Giacomo Puccinis “Turandot” in der Hamburgischen Staatsoper packt das Publikum bis zur letzten Sekunde

Giacomo Puccinis “Turandot” in der Hamburgischen Staatsoper packt das Publikum bis zur letzten Sekunde

© Hans Jörg Michel

Staatsoper Hamburg, 1. April 2022
Italienische Opernwochen der Staatsoper Hamburg 

Giacomo Puccini    Turandot

Finale: Franco Alfano

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Matteo Beltrami musikalische Leitung (für Giacomo Sagripanti)

Chor der Hamburgischen Staatsoper
Leitung: Christian Günther
Kinder-/ Jugendchor:
Leitung: Luiz de Godoy

von Dr. Holger Voigt

In Bezug auf ihre Vermächtniswirkung könnte man versucht sein, Giacomo Puccinis Meisterwerk „Turandot“ als seinen „chinesischen Parsifal“ anzusehen. Diese Analogie verweist auf den letzten kompositorischen Schlussstrich beider Komponisten, die sich in vielem mehr ähnelten, als man für gewöhnlich anzunehmen bereit ist. Sowohl Richard Wagners „Parsifal“ als auch Giacomo Puccinis „Turandot“ sind stringent durchkomponierte Klangwelten, deren Basis mächtige Chöre miteinander verbinden. Beide Werke sind schwer auf die Bühne zu bringen und erfordern hervorragende Orchester- und Partienbesetzungen. Beiden Werken ist gemeinsam, dass sie von einem melodischen Schönklang durchzogen sind, der die musikalischen Motive lange nachwirken lässt – sie gehen dem Zuhörer nach der Aufführung nur schwer aus dem Kopf und erinnern an Wagners Ausspruch von der „unendlichen Melodie“.

Beiden Werken ist zudem gemeinsam, dass die jeweilige Inszenierung ausnahmslos kontrovers aufgenommen wird: die Sichtweisen auf die musikalischen Kompositionen rufen in aller Regel heftige Widersprüche hervor. Zwischen Ablehnung und Begeisterung werden alle Zwischenstufen durchschritten, und manch eine Inszenierung bleibt nur dadurch in detailgetreuer Erinnerung, weil sie nahe am Eklat vorbeirauschte. Das ist der Stoff, aus dem die Welt der Oper gezimmert ist – Langeweile gibt es nicht.

Die Hamburgische Staatsoper hat die südkoreanische Regisseurin Yona Kim mit der Inszenierung beauftragt, der man bescheinigen muss, eine hervorragende, niemals langatmig wirkende Realisation auf die Bühne gestellt zu haben: Diese „Turandot“ ist wirklich meisterlicht inszeniert worden.

Das beginnt bereits mit dem Bühnenbild (Christian Schmidt) und der Raumnutzung bis in die Seitenrampen der Bühne hinein. Durchgehend düster beleuchtet (Reinhard Traub) entsteht eine Atmosphäre des Unausweichlichen. Kaum ein Anflug von zuversichtlicher Zukunftserwartung ist vernehmbar. Emotionale Äußerungen bestehen ganz vorwiegend aus festlich-pompösen und feierlichen Choralritualen, wobei wieder die Nähe zu Wagners „Parsifal“ auffällt (Ausnahme: Liù).

Yona Kim gestaltet das parabelreiche Märchen als Schauermärchen. Und so kann sie es sich auch nicht verkneifen, in den letzten Sekunden des Werkes sprichwörtlich den Stachel herauszufahren: Nicht das erwartete Happy-End, sondern eine Meuchelei bildet den unversöhnlichen Abschluss, der die Bedeutung der bestandenen Rätselraterunde zur Makulatur werden lässt. So etwas ist im Bereich des Regietheaters natürlich legitim und geradezu das „Salz in der Suppe“ einer jeden Operninszenierung. Die Qualität von Werk und Musik bleibt unbeschädigt – was will man mehr?

Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der hervorragenden Leitung des „Einspringers“ Matteo Beltrami (für Giacomo Sagripanti) spielte hochpräzise und voller angstfreier Dynamik, so dass aus dem Orchestergraben ein packender, voluminöser Orchesterklang aufstieg, der die Dramatik der Bühnenhandlung perfekt stützte. Grandios und in Hamburg eher selten zu hören!

Anna Smirnova brillierte mit einer kalt durchdringenden, dramatischen Sopranstimme, der man die fatalistische Seelentiefe Ton für Ton anhören konnte. Vor Turandot sollte sich besser jeder in Acht nehmen!

Gregory Kunde, Tenor, als Calaf überzeugte darstellerisch und stimmlich in jeder Beziehung. Sein „Nessun dorma“ war der Abräumer des Abends und brachte ihm viel Applaus und Bravorufe ein, zum Abschluss sogar standing ovations. Seine Rollengestaltung war durchgehend glaubwürdig und wirkte nie statuarisch.

Guanqun Yu, Sopran, als Liù rührte mit einer zwar kräftigen, doch sehr feinen und ausdruckstarken Sopranstimme das Publikum und erntete dafür bereits frühzeitig Szenenapplaus.

Glaubwürdig in der Darstellung und stimmlichen Präsenz zeigten sich auch Liang Li als Timur und Jürgen Sacher als Altoum. Quirlig und beweglich in Aktion und Stimme präsentierten sich Ping, Pang und Pong (Bernhard Hansky, Daniel Kluge, Seungwoo Simon Yang), die ministeriellen Instruktoren, Kommentatoren und Schicksalssortierer des zentralen Rätselwettbewerbs.

Ein besonderes Lob gilt den Chören, die nun alle auf der Bühne agierten, obwohl nur Tage zuvor pandemiebedingt bei Verdis „Luisa Miller“ die Choristen auf die Ranglogen verbannt worden waren. Die mächtigen Chöre und der perfekt klanglich und darstellerisch einstudierte Kinder- und Jugendchor trugen als klangliches Gerüst zu ganz wesentlichen Anteilen zu dieser meisterlichen Inszenierung bei.

Große Oper an der Hamburger Dammtorstrasse. Im Frühling bei Sturm und eisigen Temperaturen wärmte allein die grandiose Musik Puccinis!

Anmerkung: Zum Zeitpunkt des Werkdurchlaufes, an welchem Giacomo Puccini verstarb und das von Franco Alfano komponierte Finale folgt, werden in einer Video-Animation (Video: Philip Bußmann) Bilder des verstorbenen Komponisten eingeblendet.

Dr. Holger Voigt, 3. April 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

Besetzung

Inszenierung: Yona Kim
Bühnenbild: Christian Schmidt
Kostüme: Falk Bauer
Licht: Reinhard Traub

Turandot, Sopran: Anna Smirnova
Calaf, Tenor: Gregory Kunde
Liù, Sopran: Guanqun Yu
Timur, Bass: Liang Li
Ping, Bariton: Bernhard Hansky
Pang, Tenor: Daniel Kluge
Pong, Tenor: Seungwoo Simon Yang
Altoum, Tenor: Jürgen Sacher
Un Mandarino, Bariton: Chao Deng

Giacomo Puccini Turandot, die vierte Aufführung, Staatsoper Hamburg, 23. März 2022

Giacomo Puccini, Turandot, Staatsoper Hamburg, 16. März 2022

Giacomo Puccini, Turandot (Premiere) Staatsoper Hamburg, 13. März 2022

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