Peter Grimes in München: In dubio pro Kaufmann

Peter Grimes, Benjamin Britten  Bayerische Staatsoper, 21. September 2022 (Wiederaufnahme)

Foto: © Gregor Hohenberg / Sony Classical

Bayerische Staatsoper, 21. September 2022 (Wiederaufnahme)

Peter Grimes
Oper in drei Akten und einem Prolog von Benjamin Britten (1945)
(ab 14 Jahren)

Komponist Benjamin Britten. Text von Montagu Slater nach dem Gedicht von George Crabbe.

In englischer Sprache · Mit Übertiteln in deutscher und englischer Sprache. Neuproduktion.

von Willi Patzelt

Es gibt Opern, in die geht man wohl weniger wegen der Handlung, sondern vielmehr trotz der Handlung. Mit Verdis „Troubadour“ und Mozarts „Zauberflöte“ seien nur zwei extremere Beispiele genannt. Und dann gibt es Opern, die von ihrer Handlungsanlage nur so vor Intelligenz und dramaturgischer Genialität strotzen. Benjamin Brittens „Peter Grimes“ ist eine ebensolche Oper. Die Handlung ist verstörend, wie uneindeutig, ist grotesk und doch realer, als wir vielleicht zuzugeben bereit sind. Die Inszenierung von Stefan Herheim überzeugt. Musikalisch, nicht nur wegen Jonas Kaufmann – dieser war zum ersten Mal als Peter Grimes in München zu erleben – ein großartiges Erlebnis. Und dennoch: Beglückt und erleuchtet werden wohl die wenigsten das Nationaltheater verlassen haben.

Er ist schon ein seltsamer Typ, dieser Peter Grimes, ein schroffer, etwas grober Fischer in einer kleinen ostenglischen Dorf an der Küste. Er ist in der Dorfgemeinschaft unbeliebt, was allein jedoch noch kein Alleinstellungsmerkmal ist – in diesem Dorf ist eigentlich sonst auch niemand wirklich beliebt. Das alles wäre soweit wenig tragisch, wenn da nicht die Sache mit seinen Lehrjungen wäre: Einer nach dem anderen stirbt auf mehr oder weniger unklare Weise. Alles Zufall oder kaltblütiger Mord? Ist Peter Grimes ein skrupellos pädophiler Killer oder einfach ein vom ständigen Unglück verfolgtes Opfer seiner Gesellschaft?

Dieser Zwiespalt, als Zuschauer zwischen Mitleid und Verabscheuung hin- und hergerissen zu sein, ist der an und für sich große Geniestreich dieser Oper. Stefan Herheim legt sein Augenmerk jedoch eher auf einen anderen, eigentlich nicht minder interessanten Aspekt: Ohne eine Aktualisierung zu brauchen, zeigt er in der Welt des englischen Küstendorfes, von Ort und Zeit gelöst, die sozialen Dynamiken einer verkommenen Gesellschaft, die ihr Opfer sucht und findet. Obwohl Peter Grimes, des Mordes angeklagt, zu Beginn in einem etwas kafkaesk anmutenden improvisierten Gerichtsprozess freigesprochen wird, hält die Gesellschaft ihn weiterhin für schuldig. Freilich schert sich die Gesellschaft selbst um den Tod des anfangs neuen und am Ende ebenfalls toten Lehrjungen Grimes’ relativ wenig. Nach seinem Tod wird seiner nicht gedacht, vielmehr beschäftigt sich das Dorf mit Grimes: „Him who despises us, we’ll destroy.“ („Der, der uns verachtet, den werden wir zerstören“). In Pharisäismus ergötzt sich die Gesellschaft, am Ausgrenzen von Peter Grimes, obwohl sie sich untereinander auch nicht als mehr als eine zufällige Zweckgemeinschaft empfindet – oder gerade deswegen?

Der Gedanke ist also spannend, und detailreich ausgezeichnet. Aber ist Peter Grimes wirklich nur Opfer? Wohl kaum. Er ist ein Pädophiler. Wenn Peter Grimes erzählt, es brauche unbedingt (minderjährige) Jungs als Gehilfen für seine Fischertätigkeit überzeugt ebenso wenig wie eine Annahme, dass er das Pech einfach nur anzöge. Und dieser Aspekt des Pädophilen, ja des Straftäters, er kommt in Herheims dennoch sehr gelungener Inszenierung zu kurz.

Herheims Inszenierung überzeugt vor allem durch extrem starke Bilder. Die Szenerie spielt sich zumeist in einer Stadthalle ab, die an ein umgedrehten Schiffsrumpf und deren Größe und Form je nach Szene verstellbar ist. Im Hintergrund sieht man immer wieder in wirklich gelungenen Bildanimationen das Meer, welches nicht nur faktisch eine Gefahr des Küstenortes ist, sondern auch die Gefühlslage äußerlicher Bedrohung, in Musik und Inszenierung, im Dorf wunderbar darstellt. Farblich ist alles in der Regel sehr dunkel gehalten. Der große Chor der Dorfbewohner wird immer wieder in Szene gesetzt, wenn sich das Dorf gegen Peter Grimes wendet. Immer wieder wird der Lehrjunge Grimes’, in unschuldigem Weiß gekleidet, in dieser rauen Umgebung zum Subjekt ohne Bezug. In dieser Welt hat nur Ausgrenzung und Egoismus Platz, der unschuldige Schutzbedürftige jedoch nicht. Herheim zeigt dies extrem eindrücklich.

