Hayato Sumino sprengt die Rhapsody und Aurora setzt Mahlers Erste unter Strom

Bernstein, Gershwin, Ravel, Mahler 1  6. August 2026, Kurhaus Wiesbaden, Friedrich-von-Thiersch-Saal

Fotos: Copyright by Ansgar Klostermann

Der Finalsatz geriet zu einem Parcoursritt. Das Ensemble spielte derart entfesselt auf, dass man den Eindruck gewann, es ginge um die Existenz des Orchesters selbst.

Leonard Bernstein – Ouvertüre zur Operette „Candide“
George Gershwin – Rhapsody in Blue
Maurice Ravel – Boléro (Fassung für Klavier und Orchester, Arr. H. Sumino)
Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 1 D-Dur „Der Titan“ (auswendig gespielt)

Hayato Sumino, Klavier
Aurora Orchestra
Nicholas Collon, Leitung

Kurhaus Wiesbaden, Friedrich-von-Thiersch-Saal, 6. August 2026

von Dirk Schauß

Wer befürchtet hatte, das Rheingau Musik Festival würde mit der Verpflichtung des Pianisten Hayato Sumino lediglich dem digitalen Zeitgeist hinterherlaufen, erlebte eine Überraschung. Sumino ist kein beliebiges Social-Media-Phänomen, auch wenn ihm über zwei Millionen Menschen folgen. Der junge Japaner hält einen Masterabschluss in Ingenieurwissenschaften der Universität Tokio und verbindet mathematische Präzision mit einer beachtlichen artistischen Frechheit. Dass er in diesem Jahr den Leonard Bernstein Award erhielt, verleiht seiner Residenz zusätzliches Gewicht.

Den Auftakt überließ er dem Aurora Orchestra und seinem Chefdirigenten Nicholas Collon. Leonard Bernsteins Ouvertüre zu „Candide“ verlangt Witz und punktgenaue Rhythmik. Collon ließ die Passagen mit bemerkenswertem Schwung nehmen, trieb die Bläser zu schneidenden Einsätzen und schenkte dem Saal eine Frische, die man in deutschen Konzerträumen eher selten findet. Das Orchester spielte in voller Besetzung, der Ton war druckvoll, die Tempi scharf gewählt. Hier wurde nicht lange geprägt oder gezaubert, sondern geradlinig und mit spürbarer Freude am scharfen Akzent musiziert.

Hayato Sumino, Klavier Aurora Orchestra Nicholas Collon, Leitung (c) Ansgar Klostermann

Dann betrat Hayato Sumino das Podium. Gershwins „Rhapsody in Blue“ gehört zu jenen Stücken, die durch endlose Wiederholungen im Konzertbetrieb leicht an Kontur verlieren. Sumino ging das Werk nicht wie ein Museumsstück an. Sein Anschlag besaß eine erstaunliche Variabilität: leise Momente mit samtiger Geschmeidigkeit, im nächsten Augenblick große Kraft und satter Groove.

Die Darbietung verließ rasch ausgetretene Pfade. Sumino dehnte den Vortrag auf reichlich 21 Minuten und baute eine eigene Synthese aus der Jazz-Band-Fassung und der großen Orchestrierung. Der eigentliche Bruch folgte auf dem Fuße. Mit der rechten Hand griff er zu einem kleinen Keyboard, das den Klang einer Mundharmonika imitierte, während die linke Hand energisch die Bassstimme am Flügel bediente. Kurz darauf sah man sich in ein Jazz-Etablissement versetzt: Ein vorangestellter Ragtime reduzierte das Geschehen minutenlang auf Klavier, Saxophon, kleine Trommel und Kontrabass. Das besaß enormen Reiz – und sprengte Gershwins Gefüge zugleich beträchtlich.

Das Publikum quittierte die Extravaganz mit jubelndem Beifall. Das Orchester unter Collons animierender Führung bewahrte dabei stets den großen Ton und trug die Ausflüge mit bemerkenswerter Flexibilität mit.

