Günther Groissböcks „Tristan Experiment" ist ein Versprechen für die Zukunft

Tristan Experiment, Wiener Kammeroper, 6. Juni 2021

Foto: © Herwig Prammer

Tristan Experiment, Wiener Kammeroper, 6. Juni 2021
Fassung für Kammerorchester von Matthias Wegele

von Jürgen Pathy

Experiment gelungen, Patient tot. Dieser Ausspruch passt perfekt, wenn man Günther Groissböcks erste Regiearbeit betrachtet. An der Kammeroper, dem kleinen Bruder des Theaters an der Wien, hat der Hüne das „Tristan Experiment“ inszeniert. Eine gestrichene Fassung von Wagners „Tristan und Isolde“.  Der Entstehungsgeschichte getreu, lässt Groissböck die beiden Haupt-Protagonisten zu Richard Wagner und Mathilde Wesendonck werden.

Immerhin liegt es nahe, dass Richard Wagner im Tristan seine vermeintliche Affäre zur Ehefrau seines Gönners Otto von Wesendonck verarbeitet hat. Wie der gebürtige Niederösterreicher das in Szene setzt, kann sich sehen und hören lassen. In Zusammenarbeit mit Hartmut Keil, der nicht nur die musikalische Leitung des Projekts innehat, sondern auch für die gekürzte Fassung mitverantwortlich ist, entstand ein Tristan light, der seine Wirkung dennoch nicht verfehlt.

Allen voran der Gedanke, Tristan und Isolde als eine Art Experiment im Labor zu kreieren, ist genial und geistreich zugleich. Groissböck lässt seine beiden Hauptdarsteller durch eine Art außersinnliche Kraft vereinen. Zwei Personen, die sich noch nie zuvor im Leben begegnet sind, werden durch einen elektrischen Impuls miteinander verbunden. Sofort spüren die beiden eine gewisse Nähe. Obwohl sie sich im Grunde fremd sind, scheint es, als würden sich die beiden seit Ewigkeiten kennen. Dadurch spiegelt Groissböck die Idee und den Gedanken wider, der Tristan sei keine nach außen gerichtete Oper, sondern eine Fahrt durch das Innere zweier Seelen. Von da an folgt großes Kino.

Der Wahnsinn trägt einen Namen: Norbert Ernst

Norbert Ernst, der lange Zeit im Ensemble der Wiener Staatsoper gesungen hat, ist Tristan. Einer, der von Kopf bis Fuß von Liebe und Wahnsinn getrieben wird. „Es war Wahn auf den ersten Blick“, soll Hans Neuenfels darüber gesagt haben, als Richard Wagner und König Ludwig II. sich das erste Mal getroffen hatten. So ähnlich scheint es zwischen Norbert Ernst und dem Tristan zu sein – der fiktiven Figur, die er bis zur Premiere dieser Serie noch nie verkörpert hat. Was der Wiener aus dieser enorm schwierigen Partie herauszuholen vermag, ist gewaltig.

Foto: (c) Herwig Prammer

Ernst gestaltet nicht nur die kammermusikalischen Linien des ersten Akts mit enormer Feinfühligkeit, sondern meistert die Ausbrüche des im Fieberwahn vor sich dahinsiechenden Tristan nach der Pause ebenso beeindruckend. Darstellerisch setzt er seiner sängerischen Leistung, die auf allerhöchstem Niveau basiert, sogar noch eins drauf. Es ist fragwürdig, ob man jemals eine verzweifelte Seele derart glaubwürdig auf der Bühne erlebt hat, wie an diesem Abend.

Dem nichts hinten nach steht Günther Groissböck selbst. Der gefragte Wagner-Interpret, der diese Saison in Bayreuth als Wotan debütieren wird, ist nicht nur in der Funktion des Regisseurs aktiv, sondern auch als König Marke. Wenn Blicke töten könnten, scheint das Credo des gehörnten Königs. Mit welcher Autorität und Authentizität er Tristan zurechtweist, wirkt mehr als nur furchterregend. Das ist die geballte Ladung Zorn. Über Groissböcks stimmliche Qualitäten muss sowieso nicht mehr viel gesagt werden. Sein sonorer Bass, der viel Kraft ausstrahlt, wirkt immer so, als hätte er noch Raum nach oben.

Kleines Orchester ziemlich laut

Ganz anders bei der Isolde dieser Produktion. Obwohl Kristiane Kaiser in den Vorstellungen zuvor viele überzeugte und auch schon in anderen Partien glänzte, an diesem Abend wirkt ihr Sopran teilweise zu gepresst. Vielleicht auch, weil Hartmut Keil die Zügel nicht immer straff zu führen weiß. Die Sorge, das rund 20-köpfige Wiener Kammerorchester wäre dem Tristan dezibelmäßig nicht gewachsen, lässt der deutsche Dirigent obsolet werden. Trotz des tiefen Orchestergrabens, werden die Sänger und Sängerinnen des Öfteren an ihre Grenzen getrieben.

Der isländische Bariton Kristján Jóhannesson als Kurwenal und Juliette Mars als Brangäne komplettieren den Cast. Nach anfänglichen Schwierigkeiten laufen beide zur Höchstform auf. Erwähnens– und sehenswert: das Videodesign des Deutschen Philipp Batereau, der das spartanische Bühnenbild in ein halluzinogenes Karussell des Wahnsinns verwandelt.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 12. Juni 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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