Als Peter Grimes war nun das erste Mal in München, ja auf deutschem Boden überhaupt, Jonas Kaufmann zu hören. Erst Anfang des Jahres gab er sein Debüt in dieser Rolle an der Wiener Staatsoper. Dass Kaufmann in seinem Fach das Nonplusultra ist, zeigte er an diesem Abend erneut. Die Rolle – Britten schrieb sie einst seinem Lebensgefährten Peter Pears auf den Leib – ist strapazierend und stimmlich im Heldentenor-Fach angelegt. Kaufmann singt, wenn es darauf ankommt, in den großen Chorszenen stark und souverän gegen die Dorfgemeinschaft an, zeigt aber auch stimmlich in den so herrlich innigen, an die Pianissimo-Grenze gehenden Stellen die große Farbpalette seiner Stimme. Nicht minder überzeugt sein Schauspiel. Er ist nicht nur ein begnadeter Darsteller der großen Helden und Liebhaber, sondern auch des verzweifelten Anti-Helden.

Rachel Willis-Sørensen gibt eine wunderbare Ellen Orford. Sie strahlt noch den verbliebenen Rest an Empathie und Mitgefühl in diesem Ort aus. Ihr heller lyrischer Sopran vermeidet zumeist starkes Tremolo und gibt ihr einen einfache, nicht aufgesetzte Schönheit. Sie bekam den meisten Applaus und Jubel an diesem Abend. Christopher Purves überzeugt als Balstrode mit seinem durchsetzungsstarken Bariton und spiegelt die Hin- und Hergerissenheit des vormaligen Marinekapitäns zwischen Sympathie zu Peter Grimes und dem Ahnen, gar Wissen, um seine dunklen Seiten eindrucksvoll wider. Obschon sich in dem Dorf ja nun niemand näher für das wirkliche Geschehen um Peter Grimes’ Verbrechen kümmert, gibt es doch mit der Verbrechens-Touristin Mrs. Sedley und dem Dorfprediger Bob Boles zwei Charaktere, die näher nachhaken. Jennifer Johnston zeigt einen etwas skurrilen Mrs. Marple-Verschnitt und stellte auch stimmlich, nämlich manchmal etwas schrullig schrill, diese merkwürdige Figur sehr treffend dar. Als Bob Boles gibt Kevin Connors einen, etwas an den Jochanaan erinnernden, jedoch dem Alkohol zu sehr zugeneigten Methodisten voller schauspielerischer Finesse und großer Textverständlichkeit. Alles in allem eine, auch in den kleinen Rollen, großartige und ausgeglichene Besetzung.

Ganz besonders überzeugt der Chor, dem in Brittens bekanntester Oper die Hauptrolle zukommt. Oft ist die Musik rhythmisch, wie harmonisch durchaus vertrackt. Der Chor meistert dies souverän, nur wenige Stellen wirken leicht wacklig. Der US-Amerikaner Erik Nielsen steuerte Chor und Orchester durch alle musikalischen Schwierigkeiten des Stückes. Die Musik lebt vor allem von ihrer Lautmalerei. Oft unterlegt das Orchester pastellartig das Geschehen auf der Bühne, die Solisten singen fast schon rezitativisch. Immer wieder hört man in hohen schrillen Geigen gleichsam das Schreien der kindlichen Opfer Peter Grimes’ aus dem Jenseits. Nielsen hält immer lautstärketechnisch die Balance und dirigiert im besten Sinne kapellmeisterlich. Nie hat man das Gefühl, die Solisten würden aus dem Graben akustisch überwältigt werden. In den die Akte umrahmenden Zwischenspielen (Interludes) – nicht selten auch im Konzertsaal zu erleben – zeigt das Orchester seine ganze Klasse. Ohne die Extreme zu überziehen, beschreibt Nielsen mit dem Bayerischen Staatsorchester eine eindrücklich raue Landschaft – an der Küste, wie in den Herzen der Menschen.

Allein wegen dieser Musik lohnt sich der Besuch des Peter Grimes allemal. Mal spätromantisch an Schönbergs „Gurre-Lieder“ anklingend, mal impressionistisch wirkend, mal an den tonalen Grenzen kratzend, ist sie ein wirkliches Erlebnis. Die Handlung ist voller Tiefenschichten und spannender psychischer Fragestellungen. Beschwingt und beglückt wird man wohl nicht nachhause gehen, denn diese Figur des Peter Grimes wühlt auf und treibt einen um. Wer ist dieser Mann? Ist er wirklich nur ein schlechter Mensch? Die Unklarheit der Figur hat etwas Anziehendes. Dieser Abend war auf also alle Fälle ein beeindruckendes Erlebnis. Jonas Kaufmann als Peter Grimes werden wir hoffentlich noch öfter zu hören bekommen. Was man insofern trotz aller Fragen über die Person Peter Grimes festhalten kann: In dubio pro Kaufmann.

Willi Patzelt, 22. September 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Benjamin Britten, Peter Grimes, Bayerische Staatsoper, München, 10. März 2022

Benjamin Britten, Peter Grimes, Bayerische Staatsoper, 10. März 2022 

Benjamin Britten, Peter Grimes, Jonas Kaufmann, Lise Davidsen, Bryn Terfel, Wiener Staatsoper, 2. Februar 2022

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