Wortlos zwischen Raum und Zeit

SWR Symphonieorchester, Antoine Tamestit, Viola, Teodor Currentzis,   Elbphilharmonie, 2. April 2022

Es fällt schwer sich nach diesem wuchtigen Aufprall in die stehenden Ovationen einzufinden, besonders in Hinblick auf die Geschichte, die aus dieser Musik, aus dieser Interpretation zu diesen Zeiten spricht. Die Ergriffenheit findet ihren trostspendenden Ausweg in der Zugabe, bei der Teile des Orchesters kurzerhand zu Chorsängerinnen umfunktioniert werden und Bachs „Jesus bleibet meine Freude“ erklingt.

Foto: Teodor Currentzis © Astrid Ackermann

Elbphilharmonie, 2. April 2022

SWR Symphonieorchester
Antoine Tamestit Viola
Teodor Currentzis Dirigent

Alexander Shchetynsky
Glossolalie für Orchester

Jörg Widmann
Konzert für Viola und Orchester

– Pause –

Dmitri Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47

Zugabe:

Johann Sebastian Bach
Jesus bleibet meine Freude / aus: Herz und Mund und Tat und Leben BWV 147

 von Nikolai Röckrath

Eigentlich hätte an diesem Abend in der Elbphilharmonie die erste Sinfonie von Johannes Brahms erklingen sollen. Es kam alles ganz anders. Als Reaktion auf Putins Angriffskrieg auf die Ukraine entschieden sich das SWR-Symphonieorchester und sein Chefdirigent Teodor Currentzis für eine Programmänderung: einen ukrainisch-deutsch-russischen Dreiklang, ein Zeichen für die Kraft der Verbindung durch die Musik, die wortlose aber umso eindringlichere Macht der Töne: Einen „Appell für Frieden und Versöhnung“. Wortlos blieb in den letzten Wochen auch Currentzis trotz seiner (wohl insbesondere finanziellen) Verbindungen zum russischen Staatsapparat, sodass er ebenso wie Valery Gergiev und Anna Netrebko zunehmend in der Öffentlichkeit unter Druck geriet. Der SWR zögerte zunächst mit einer Stellungnahme, befand dann aber, dass die Zusammenarbeit mit dem in der Vergangenheit Russland-systemkritisch auftretenden Currentzis auf der „Grundlage gemeinsamer Werte und Überzeugungen“ basiere.

Es sind merkwürdige Zeiten. Zeiten, in denen die politische Dimension von Kultur umso stärker in den Mittelpunkt tritt, in denen deutlich wird, dass die Musik niemals aus dem Zeitgeschehen extrahiert werden kann, sondern die historischen und aktuellen Ereignisse widerspiegelt, hörbarmacht und konserviert. Wie aussagekräftig ist vor diesem Hintergrund die Auswahl von Schostakowitschs 5. Sinfonie? Schostakowitsch komponierte dieses Werk als unmittelbare Reaktion auf das stalinistische Verbot seiner Musik, die als „Chaos“ verschmäht wurde, da sie nicht mit dem „sowjetischem Realismus“ und seiner Forderung nach klarer Formensprache zu vereinen war. Unter Überlebensangst ließ Schostakowitsch sich zu einem Lippenbekenntnis zu der sowjetischen Führung verleiten, nicht aber, ohne zugleich mit musikalischen Mitteln versteckte und erst in Zusammenhang zu seinen späteren Werken zu dechiffrierende deutliche Kritik am System zu äußern und es damit vorzuführen.

Den Auftakt jedoch macht an diesem Abend ein Werk des 1960 im ukrainischen Charkiw geborenen Komponisten Oleksandr Shchetynsky: „Glossolalie“. Der Titel spielt an auf die biblische „Zungenrede“, durch die göttliche Wahrheiten in der Realität erfahrbar und ausdrückbar werden. Das Stück beginnt andächtig mit zarten Flötenmotiven und überträgt sich allmählich auf das unkonventionell besetzte Kammerorchester, dem neben einem Vibraphon auch ein Saxophon und eine Gitarre angehören.

Currentzis beweist sich zu Beginn ganz untheatralisch als verlässlicher Taktgeber. Erst die Staccato-Motive des Klaviers breiten eine zunehmende Unruhe im Orchester aus, leiten über in einen vom Schlagwerkwirbel getragenen Höhepunkt und führen Currentzis zu seinem bekannt-expressiven Gestus zurück. Am Ende erstickt die Musik in einem schwermütigem Glockenläuten und kaum noch wahrnehmbaren Paukenschlägen.

Das zweite Stück des Abends, Jörg Widmanns Konzert für Viola und Orchester, wurde 2015 in der Pariser Philharmonie uraufgeführt und bricht mit allen klassischen Formalitäten. Das Stück wurde eigens für den weltbekannten Bratschisten Antoine Tamestit komponiert, der zuletzt im Leipziger Gewandhaus mit Sofia Gubaidulinas Violakonzert seine unerschöpfliche Palette an Klangfarben unter Beweis stellte. In der Elbphilharmonie glänzt Tamestit zunächst jedoch vor allem durch Abwesenheit. Verlegen schaut Currentzis zu Boden, betretendes Gemurmel im Publikum, wo ist der Solist des Abends nur? Dann, plötzlich, erscheint Tamestit in den hinteren Reihen des in Gruppen formierten Orchesters, schlüpft wie ein Vogel aus dem Ei, verwirrt, suchend, fragend. So erkundet er zunächst klopfend, dann zupfend seine 350 Jahre alte Stradivari und trifft dabei auf ein sphärisches Echo des in Gruppen formierten Orchesters, das er wortwörtlich durchstreift.

