Wagners Walküre: Maestro Omer Meir Welber führt alle Mitwirkenden zu Höchstleitstungen

Richard Wagner Die Walküre Omer Meir Wellber  Hamburgische Staatsoper, 1. November 2026

Foto: Omer Meir Wellber (c) Wilfried Hösl

Ein Stimmenfest vom Feinsten gepaart mit äußerster Spielfreude

Endlich werden auch die Hamburger wieder musikalisch verwöhnt. Die viel zu lange Leidenszeit hat ein Ende. Warum nur wurde keine DVD von dieser fantastischen Aufführung mitgeschnitten, damit alle Mitwirkenden selbst einmal sehen und hören können, wie wunderbar sie miteinander agieren und harmonieren, damit sie sich selbst feiern können.

Hamburgische Staatsoper, 1. November 2026

Richard Wagner Die Walküre

Musikalische Leitung: Omer Meir Wellber

Inszenierung: Claus Guth
Bühne und Kostüme: Christian Schmidt

Siegmund: Matthew Newlin
Hunding: Ante Jerkunica
Wotan: Derek Welton
Sieglinde: Vida Mikneviciuté
Brünnhilde: Allison Oakes
Fricka: Anna Kissjudit

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

von Iris Röckrath

Bayreuth-Feeling in der Hamburgischen Staatsoper

Selten habe ich eine so intensive Aufführung der Walküre gehört und gesehen wie die am 1. November unter der Leitung des GMD Omer Meir Wellber.

Die ersten markigen Töne erklingen aus dem Graben und schon wird deutlich, die Orchestermusiker und Musikerinnen sitzen auf der Stuhlkante. Hier gibt es keinen „Dienst nach Vorschrift“, heute wird gewagnert was das Instrument hergibt. Himmlische Melodienbögen wechseln mit dramatischen Wendungen, rauschhaften wagnerschen symphonischen Klängen und halten immer die psychische Spannung zwischen den Personen. Von der Auffassung her fühle ich mich an die von mir sehr geliebte Aufnahme von Karl Böhm erinnert, die ich schon als Jugendliche gern gehört habe.

Omer Meir Wellber Modifica (c) Luca Pezzani

Wotan schnipst Siegmund und Sieglinde aus der Starre ins Leben. Der erste Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen kann beginnen.

Matthew Newlin und Vida Mikneviciuté klingen so jung und unbedarft, wie man sich das Geschwisterpaar Siegmund und Sieglinde vorstellt. Sie passen zu einhundert Prozent in die Inszenierung von Claus Guth aus dem Jahr 2008. Diese Sieglinde ist eine ausgebeutete junge Frau, die dem Mann Hunding zu gehorchen hat, ihm quasi gehört. Die litauische Sopranistin überzeugt und verstört zutiefst. Stimmlich klingt sie wie eine junge Frau mit strahlenden Höhen. Anfangs verkörpert sie die verängstigte, sich ihrem Schicksal ergebende, hoffnungsvoll auf ein anderes Leben blickende junge Frau. Im Verlauf der Aufführung wechselt sie die Gefühlswelten. Dann ist sie die liebende, panische, zutiefst verunsicherte Person, die am Ende immer noch genug Kraftreserven hat, um heldisch aufzutrumpfen. Sie hinterlässt eine besonders beeindruckende stimmliche wie darstellerische Leistung.

Walküre Archiv: Omer Meir Wellber mit Derek Welton, Annika Schlicht, Vida Miknevičiūtė, Matthew Newlin und Allison Oakes (Foto: RW)

„Die Sonne lacht mir nun neu“ – Matthew Newlin als Siegmund steht seiner Zwillingsschwester in nichts nach. Wie er tastend, fragend, suchend, resigniert, erinnernd in seiner Partie aufgeht, ist bemerkenswert. „Ein Schwert verhiess mir der Vater“ klingt wie eine Erlösung. Er blüht stimmlich auf, kann die Schönheit seiner Stimme aussingen. Dieser lyrische Tenor hat in dieser Partie Bayreuth-Qualität durch und durch. Im Dialog mit Brünnhilde im zweiten Akt, in der Todesverkündung, da leidet man mit. Wie er zögert, fürsorglich liebend und klar sich für seine Geliebte entscheidet, hach, da geht einem das Herz auf.

Ante Jerkunica als Hunding strahlt durch seine ausdrucksstarke Person, die schwarze Stimme und die markige Aussprache Autorität und Angst aus. Dem widerlichen Typ will man nicht nachts auf der Straße begegnen. Seine Anwesenheit erzeugt unerträgliche  Spannung – Angst liegt im Raum und in der Atmosphäre.

Die Fricka von Anna Kissjudit übertreibt das Keifen und Zetern wie eine Furie und leider ist kein Wort zu verstehen. Das wird der Partie der gedemütigten, zutiefst verletzten Ehefrau Wotans m.E. nicht gerecht. Warum Wotan dieser Frau den Eid verspricht, ist daher nicht besonders schlüssig.

Walküre Inszenierung 2008 (c) Monika Rittershaus

Der Wotan, dem Derek Welton seine wunderbare Stimme, Gestalt und Ausstrahlung für einen Abend leiht, ist ein weiterer Höhepunkt der Aufführung. Darstellerisch überzeugt er bühnenpräsent schon durch seine Statur von Beginn an.

Dieser Göttervater bringt alle Facetten mit: Er ist Gestalter, Kriechender vor Fricka, Strafender, Liebender, Verzweifelter. Derek Welton deckt die ganze Palette mühelos ab. Stimmlich erlebe ich einen glaubwürdigen, makellos singenden, noblen, autoritären, emotionalen, liebenden Vater. Woher zaubert er nach den kraftvollen Wutausbrüchen am Ende einen so innigen gefühlvollen Abschied, dass man kaum die Tränen zurückhalten kann?

Allison Oakes ist die Brünnhilde des Abends. Sensationell singt sie wohltuend und ohne Schärfen oder störendes Vibrato. Die Stimme klingt jugendlich-dramatisch frisch. Die Hojatojo-Rufe  zu Beginn ihrer Rolle schleudert sie ohne Probleme über das Orchester hinweg in den Zuschauerraum. Als könnte sie nichts erschüttern fragt sie den Vater, was sie diesmal für ihn erledigen soll. Siegmund und Sieglindes Liebe zueinander aber brechen ihr das Herz. Empathie und Liebe müssen siegen aber die Angst vor der Wut des Vaters ist groß. Sie meistert diese anspruchsvolle kraftraubende Partie, die zu den extremsten der gesamten Opernliteratur gehört makellos.

Der Jubelsturm am Ende der Aufführung löste dann endlich die Spannung im Publikum, das die Aufführung gebannt und mucksmäuschenstill verfolgt hat.

Danke Maestro Omer Meir Welber, Sie haben alle Mitwirkenden zu Höchstleitstungen geführt.

Ein Opernabend, der noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Iris Röckrath, 2. November 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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