Eine Reise durch das Menschenleid, das Leben und den Tod: Der große Peter Mattei singt Schubert in Stockholm

Peter Mattei, Bariton, Lars David Nilsson, Klavier,  Grünewaldsalen, Konserthuset, Stockholm

Foto: (c) Jan-Olav Wedin
Grünewaldsalen, Konserthuset, Stockholm,
18. September 2018
Franz Schubert, Winterreise
Peter Mattei, Bariton
Lars David Nilsson, Klavier

von Yehya Alazem

Franz Schubert vollendete die Winterreise in den letzten Monaten seines kurzen Lebens. Die Vertonungen der 24 Gedichte von Wilhelm Müller haben eine Gefühlstiefe und eine psychologische Kraft, die wenige andere Werke dieser Gattung bieten.

Zusammen mit den Zyklen Die schöne Müllerin und Schwanengesang gilt die Winterreise als Höhepunkt der Gattung des Liederzyklus’ sowie des Kunstliedes. Technisch als auch interpretatorisch stellt jedes einzelne Lied eine große Herausforderung für Sänger und Pianisten dar.

Der im Norden Schwedens geborene Peter Mattei gehört heute zu den besten Baritonen der Opernwelt. Seine Interpretationen von Rollen wie Don Giovanni, Amfortas, Wolfram und Billy Budd sind weltweit bekannt und gefragt. An diesem Abend zeigt er auch, dass er die Kunst des Lieds mit Bravour beherrscht.

Im Stockholmer Konzerthaus (Konserthuset) debütierte Mattei 1995, als er mit den Königlichen Philharmonikern Mahlers Lieder eines fahrenden Gesellen aufführte. Im Herbst 2018 tourt er mit dem Pianisten Lars David Nilsson und führt die Winterreise in acht verschiedenen Orten in Schweden auf.

Mattei gibt eine äußerst persönliche Darbietung, die als eine Wanderung zwischen Emotionswelten betrachtet werden kann. Wir hören eine Reise durch enorme Gefühle, durch das Leiden, das Leben und den Tod eines Menschen.

Die musikalische Darstellung dieses Liedzyklus’ verkörpert Mattei als wäre es ein Gesamtkunstwerk. Wir hören und sehen einen Sänger, einen Erzähler und einen Schauspieler gleichzeitig. Die Entwicklung seines Charakters ist die 24 Lieder hindurch hervorragend – das ganze Erlebnis ist vollkommen.

Das Ganze fängt mit Frustration und Wut an, geht durch einen Kampf zwischen Licht und Dunkelheit und endet in Verzweiflung. Mit dichtem, geschmeidigem Bariton und nuancierten Übergängen zwischen Höhen und Tiefen führt uns Mattei seine Gesangswelt vor; er zeigt eine hervorragende Differenzierung zwischen den Emotionen mit schönen leisen Tönen und temperamentvollen Ausbrüchen.

Obwohl der Pianist Lars David Nilsson die Tiefe in der Klavierpartie nicht findet, bietet er Peter Mattei eine gute Begleitung. Matteis Leistung allein ist eine emotionale, existenzialistische Reise voller Ausdruckskraft und Selbstbewusstsein – dabei ist er so glaubwürdig, als würde er sein eigenes Leben darstellen.

Yehya Alazem, 20. September 2018, für
klassik-begeistert.de

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