Erst am Ende des ersten Satzes findet der Bratschist seinen Bogen, den er kurzerhand zum Degen umfunktioniert und animiert selbst die Instrumentalist:innen zu kurzen Schauspieleinlagen. Ein Klamauk, aber ein Wirkungsvoller: So nähern sich die beiden Welten, lösen sich wieder voneinander, prallen wie Gegensätze aufeinander und bekriegen sich. Das alles lässt sich sowohl visuell als auch auditiv nachvollziehen und im Raum verorten, wer einmal binaurale Tonaufnahmen auf Kopfhörern erlebt hat, kann sich die Klangreise vorstellen. Organisch werden orientalische Gesänge der Klarinette, Anklänge von Volksmusik, plötzliche Paukenschläge, Schreie des Protagonisten und virtuose Bratschenkaskaden miteinander verwoben. Am Ende seiner Reise erheben sich die Bratschenklänge in schwindelerregende Höhen und werden zugleich von den Harfen geerdet, um zwischen den weltlichen und nicht-weltlichen Dimensionen mit den Streichern in einer schwelgerisch-klagenden Arie zu verschmelzen. Alles bleibt jedoch nebulös und mysteriös, steht losgelöst im Raum, unvollkommen bleibt im ersten Teil des Konzerts die Sehnsucht nach echtem Fundament.

Nach der Pause dann zieht es das Publikum ganz unweigerlich und mit aller Macht auf den Boden der Tatsachen zurück, ins irdische Leben mit allen seinen Facetten: in Schostakowitschs sagenumwobene 5. Sinfonie. Die Zerrissenheit des Komponisten in der Entstehungsphase des Werkes wird schon im von den Streichern vorgetragenen Eingangsmotiv deutlich, das von den Bläsergruppen übernommen in groteske Marschrhythmen eingebunden wird und damit die sozialistische Forderung nach Musik für die Arbeitenden erfüllt. Das Orchester spielt diesen Auftakt hochfokussiert und steht dabei in beständigem Austausch mit ihrem Chefdirigenten, dessen berüchtigt fordernde Probearbeit sich bemerkbar macht: Hier scheint nichts dem Zufall überlassen zu sein, die Dynamiken greifen wunderbar schlüssig ineinander, das technisch versierte Orchester verschmilzt zu einer geschlossenen Einheit.

Herauszuheben sind die überragende Tatjana Ruhland an der Querflöte sowie Sebastian Manz an der Klarinette, die sich mit Leib und Seele der Musik hingeben und nicht zuletzt im Allegretto-Satz so karikierend gewitzt phrasieren und miteinander interagieren. Die großen Kontraste des Werkes werden von Currentzis, dessen Leseart von Partituren in der Vergangenheit gerne einmal jegliche Extreme ausreizte, sorgsam herausgearbeitet und gleiten dabei nicht ansatzweise ins Klischeehafte. Currentzis dirigiert dabei, als stünden seine Arme und Bewegungen in magischem Kontakt zu der Musik, als „spiele“ er das Orchester. So entfaltet das Stück nach einem wohlig sanft vorgetragenem Largo-Satz eine ungeheure Wendung zum mit Spannung erwarteten Finalsatz: Der Triumphmarsch wird in Currentzis‘ Interpretation in extrem gemäßigte Tempi gedehnt und hierdurch umfunktioniert zum erdrückenden Todesmarsch.

Kaum auszuhalten ist die Zerrissenheit dieser Schlusssequenz. Schostakowitsch selbst äußerte sich laut den Memoiren des Musikwissenschaftlers Wolkos zu dem Ende der Sinfonie wie folgt: „Was in der Fünften vorgeht, sollte meiner Meinung nach jedem klar sein: Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen. So als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange dazu: ›Jubeln sollt ihr, jubeln!‹ Und der geschlagene Mensch erhebt sich, kann sich kaum auf den Beinen halten. Geht, marschiert, murmelt vor sich hin: ›Jubeln sollen wir.‹ Man muss schon ein kompletter Trottel sein, um das nicht zu hören.“. Es fällt schwer, sich nach diesem wuchtigen Aufprall in die stehenden Ovationen einzufinden, besonders in Hinblick auf die Geschichte, die aus dieser Musik, aus dieser Interpretation zu diesen Zeiten spricht. Die Ergriffenheit findet ihren trostspendenden Ausweg in der Zugabe, bei der Teile des Orchesters kurzerhand zu Chorsängerinnen umfunktioniert werden und Bachs „Jesus bleibet meine Freude“ erklingt.

Nikolai Röckrath, 3. April 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

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