Arena di Verona – Jonas Kaufmann und Daniel Oren triumphieren in Verdis „Aida“

Giuseppe Verdi, Aida  Arena di Verona, 28. August 2022

Foto: Arena di Verona, AIDA  © Dr. E. Ritterband

Wir hatten das große Glück, an drei aufeinanderfolgenden Abenden in der Arena di Verona drei Zeffirelli-Inszenierungen (Turandot, Carmen und Aida) zu sehen – die Bühnenwerke des berühmten italienischen Regisseurs sind wie geschaffen für die gewaltigen Dimensionen dieser größten und beeindruckendsten Freiluftbühne der Welt! Außerdem war uns das Glück hold: Die seit Tagen just für den Zeitpunkt des Vorstellungsbeginns jeden Abend angekündigten Unwetter fanden nicht statt – das von weither herbeigeströmte Publikum und die Hundertschaften von Künstlern und Bühnenarbeitern blieben verschont. Zu sehen gibt es auf dieser Bühne viel,  beinahe zu viel: überwältigende Bühnenbilder mit einer gewaltigen, drehbaren Pyramide im Zentrum, effektvoll beleuchtete Statuen, Heerscharen  von Statisten, Choristen und Tänzern. Zeffirelli schafft immer wieder den optimalen Mix zwischen atemberaubenden, bühnenfüllenden Massenszenen und intimen Darstellungen mit nur ein bis zwei Sängerinnen und Sängern an der Rampe. Wenn nun aber, zusätzlich zu diesem Augenschmaus, auch die musikalische Darbietung bis ins feinste Detail stimmt, so sind unvergessliche Opernabende gesichert – gestern „Carmen“, heute „Aida“; wohl die besten Aufführungen dieser Opern, die ich je gesehen habe.

Giuseppe Verdi, Aida

Arena di Verona, 28. August 2022

von Dr. Charles E. Ritterband (Text und Fotos)

Diese musikalische Perfektion war vor allem zwei Musikern zu verdanken: Dem genialen und wohl weltbesten Verdi-Dirigenten, dem Israeli Daniel Oren, dessen überragendes Engagement am Dirigentenpult von der Arena ich schon seit Jahren bewundern durfte. Für mich ist er der welt-beste Verdi-Dirigent. Dies kommt in Verona ganz besonders zum Tragen, wo er ein riesiges Orchester, eine immens große Bühne mit Dutzenden von Choristen und Weltklasse-Solisten mit einer Präzision und Musikalität dirigiert, die ihresgleichen sucht.
Das Opernfestival in der Arena di Verona entwickelt sich immer mehr zu dem, was es, ursprünglich 1913 eingeweiht worden, war – ein Festival der besten, größten und publikumswirksamsten Verdi-Opern. Ich habe die Produktionen der Arena während über vier Jahrzehnten, anfänglich noch als Student und auf den obersten, billigsten Sitzreihen, kontinuierlich mitverfolgt: Das Festival mit seinem grandiosen Bauwerk und seiner einzigartigen Atmosphäre, der über der wunderbaren Stadt liegenden und sich gegen Abend intensivierenden Vorfreude auf die Aufführung, das Eindämmern über der Arena bis hin zur vollständigen Dunkelheit und, nicht selten, drohende Blitze und dumpfes Grollen wie Theaterdonner am Horizont – und die bange Hoffnung, die Aufführung möge nicht durch den plötzlich einsetzenden Regen sabotiert werden.

Arena di Verona, AIDA © Dr. E. Ritterband

Davon blieben wir an diesen Abenden verschont. Aber während ich früher die Vorstellungen in der Arena vor allem als fantastische Spektakel empfand, die Scharen von Touristen anzogen, hat sich jetzt die Qualität der Aufführungen ganz deutlich verbessert – sie stehen musikalisch den Operproduktionen in den großen Häusern der Welt in nichts mehr nach. Ein wesentlicher Faktor ist das Hausorchester, das subtiler, farbenreicher, präziser, feingliedriger und koordinierter musiziert als noch vor Jahren. Damals mochte es mitunter vor allem laut gewesen sein – die musikalischen Feinheiten gingen bei den damaligen Aufführungen oft verloren, was in diesem grandiosen Rahmen ja kaum störte. Heute ist das anders – der Musikgenuss ist selbst für Kenner ungetrübt.

