Foto: Alex Ross(C) John D. and Catherin e T. MacArthur Foundation
„Möge der Klang mit euch sein!“
Für diejenigen, die sich genreübergreifend mit der Musik des 20. Jahrhunderts und mit der nichtmusikalischen Wagner-Rezeption auseinandersetzen, ist Alex Ross seit vielen Jahren eine feste Größe. Kaum jemand denkt so interdisziplinär, wenige haben soviel Detailwissen und dabei dennoch den ganz großen Überblick wie er. Nach 30 Jahren gibt der Musikwissenschaftler, Journalist und Autor seinen Posten als leitender Musikkritiker bei dem renommierten US-amerikanischen Kultur-Magazin „New Yorker“ auf.
von Dr. Andreas Ströbl
Zu jung zum Rückzug?
Jemanden, der so aktiv und umtriebig ist wie der 56-jährige Alex Ross, verortet man eigentlich nicht auf dem Weg in den Ruhestand. Aber „obwohl mich die Musikszene heute mehr begeistert denn je – zeitgenössische Komposition ist von ungebrochener Vitalität –, möchte ich meinen Abschied nicht zu spät hinauszögern. Außerdem erfordert die Tätigkeit viele Reisen, und in dieser Lebensphase möchte ich lieber näher an meinem Zuhause bleiben“, so Ross. Er versprach aber, weiterhin für längere Essays im „New Yorker“ zur Verfügung zu stehen. Kernbereiche werden Literatur, Philosophie, der Bundesstaat Kalifornien und Berichte zur Migration sein; die Musik wird er dabei immer wieder streifen.
Seit den mittleren 90er Jahren war Ross so etwas wie das kulturwissenschaftliche Gesicht des 1925 von dem nicht mit ihm verwandten Harold Ross gegründeten Magazins, das er mit zahlreichen Kritiken, Essays und kulturpolitischen Beiträgen bereicherte.
Charakteristisch für seinen Stil ist eine facettenreiche Beleuchtung von musikalischen Themen und seine interdisziplinäre Einbettung in einen politischen und soziohistorischen Zusammenhang, zuweilen gewürzt mit feinem Humor.
Inzwischen echte Standardwerke
Internationale Bekanntheit erlangte Ross 2007 mit seinem umfangreichen Buch The Rest Is Noise: Das 20. Jahrhundert hören (The Rest Is Noise: Listening to the Twentieth Century; die deutsche Fassung erschien 2009). Diese vielschichtige Kulturgeschichte der Musik des 20. Jahrhunderts behandelt die sogenannte „klassische Musik“ bzw. ihre moderne Entwicklung ebenso wie Jazz, Filmmusik und genreübergreifende oder -aufbrechende Phänomene. Ross geht die Wege von Wien, Berlin und Moskau nach New York; er untersucht ebenso individuelle Biographien wie politische Bewegungen und Umwälzungen. Man kann das Buch in einem durch verschlingen oder es als wertvolles Nachschlagewerk (natürlich ohne lexikalischen Charakter) nutzen, wenn man sich über spezielle Komponisten oder kulturelle Erscheinungen informieren will. Für dieses Buch wurde Ross 2011 mit dem Belmont-Preis der Forberg-Schneider-Stiftung ausgezeichnet.
In Listen To This von 2020, einer Textsammlung von Beiträgen aus dem „New Yorker“, untersucht Ross die Rezeption von klassischer und populärer Musik mit besonderem Augenmerk auf die Bedeutung der Musik für die menschliche Wahrnehmung und Empfindung. Man lernt den Autor hier etwas persönlicher kennen, weil er auch von seinen eigenen Hörerlebnissen erzählt – ob zu Musik von Mozart, Schubert, Bach oder eben auch Bob Dylan, Björk und Radiohead.
Im selben Jahr erschien Die Welt nach Wagner (Wagnerism. Art and Politics in the Shadow of Music; https://klassik-begeistert.de/die-wagner-droge-bemerkungen-zu-alex-ross-die-welt-nach-wagner/), ein ungemein vielschichtiges Buch für Wagnerianer und Nicht-Wagnerianer mit dem wissenschaftlich-kritischen Anspruch, Wagner in seiner Genialität und seinen abstoßenden Zügen differenziert zu begegnen. Gerade für Liebhaber des Komponisten ist dieses Werk bestens geeignet, auch eigene Positionen wieder einmal zu hinterfragen und zu erweitern.
Der Autor, der 2012 in die “American Academy of Arts and Sciences” gewählt wurde, bedankte sich nun bei der Redaktion des „New Yorker“ und seinen Lesern für die langjährige Treue auf seiner „Reise von der Unreife bis zur Verrentung“ mit den Worten: „May the noise be with you“ – „Möge der Klang mit euch sein!“
Dr. Andreas Ströbl, 5. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Die Wagner-Droge – Bemerkungen zu Alex Ross‘ „Die Welt nach Wagner“