweise verschwinden die Singstimmen beinahe im vollen Orchesterklang. An der neuen Dresdner Philharmonie kann das nicht liegen, der Konzertsaal verfügt über eine vorzügliche Akustik. Offenbar hat hier die Aufnahmetechnik versagt, oder die Position der Mikrofone war schlecht gewählt.

Insgesamt ist die Aufnahme aber geglückt, speziell die Sängerbesetzung ist heute schwer zu toppen. Zu den ganz großen Aufnahmen des Werkes von Klemperer, Böhm oder Bernstein besteht aber durchaus noch Luft nach oben.

Peter Sommeregger, 11. Juli 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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