Deutsche Oper Berlin: L’Italiana in Algeri © Eike Walkenhorst
Rolando Villazón inszeniert sich in seinem Künstlerleben gern als Clown. Diese Einstellung versucht er auch immer wieder in seine Operninszenierungen einzubringen, meistens mit nicht sehr großem Erfolg. Auch so an der Deutschen Oper Berlin, wo er Rossinis Dramma giocoso “L’Italiana in Algeri” inmitten mexikanischer Wrestler gnadenlos abwürgt.
Gioachino Rossini (1792-1868)
L’ITALIANA IN ALGERI
Dramma giocoso in zwei Akten (Libretto von Angelo Anelli)
Musikalische Leitung: Alessandro De Marchi
Inszenierung: Rolando Villazón
Bühne: Harald Thor
Kostüme: Brigitte Reiffenstuel
Deutsche Oper Berlin, 11. März 2026
von Jean-Nico Schambourg
Im Begleitheft der Deutschen Oper Berlin steht zu lesen, dass die Oper von Gioachino Rossini “L’Italiana in Algeri” sexistisch und rassistisch sei. Dabei kämpft hier eine Frau erfolgreich gegen eine Welt, wo Frauen nur da sind um Männern zu dienen.
Rossini wollte dem Publikum Unterhaltung bieten, keine Gesellschaftskritik. Er verpasste dabei seinen Figuren nicht immer schmeichelhafte Charakterzüge, um Isabellas Unternehmungen einen Sinn zu geben. Hier ist es ein tölpelhafter Bey, der Frauen nur als Objekte benutzt. Ist das jetzt Rassismus und eine Verunglimpflung eines ganzen (osmanischen) Volkes? Dabei kann man sich objektiv die Frage stellen, ob das machohafte Verhältnis Mann-Frau nicht noch heute teilweise in dem einstigen Osmanenreich herrscht!
Rolando Villazón verlegt deshalb die Handlung nach Mexiko in ein Wrestlingzentrum (Lucha libre), in eine (fast) reine Männerwelt. Macho, Macho! Ist das jetzt nicht Rassismus gegenüber Mexiko? Isabella versucht ihren Geliebten Lindoro aus den Fängen von Mustafà, dem Besitzer des übermächtigen Wrestlingzentrums “El Seraglio”, zu befreien. Wegen eines verlorenen Kampfes muss Lindoro diesem als Putzmann und Sklave dienen.
Sie schmeichelt sich bei Mustafà ein. Dort wiegelt sie mithilfe von Lindoro und Taddeo, einem tölpelhaften (italienischen !!) Verehrer, alle gegen Mustafà auf und reißt am Schluss das Zentrum an sich.
Das größte Problem an Villazóns Inszenierung ist nicht die Verlegung der Handlung in eine andere Zeit und eine andere Umgebung. Nein! Es ist die Umsetzung dieser Idee. Viel Radau, viel ablenkungsreiches Herumgehüpfe durch die Lucha-libre-Kämpfer stören den musikalischen Ablauf und lenken das Publikum von der Musik ab.
Mit einigen guten Witzen kann man keine ganze Operninszenierung machen. Die meisten “Erfindungen” von Villazón sind purer Klamauk. Die schlechten Witze sieht man von weither kommen und Villazón lässt keinen aus. Im Gegenteil, meistens werden sie sogar einige Male wiederholt, damit auch der humorloseste Zuschauer es mitbekommt.
Zum Teil vergreift sich Villazón für die Umsetzung seiner Inszenierung am Text und sogar am Kontext einiger Passagen. So schmeichelt Isabella in ihrer Arie mit Chor (“Pensa alla patria”) nicht wie von Rossini vorgesehen Lindoro, sondern hier Zulma, da Lindoro vorher von der Bühne musste, um sich als Wrestler zu verkleiden..
Es soll allerdings auch nicht verheimlicht werden, dass die Regie einige gute Szenen beinhaltet. Höhepunkt aus meiner Sicht ist hier das Terzett Mustafà/Lindoro/Taddeo im zweiten Akt, wo die drei Protagonisten gesanglich und tänzerisch das Publikum mitreißen.