Auf die Pause steuerte der Abend mit Maurice Ravels „Boléro“ in einer eigenen Bearbeitung Suminos zu. Was Ravel als raffinierte Studie der Orchesterfarben anlegte, geriet hier zu einer betont egozentrischen Fantasie. Der Beginn entsprach noch den vertrauten Mustern. Bald mischte sich das Klavier dazu, spielte zunehmend verfremdete Akkorde, während ein lärmendes Schlagzeug stur gegen den Bolero-Rhythmus anarbeitete. Es kam zu harmonischen Reibungen, die den Ohren einiges abverlangten.

Hayato Sumino, Klavier Aurora Orchestra Nicholas Collon, Leitung (c) Ansgar Klostermann

Zwischendurch absolvierte Sumino gar ein mehrminütiges Solo, das den Bolero im Schnelldurchgang durchmaß. Die finalen Momente kehrten unter manchem Tastengeraune zum Original zurück. Technisch blieb das tadellos. Kompositorisch ließ der Solist die raffinierte Farbenstudie Ravels jedoch deutlich hinter der eigenen pianistischen Geste zurücktreten. Das Orchester warf sich mächtig in die Eruptionen und lieferte die Basis für den Applaus, den Sumino mit einer jazzigen Zugabe belohnte.

Nach der Pause änderte sich der Charakter des Abends grundlegend. Gustav Mahlers erste Sinfonie stand auf dem Programm. Das Aurora Orchestra pflegt seit Jahren die Praxis, große symphonische Werke auswendig vorzutragen. Das ist keine Effekthascherei. Wer die Musiker beobachtet, begreift sofort den Gewinn an unmittelbarer Kommunikation. Bis auf die Celli, die Kontrabässe, die Tuba und die Pauken standen alle Orchestermitglieder während des gesamten Werkes. Diese Aufstellung veränderte die Akustik spürbar – der Klang drang unumwunden an die Ohren.

Collon verstand Mahlers Erstling als kompromissloses Dokument einer jugendlichen Sturm-und-Drang-Phase. Die Naturlaut-Einleitung im ersten Satz geriet extrem plastisch. Das Naturerwachen wirkte keineswegs friedlich, sondern trug eine unterschwellige Unruhe in sich. Als der Sonnenaufgang am Satzende hereinbrach, geschah dies mit unbändiger Energie.

Hayato Sumino, Klavier Aurora Orchestra Nicholas Collon, Leitung (c) Ansgar Klostermann

Der zweite Satz folgte rau und stampfend. Die Holzbläser verliehen den Motiven eine scharfe Kontur, die Streicher eine tänzerische Leichtigkeit. Ganz wunderbar.

Im dritten Satz stellte sich eine unheimliche Trauerstimmung ein. Der berühmte Marsch über das nach Moll gewendete „Frère Jacques“ klang spröde und gebrochen. Die eingestreuten Kapellenklänge und Liedzitate wirkten wie verstörende Erinnerungsfetzen. Collon verhinderte jede Form von falscher Wehmut und ließ den grotesken Charakter der Musik vollkommen zur Entfaltung kommen.

Der Finalsatz geriet zu einem Parcoursritt. Das Ensemble spielte derart entfesselt auf, dass man den Eindruck gewann, es ginge um die Existenz des Orchesters selbst. Die Blechbläser agierten durchweg im Stehen und schleuderten ihre Töne warm und edel in den Raum, ohne das Gefüge zu erdrücken. Ein besonderes Lob gebührt dem Mann an den Pauken: Seine artikulatorische Schärfe, seine rhythmische Genauigkeit und seine immense Energie gaben vor allem diesem Satz ein Fundament, das den gesamten Raum vibrieren ließ. Die Eruption am Schluss wirkte derart überrumpelnd, dass es die Zuhörer nach dem letzten Ton augenblicklich von den Sitzen riss.

Der Saal feierte ein Orchester, das risikofreudig und mit makelloser Präzision agierte. Mahlers vielschichtige Partitur verzeiht gewöhnlich keine Nachlässigkeiten. An diesem Abend gelang den Musikern eine Interpretation von packender Direktheit.

Dirk Schauß, 7. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Mahler und Beethoven, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden, Jonathan Nott Kurhaus Wiesbaden, 20. Mai 2026

Bamberger Symphoniker, Jan Lisiecki, Jakub Hrůša Kurhaus Wiesbaden, 11. Juli 2025

Gustav Mahler, Dirk Kaftan, Beethoven Orchester Bonn Gustav Mahler Saal, Toblach, 18. Juli 2026

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