Sommereggers Klassikwelt 29: Konserven mit Verfalldatum

Sommereggers Klassikwelt 29: Konserven mit Verfalldatum

Es verwundert nicht, dass das Verfalldatum von Inszenierungen im heute gängigen Stil ein immer schnelleres wird. Was beim ersten Mal vielleicht noch interessiert oder amüsiert, wirkt bei mehrmaliger Betrachtung oft peinlich.

von Peter Sommeregger

In Zeiten von Corona legen sich besorgte Menschen vorsorglich einen gewissen Vorrat von Lebensmittel-Konserven an. Es ist eine Glaubensfrage, ob das bei täglich geöffneten Supermärkten mit frischer Ware unbedingt notwendig ist.

Anders liegen die Dinge im kulturellen Bereich. Die praktisch weltweite Schließung sämtlicher Konzertsäle und Opernhäuser erzeugt ein kulturelles, vor allem musikalisches Vakuum, das dem musikaffinen Menschen schmerzlich den Stellenwert der Musik für das emotionale Gleichgewicht bewusst macht. Aber so, wie sich die Generationen vor der Erfindung von Tonträgern und des Radios durch aktives Musizieren erfreuten, die Nachfolgenden auf jene Innovationen zurückgreifen können, ist die Generation Laptop und Smartphone gleich mehrfach für Ausfälle der Live-Events gerüstet.

Spontane musikalische Aktionen, zum Teil in sehr origineller Form dargeboten, rasen in Lichtgeschwindigkeit durch die sozialen Netzwerke in solcher Dichte, dass sie beginnen, zur Plage zu werden. Die zur Untätigkeit verdammten Opernhäuser, Orchester und Solisten versuchen, im Bewusstsein ihrer Klientel präsent zu bleiben, indem sie Livestreams älterer, zum Teil aber auch noch ganz neuer Produktionen kostenlos zur Verfügung stellen. Das ist im Prinzip lobenswert, bei genauem Hinsehen muss man aber feststellen, dass aktuelle Inszenierungen beim zweiten Sehen fast immer enttäuschen. War man im Theater noch durch die räumliche Atmosphäre, und  die Unmittelbarkeit des Live-Erlebnisses geneigt, positiv zu urteilen, entlarven sich beim Wiedersehen- und -Hören oft erst die Mängel vieler Aufführungen. Es verwundert in diesem Zusammenhang nicht, dass das Verfalldatum von Inszenierungen im heute gängigen Stil ein immer schnelleres wird. Was beim ersten Mal vielleicht noch interessiert oder amüsiert, wirkt bei mehrmaliger Betrachtung oft peinlich.

Ein Ring des Nibelungen wurde an den meisten Häusern für Jahrzehnte konzipiert, siehe die Kult-Inszenierung Götz Friedrichs an der Deutschen Oper. Dort hat man für eine Neuinszenierung Stefan Herheim gewinnen können, dessen bisherige bildmächtige Arbeiten zumindest ein hohes ästhetisches Niveau versprechen. Anders an der Berliner Staatsoper, wo Daniel-Barenboim-Ring-Inszenierungen meist schon nach wenigen Aufführungen entsorgt werden, was bei der letzten , von Guy Cassiers besorgten, den Abschied leicht machte. Die Videos dieser Produktion will man ernsthaft niemandem empfehlen. Die Verpflichtung des Regisseurs Dmitri Tcherniakov für den nächsten Ring verspricht allerdings nichts weniger, als Nachhaltigkeit. Die bizarren Regieeinfälle des Russen verschießen ihr Pulver meist schnell.

Wer zu einer Ring-Konserve greifen will, ist nach wie vor mit der Jahrhundert-Inszenierung Patrice Chereaus aus Bayreuth bestens bedient. Qualität altert eben nicht so schnell. Das gilt auch für den Rosenkavalier-Film Paul Czinners mit Elisabeth Schwarzkopf, der mühelos dem Vergleich mit der aktuellen Inszenierung Andre Hellers standhält, die an ihrer eigenen Ambition scheitert, von deren sängerischer Mediokrität ganz zu schweigen.

Ein in jedem Fall empfehlenswertes und erfreuliches Wiedersehen bereiten die Opernfilme Jean-Pierre Ponelles. Sein mit dem Zürcher Opernhaus und Nicolaus Harnoncourt erarbeiteter Monteverdi-Zyklus hat Aufführungsgeschichte geschrieben. Auch seine Mozart-Inszenierungen setzen bis heute Maßstäbe. Mein persönlicher Favorit ist seine letzte Arbeit, die Verfilmung von „Cosi fan tutte“. Wie es ihm gelingt, die komische und die tragische Seite dieser bitteren Komödie zu verschmelzen, und aus den großartigen Sängern auch darstellerisch ein Optimum herauszuholen, ist ganz große Meisterschaft. Ich liebe in der Regel den DVDs angehängte Bonustracks nicht unbedingt, in diesem Fall aber ermöglicht dieses Material tiefe Einblicke in die akribische Arbeitsweise Ponelles. Er konnte selbst nicht ahnen, dass dies seine letzte Arbeit werden würde. Man will gar nicht glauben, dass diese Inszenierung aus dem Jahr 1988 stammt, frischer und unmittelbarer als das meiste später Entstandene.

Bei künstlerischen Konserven ist die Festlegung des Verfalldatums konträr zu Lebensmitteln zu sehen. Was da als frische, aktuelle Ware angeboten wird, ist oft nur der Hype der letzten Saison, die Veröffentlichung auf DVD verzichtbar. Fazit: auch Konserven wollen sorgfältig ausgesucht werden, soll ihr Verzehr unbedenklich sein.

Peter Sommeregger, 31. März 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Ricardo Muti und Anna Netrebko. Seit 25 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de .

 

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