Jonas Kaufmann als Radamès (links). © Dr. E. Ritterband

Und, natürlich, dem Weltstar unter den Tenören, der dem kurz zuvor als Sänger und dann Dirigent aufgetretenen Plácido Domingo längst den Rang abgelaufen hat: Jonas Kaufmann in der Hauptrolle des Radamès. Ebenso wie alle großen Tenöre vor ihm (und dies gilt natürlich auch für die großen Mezzo- und Sopranistinnen!) sind Stil und Stimme sofort erkennbar – ganz zweifellos gibt es einen Kaufmann-Sound.  Wie er hier den Radamès gab, war ganz einfach einzigartig, was mir Dirigent Daniel Oren im anschließenden Gespräch bestätigte. Vor allem die überaus berührende Schluss-Szene, in der Radamès und Aida lebendig in einer Pyramide („in questa tomba“) eingemauert werden, singt Kaufmann unvergleichlich schön – einzigartig schön.

Dr. Charles E. Ritterband (links) im Gespräch mit Jonas Kaufmann. (c) Dr. E.Ritterband

Kaufmann, einer der größten Profis der Opernbühne, beherrscht sein Instrument, die Stimme: von donnernden Forti bis zu feinsten Pianissimi, perfekt in der Dynamik, und immer mit dem unverkennbar feinen, leicht herben Kaufmann-Timbre. Dass dieser Tenor große Oper wie eben die „Aida“ ebenso mit Leichtigkeit und viriler Verve auf die Bühne bringt wie, mit subtilem Feinschliff, die Lieder von Brahms, Grieg, Liszt und Strauss. „Aida“ hat man schon Dutzende Male gehört, mal imposant, mal eher mittelmäßig – aber Kaufmanns Radamès ist schlichtweg großartig.

Arena di Verona, AIDA. © Dr. E. Ritterband

Ganz hervorragend die russische Mezzosopranistin Olesya Petrova als Amneris – stimmliche, raumfüllende Stärke und Wohlklang. Die Titelfigur Aida wurde von der ausgezeichneten uruguayischen Sopranistin María José Siri, die ja drei Tage zuvor ebenfalls in der Arena schon im Duett mit Plácido Domingo als Elisabetta (Don Carlo) zu hören war, verkörpert. Siri sang mit samtenem, warmem Sopran – wunderbar im Liebesduett mit Radamès-Kaufmann und in der Auseinandersetzung mit ihrem Vater Amonasro, mit viriler Autoriät verkörpert vom rumänischen Bariton und Verdi-Spezialisten Sebastian Catana.

Ein denkwürdiger Abend – zweifellos die großartigste „Aida“, die ich je sehen und hören durfte.

Dr. Charles E. Ritterband, 30. August 2022, für
klassik-beigeistert.de und klassik-begeistert.at

Dirigent: Daniel Oren
Regie und Bühnenbild: Franco Zeffirelli
Chormeister: Ulisse Trabacchin

Aida: María José Siri
Radamès: Jonas Kaufmann
Amneris: Olesya Petrova
Der Pharao: Romano Dal Zovo
Ramfis: Abramo Rosalen
Amonasro: Sebastian Catana

Orchester und Chor der Fondazione Arena di Verona

Georges Bizet, Carmen Arena di Verona, 27. August 2022

Giacomo Puccini, Turandot Arena di Verona, 27. August 2022

Plácido Domingo in „Verdi Opera Night“ Arena di Verona, 25. August 2022

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