Sommereggers Klassikwelt 139: Alfred Deller – Pionier der Countertenöre

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Die Zukunft der Oper liegt heute, wie es scheint, wohl in der Vergangenheit, in der es noch viele lohnende Entdeckungen geben dürfte. Die Archive sind übervoll mit Musik, die ihrer Wiedererweckung harrt. Ans Werk, liebe Musikwissenschaftler!

von Peter Sommeregger

Die Entwicklung der Stimmlage Countertenor hat in den letzten Jahrzehnten erstaunliche Ergebnisse hervorgebracht, von denen der erste Sänger dieser exponierten Gesangstechnik im 20. Jahrhundert, Alfred Deller nur träumen konnte. Am 31. Mai vor 110 Jahren wurde er im britischen Margate geboren, dieses runde Datum ist eine gute Gelegenheit jenen Mann zu würdigen, der ohne es zu ahnen eine Entwicklung in Gang setzte, die zu einer Renaissance der Barock-Oper wesentlich beitrug.

Deller sang zuerst im Knabenchor seiner Heimatgemeinde, bildete sich aber später als Autodidakt zum Countertenor weiter. Diese Technik spielte in der englischen Barockmusik eine wichtige Rolle, geriet mit der Zeit aber in Vergessenheit. Gefördert wurde Deller, der zwischenzeitlich im Chor der Kathedrale von Canterbury tätig war, durch den Komponisten Michael Tippett. Seine Karriere erreichte einen ersten Höhepunkt, als er 1944 in einem von Tippett initiierten und dirigierten Konzert in London auftrat.

Im Jahr 1946 sang er zum ersten Mal im englischen Rundfunk, ab 1947 war er Chordirigent der Londoner St.Paul’s Cathedral und 1948 gründete er das Vokalensemble Deller Consort, das durch die Pflege nicht nur englischer Barockmusik bald große Popularität erlangte. Benjamin Britten schrieb ihm die Rolle des Oberon in seiner Oper „A Midsummer Night’s Dream“ auf den Leib, die er bei der Uraufführung beim Aldeburgh Festival 1960 und 1961 in der Aufführung an der Londoner Covent Garden Opera  gestaltete.

Dellers 1938 geborener Sohn Mark trat in die Fußstapfen seines Vaters, der ihn zu einem ebenfalls bedeutenden Countertenor ausbildete. Es existieren Duett-Aufnahmen der beiden Künstler, die eine große künstlerische Übereinstimmung dokumentieren. Alfred Deller starb unerwartet am 16. Juli 1979 in Bologna während einer Italienreise. Mark Deller setzt bis heute die Arbeit seines Vaters fort.

Zahlreiche Schallplatten dokumentieren die hervorragende Technik und den Wohlklang der Stimme Dellers. Noch bedeutender aber muss man den Anstoß werten, den er für die Wiedergewinnung dieser sehr speziellen Gesangstechnik gab. Countertenöre wie Franco Fagioli, Max Emanuel Cenčić, Jakub Józef Orliński u.v.a. wären ohne die Pionierarbeit Dellers heute nicht denkbar. Dabei fällt auf, dass der Stimmumfang der meisten aktuellen Counter ein erheblich größerer ist, als er Deller zur Verfügung stand. Fagioli, ursprünglich als Bariton ausgebildet, hat einen Stimmumfang von locker drei Oktaven und singt Triller und Koloraturen, die jeden Sopran vor Neid erblassen lassen.

Gleichzeitig haben die Erwähnten, ebenso wie fast alle ihrer Fachkollegen, ein sehr persönliches, individuelles Timbre entwickelt, das sie unverwechselbar macht. Auch darin sind sie heute den meisten ihrer weiblichen Sopran-Kollegen überlegen. Man muss feststellen, dass die Counter-Szene die heute wohl kreativste und innovativste Entwicklung der Gesangskunst darstellt. Während Sopran- und Tenorstimmen sich aktuell mehr durch die Entwicklung negativer Charakteristika auszeichnen, erobern sich die Countertenöre ständig neues Terrain.

Inzwischen scheinen sie mehr und mehr die Qualität der berühmten Kastraten wie Farinelli zu erreichen, was zur Folge hat, dass ein teilweise verloren gegangenes Repertoire wieder aufführbar wird, weil auf einmal die dafür notwendigen Stimmen zur Verfügung stehen. Plötzlich tauchen seit Jahrhunderten nicht mehr aufgeführte Opern Porporas und Leonardo Vincis wieder auf den Spielplänen auf und mischen die Karten des internationalen Opernbetriebes neu. Manche der „Schlachtschiffe“ des 19. Jahrhunderts sehen dagegen heute mit ihren häufig überforderten Sängern reichlich alt aus.

Die Zukunft der Oper liegt heute, wie es scheint, wohl in der Vergangenheit, in der es noch viele lohnende Entdeckungen geben dürfte. Die Archive sind übervoll mit Musik, die ihrer Wiedererweckung harrt. Ans Werk, liebe Musikwissenschaftler!

Peter Sommeregger, 8. Juni 2022, für
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Sommereggers Klassikwelt (c) erscheint jeden Mittwoch.

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Riccardo Muti und Anna Netrebko. Seit 26 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der deutschen Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen’. Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

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