Die drehbare Bühne zeigt die Trainingshalle der Wrestler mit einem riesigen Kampfring in der Mitte. Bei Drehung der Bühne befindet man sich in der Kantine, in der Lindoro als Putzmann und Servierer arbeitet, oder in Mustafàs Büro. Das Bühnenbild ist gestaltet von Harald Thor. Die zur Umgebung passenden Kostüme sind von Brigitte Reiffenstuel entworfen.
Sehr schnell bleibt mir als Zuhörer nur eine Möglichkeit: das visuelle so gut wie möglich ausschalten und mich auf die Musik konzentrieren.
Das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Alessandro De Marchi beginnt die Aufführung mit einer attraktiven Ouvertüre. Leicht und federnd, mit präzisen Soloeinlagen, schwingt sich das Orchester durch die Partitur. Leider schleichen sich im Laufe des Abends einige Unsicherheiten ein.
In manchen Szenen, wie zum Beispiel dem Finale des ersten Aktes, hat der Dirigent viel zu kämpfen um die Virtuosität von Rossinis Musik bei all dem lärmenden und unsinnigen Aktivismus auf der Bühne umzusetzen und alle musikalischen Parts zusammenzuhalten. Es gelingt nicht immer!
Die sängerischen Leistungen der Solisten sind unter den gegebenen szenischen Umständen hoch einzuschätzen.

Nadezhda Karyazina singt die Isabella mit viel Elan und Genauigkeit in den Koloraturen. Sie klingt über ihren ganzen Stimmumfang hinweg, von den extremen Tiefen bis zu den brillanten Höhen, sehr ausgeglichen. Mit ihrem stimmlichen Charme kann sie so die Figur einer Frau, die sich in einer rauen Machowelt durchsetzt, sehr gut umsetzen, ohne dabei jemals ins Ordinäre abzurutschen. Manchmal wirkt sie allerdings ein wenig verloren, von der Regie alleine gelassen. Das drückt sich dann auch in einer gewissen vokalen Langeweile aus.
Jonah Hoskins besitzt ebenfalls die Qualität einer ausgeglichenen Stimmführung. Mit sicheren Höhen und großer Virtuosität singt er die Rolle des Lindoro, Isabellas Geliebtem, ruhig und ohne viel Pathos. Vielleicht fehlt es seiner Stimme in den Momenten des Schmachtens ein wenig an vokalem Schmelz, aber der junge Tenor zieht sich wunderbar aus der Affäre.

Szenisch und vokal auf höchstem Niveau ist Misha Kiria. Man erkennt sofort, dass hier ein eingefleischter Komiker auf der Bühne steht, der schon als Falstaff, Gianni Schicchi, Bartolo viel Erfahrung gesammelt hat. Mit viel vokalem Spielwitz singt er den teils schmierigen und feigen Möchtegerngeliebten Isabellas. Trotz seiner imposanten Figur tanzt er behände über die Bühne, um sich mit jedem Ton, jedem Blick und jeder Geste einzuschmeicheln. Besonders hervorzuheben auch seine Parlando-Fähigkeiten.
Artus Garbas versucht, als Mustafàs Gehilfe Haly seine Kastanien aus dem Feuer zu retten, wirkt dabei durch die Regieanweisungen auch stimmlich oft zu hektisch. Mustafàs Frau Elvira wird von Hye-Young Moon mit hellem und relativ kleinem Sopran gesungen, was aber zur Figur der sich unterwerfenden Ehefrau passt. Mehr Mut und Eigenwille zeigt Arianna Manganello in der Rolle der Zulma.
Der Herrenchor der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Jeremy Bines fügt sich kompetent in das gute gesangliche Niveau ein.
Hervorzuheben auch die sportlichen Leistungen der beiden originalen Lucha-libre-Kämpfer El Commandante Rambo und Pascal Spalter.
Zum Schluss gibt es vom Publikum herzlichen Applaus. Sicherlich gilt dieser der musikalischen Darbietung. Ob auch Villazóns Regiekonzept da einzuschließen ist, kann und will ich nicht beurteilen. In der Pause konnte ich jedenfalls einige sehr kritische Kommentare von Zuschauern dazu hören.
Zum Anfang des 2. Teils skandiert der Chor bei einer Wrestlingszene mehrmals “Auf die Fresse, auf die Fresse!” Rossini haben die Schläge bei dieser Inszenierung auf jeden Fall nicht verfehlt!
Jean-Nico Schambourg, 12. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at