Sommereggers Klassikwelt 30 : …Habt der Einen Ruf in Acht! Zum Tod der Mezzosopranistin Hertha Töpper

Sommereggers Klassikwelt 30 : …Habt der Einen Ruf in Acht! Zum Tod der Mezzosopranistin Hertha Töpper

Die Nachricht vom Tod Hertha Töppers in der letzten Woche hat bei mir wieder viele schöne Erinnerungen an meine Münchner Jahre geweckt. Als ich 1966 nach München zog, war die aus Graz gebürtige Sängerin die unangefochtene Nummer eins im Mezzofach an der Bayerischen Staatsoper. Es war noch die Zeit der gewachsenen Ensembles, entsprechend vertraut waren die Künstler miteinander, was sich sehr positiv auf die Qualität der Aufführungen auswirkte.

von Peter Sommeregger

Das Spektrum der Rollen, die Hertha Töpper während ihres 30-jährigen Engagements in München gesungen hat, ist breit gefächert, hatte seinen Schwerpunkt aber doch eher im Deutschen Fach. Darüber hinaus war sie eine gefeierte Konzertsängerin, mit Karl Richter hat sie zahlreiche Konzerte gegeben und Schallplatten eingespielt. Besonders charakteristisch an ihrer Stimme war die schlanke, sichere Höhe und das samtene Timbre in den tieferen Lagen.

Der Octavian in Strauss‘ Rosenkavalier war ihre Paraderolle, mit der sie auch 1951 in München debütierte und die ihr auch zu Gastspielen an fast allen großen Opernhäusern der Welt bis zur New Yorker Met verhalf. Schon bei den ersten Bayreuther Festspielen nach dem Krieg 1951 war sie in kleineren Partien zu hören. Bereits 1955 wurde sie Bayerische Kammersängerin, 1962 erhielt sie den Bayerischen Verdienstorden, später auch das Bundesverdienstkreuz. Verheiratet war sie seit 1949 bis zu seinem Tod mit dem Österreichischen Komponisten Franz Mixa.

Am besten gefiel Töpper mir persönlich in der Rolle der Brangäne in Wagners Tristan. Beim berühmten Wachtgesang konnte sie mit ihrer schönen, sicheren Höhe auftrumpfen und ihr warmes, farbenreiches Timbre voll entfalten. Unvergesslich sind mir Tristan-Aufführungen noch unter Joseph Keilberth, der am 20. Juli 1968 während einer Tristan-Aufführung ohne Vorwarnung von einem Herzinfarkt gefällt vom Podium stürzte.

Hertha Töpper, die manchmal ein wenig bieder wirken konnte, war aber auch immer wieder für Überraschungen gut. In den 1970er Jahren lief in München eine mäßig geglückte Carmen-Produktion in deutscher Sprache. Als ich erwartungsfroh in eine Aufführung ging, in der Brigitte Fassbaender die Carmen singen sollte, erschien auf einmal der Inspizient vor dem Vorhang, was selten Gutes verheißt. Er teilte dem Publikum mit, dass wegen Erkrankung von Frau Fassbaender Hertha Töpper singen würde, die diese Partie seit über zehn Jahren nicht mehr gesungen hätte.

Kaum jemand im Saal konnte sich diese Sängerin in dieser doch sehr erotischen Rolle vorstellen. Aber dann geschah das völlig Unerwartete, die Töpper gurrte und girrte und legte insgesamt eine Carmen der Extraklasse auf die Bretter. Unvergesslich ist mir die Szene in der Kneipe, bei der Carmen (in dieser Inszenierung) einen Teller zerschlägt und mit dessen Scherben die Kastagnetten ersetzt. Bei ihrem lasziven Gesang und Tanz musste man schlagartig die bisherigen Klischees der biederen Hertha Töpper revidieren.

Im Jahr 1981 zog sich die Sängerin von der Bühne zurück, unterrichtete aber noch bis 1989 an der Münchner Musikhochschule. Kurz vor ihrem 96. Geburtstag ist sie nun am 28. März in ihrer Wahlheimat München gestorben.

Peter Sommeregger, 7. April 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Ricardo Muti und Anna Netrebko. Seit 25 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de .

 

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