Klaus Mäkelä und das Concertgebouw-Orchester beim Musikfest Berlin: Da greift Einer nach den Sternen!

Musikfest Berlin 2022, Concertgebouw Orkest Amsterdam, Klaus Mäkelä Philharmonie Berlin, 28. August 2022

Foto: Musikfest Berlin 2022 – Concertgebouw Orkest Amsterdam, Klaus Mäkelä  © Fabian Schellhorn

Kaija Saariaho
Orion

Gustav Mahler
Symphonie Nr.6 a-Moll

Concertgebouw Orkest Amsterdam
Klaus Mäkelä  Dirigent

Philharmonie Berlin, 28. August 2022

von Peter Sommeregger

Nach zwei Jahren in Corona-bedingt reduzierter Form, kann das Musikfest Berlin diesmal wieder in gewohnter Form stattfinden. Sehnsüchtig hatte man die Gastspiele der bedeutenden Orchester erwartet, bei denen jenes des Concertgebouw Orkest Amsterdam immer einen besonderen Stellenwert hat. Dieser Klangkörper gehört unstrittig zu den hervorragendsten der Welt, entsprechend sind die hohen Erwartungen an das Gastspiel.

In diesem Jahr stand erstmals in Berlin der designierte Chefdirigent des Orchesters, Klaus Mäkelä am Pult. Dem erst 26-jährigen Finnen eilt bereits ein erstaunlich großer früher Ruhm voraus.

Zu Beginn erklang das Werk der aktuell prominentesten finnischen Komponistin, Kaija Saariaho mit dem Titel „Orion“. Die dreisätzige Komposition für große Orchesterbesetzung besticht durch die erstaunlich zarten Klänge, die Saariaho erklingen lässt. Nach zwei langsamen Sätzen kulminiert die Musik in einem furiosen schnellen Finale. Das ansprechende Werk machte einmal mehr die außergewöhnliche Qualität des Orchesters spürbar.

Hauptwerk des Abends war Gustav Mahlers 6., die als „Tragische“ bezeichnete Symphonie. Nicht unbedingt ein Werk, das man von einem Dirigenten unter 30 erwartet, umso größer war das freudige Erstaunen über Mäkeläs Leistung, die man eher einem reifen 5o-Jährigen zugeordnet hätte, wäre man dem Konzert blind gefolgt.

Schon das energische Marschthema des ersten Satzes macht klar, hier weiß jemand genau, was er will. Im folgenden Andante schwelgt die Musik in Schönheit, die Streicher des Amsterdamer Orchesters breiten einen samtenen Teppich des Wohlklanges aus.

Das Scherzo, hier an die dritte Stelle gesetzt, zerstört die trügerische Idylle des zweiten Satzes und lässt die rauhe Wirklichkeit in teilweise bizarren Wendungen wieder die Oberhand gewinnen.

Im ausladenden Finale werden Motive aus den vorangegangenen Sätzen verwoben, eine bedrückende Stimmung breitet sich aus, die immer wieder von positiven Aufschwüngen unterbrochen wird, aber die Tragik des Schicksals ist stärker und kulminiert schließlich in den zwei Hammerschlägen, die ein Alleinstellungsmerkmal dieser Symphonie sind. Ein dafür nach Mahlers genauen Angaben konstruierter, überdimensionaler Holzhammer wird vom Paukisten auf einen ebenfalls hölzernen Amboss geschlagen. Wie sehr Mahlers Symphonien inzwischen zum Kernrepertoire aller großen Orchester gehören, zeigt sich schon daran, dass jedes davon einen solchen Hammer im Instrumenten-Fundus besitzt. Der Komponist hatte es geahnt: „Meine Zeit wird noch kommen“.

Nach dem Verklingen des letzten Tones vergeht ungewöhnlich lange Zeit bis zum Einsetzen des Applauses. Das liegt nicht nur an dem Respekt vor dem Werk, das Publikum in der restlos ausverkauften Philharmonie ist wie gebannt von der Stringenz, dem klaren Interpretationskonzept Mäkeläs, gleichzeitig von der überwältigenden Brillanz des Orchesters.

Mit den Berliner Philharmonikern und Kirill Petrenko ist das Berliner Publikum verwöhnt, auch waren hier über die Jahre alle großen Mahler-Dirigenten wie Pierre Boulez, Bernard Haitink, um nur zwei zu nennen, zu Gast. Neben denen zu bestehen und eigene Akzente zu setzen hätte man diesem hoch aufgeschossenen, blassen Jüngling nicht zugetraut. Die souveräne Beherrschung der Partitur, aber auch des gewaltigen Orchesterapparates macht nachvollziehbar, warum sich das Orchester gerade für diesen Dirigenten entschieden hat, der komplett erst 2027 wegen anderer Verpflichtungen zur Verfügung stehen wird. Da greift einer nach den Sternen, aber eigentlich hat er die ersten bereits in der Hand.

Ein überwältigtes Publikum feiert ihn und das Orchester mit lang anhaltendem Beifall.

Peter Sommeregger, 29. August 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Oslo Philharmonic, Klaus Mäkelä,Jean Sibelius Sinfonien Nr.3 und 5 Elbphilharmonie, 1. Juni 2022

Oslo Philharmonic, Klaus Mäkelä, Jean Sibelius: Sinfonien Nr. 2 & 4 Elbphilharmonie, 31. Mai 2022

Oslo Philharmonic Klaus Mäkelä,Jean Sibelius Elbphilharmonie, 30. Mai 2022

2 Gedanken zu „Musikfest Berlin 2022, Concertgebouw Orkest Amsterdam, Klaus Mäkelä
Philharmonie Berlin, 28. August 2022“

  1. Das Konzert war für mich – und spürbar für meine ganze Umgebung in Block B links – fesselnd von der ersten bis zur letzten Sekunde. Eine faszinierende Mahler-Interpretation mit einem Orchester in Höchstform und einem Dirigenten, dessen Kontakt zu den Musikern keinen Augenblick abgerissen ist, der immer gestaltet, nie verwaltet hat. Selten habe ich ein so fein durchhörbares Orchesterspiel bei einer so gewaltigen Besetzung gehört.
    Der FAZ-Kritiker war in einem anderen Konzert.

    Ulrich Frey

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