Klar wie Bergwasser, manchmal auch hart wie Hagel im Sommer: Yulianna Avdeeva verzaubert Berlin

Yulianna Avdeeva, Piano  16. Oktober 2021 in Berlin, Boulez-Saal

Alles dies breitet sich vor uns aus, klanggemalt in Avdeevas ganz eigenem Ton, fließend und klar wie Bergwasser, manchmal auch hart wie Hagel im Sommer, von großer Brillanz in der Melodieführung, dann wieder einem atemberaubenden Pianissimo, zart wie ein Nebelschleier.  

Yulianna Avdeeva am 16. Oktober 2021 in Berlin, Pierre Boulez Saal

von Sandra Grohmann

Danke, Yulianna Avdeeva. Für einen schillernden, einen perspektivreichen, einen zu Herzen gehenden Klavierabend. Und einen, der deutlich zeigte, wie viel wir verpassen, wenn wir uns nur zu Bach, Mozart und Chopin aus dem heimischen Sessel reißen.

Wobei – Chopin war an dem Abend im Berliner Pierre Boulez Saal (für alle, die es noch nicht wissen: es spricht sich tatsächlich Bulès, nicht etwa Bulé), Chopin war dabei. Mit ihm begann das Programm, und auf Chopin beziehen sich auch Komponisten des 20. Jahrhunderts. Władysław Szpilman, von dem das zweite Stück des Abends stammt, verdankte Chopin sogar sein Leben, denn es war – wie Avdeeva im Programmheft denjenigen verrät, die wie ich Szpilmans Memoiren nicht gelesen und auch sonst keine Ahnung von diesem Komponisten haben (mein Versäumnis!) – es war Chopins Nocturne cis-moll op. posth., das er 1944 in den Ruinen von Warschau einem deutschen Offizier vorspielte, der ihn danach bis zum Ende des Krieges notdürftig versorgte.

Avdeeva_(c) Sammy Hart

Avdeeva eröffnet mit der Polonaise-Fantaisie As–Dur op. 61 und spielt für uns dann – wobei die Ironie des Stücks sich in ihrem Gesicht spiegelt – Szpilmans „Das Leben der Maschinen“ von 1933, entstanden also bevor der Komponist verfolgt wurde. Es schließen sich die Sonate Nr. 4 von Mieczysław Weinberg und die Sonate Nr. 8 von Prokofjew an. Ein anspruchsvoll zu hörendes Programm? „Ein bisschen schwer zu verstehen“, wie Swjatoslaw Richter ebenfalls im Programheft über Prokofjews Sonate zitiert wird? Nicht, wenn Yulianna Avdeeva spielt.

Kristallklar, doch ohne jemals kalt zu werden, lässt sie die Musik um uns fließen und die großen Linien glitzern. Niemals sind wir verloren, niemals fragen wir uns, wo sich die Melodie versteckt, nie verirren wir uns in rhythmischen Vertracktheiten.  Avdeeva nimmt uns an die Hand und führt uns sicher: Alles hört sich an, als könne es gar nicht anders sein.

Im Publikum sieht man Menschen mitwippen, die Finger auf den Knien spielen lassen und verträumt in die Welten schauen, die sich vor uns auftun. Die Polonaise-Fantaisie porträtiert noch einen Einzelnen: einen weichen, zarten, ernsten, wohl auch wehmütigen Mann; dann löst sich der Boulez Saal auf und wir finden uns erst in Maschinenhallen, dann in Weinberg’schen Naturbildern und schließlich auf Berg- und Talfahrt zwischen den krassen Widersprüchlichkeiten von Prokofjews vorletzter Sonate. Alles dies breitet sich vor uns aus, klanggemalt in Avdeevas ganz eigenem Ton, fließend und klar wie Bergwasser, manchmal auch hart wie Hagel im Sommer, von großer Brillanz in der Melodieführung, dann wieder einem atemberaubenden Pianissimo, zart wie ein Nebelschleier.

(c) Schneider

Und erst die Triller! Das hat mit Trillern eigentlich nichts mehr zu tun.  Samtweiche Klangteppiche umschmeicheln das Ohr so zärtlich, dass man sich nur hineinlegen und nie wieder aufstehen möchte. Besonders eindrucksvoll in der Zugabe, die wohl nichts anderes sein konnte als Chopins nachgelassenes cis-moll Nocturne.

Begeisterter Beifall. Wie weit der Applaus von Avdeevas zweifelsohne ebenfalls bestechender Virtuosität provoziert war, weiß ich natürlich nicht. Aber die beschriebenen Zeichen aus dem Publikum sprechen dafür, dass Viele sich von ihrem Tonzauber haben anrühren und mitreißen lassen. Beim Rausgehen Stimmen: „Das war richtig schön!“ höre ich rechts von mir. Auf der anderen Seite überholt mich ein Paar. Der sehr große Mann summt immer noch das Nocturne.

Auch mich begleitet es in die Nacht.

Sandra Grohmann, 16. Oktober 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Nächste Konzerte mit diesem Programm: Wien, Wiener Konzerthaus, 17. Oktober 2021; Solingen, Kunstmuseum, 31. Oktober 2021.

Internationale Anerkennung erhielt Yulianna Avdeeva, 36, als Gewinnerin des Chopin-Klavierwettbewerbs in Warschau 2010. Sie ist die vierte Frau, die seit Halina Czerny-Stefańska, Bella Davidovich (ex aequo 1949) und Martha Argerich (1965) diesen Preis gewann.

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