Benjamin Bernheim singt einen grandiosen Hoffmann in Berlin

Jacques Offenbach (1819-1880), Les Contes d’Hoffmann, Benjamin Bernheim   Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 12. März 2026

Vlnr.: R. Koncz, S. Hankey, B. Bernheim, A. Esposito, S. Stagg, Foto Jean-Nico Schambourg

Die Staatsoper Berlin spielt eine zweite Serie von Offenbachs Oper “Les Contes d’Hoffmann” in einer Inszenierung von Lydia Steier, die im November letzten Jahres Premiere hatte. Hauptattraktion dieser Wiederaufnahme ist Benjamin Bernheim, der seinem Ruf als einer der Besten, wenn nicht sogar DER BESTE französische Tenor dieser Tage vollauf gerecht wird.

Jacques Offenbach (1819-1880)
LES CONTES D’HOFFMANN
Opéra fantastique in fünf Akten (Text von Jules Barbier)

Musikalische Leitung: Pierre Dumoussaud           

Inszenierung: Lydia Steier            
Bühne: Momme Hinrichs 
Kostüme: Ursula Kudrna     

 Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 12. März 2026

von Jean-Nico Schambourg

In der Inszenierung von Lydia Steier kann man das Werk als “Hoffmanns Erinnerungen” bezeichnen. Gleich zu Beginn der Oper stirbt Hoffmann an seinem übertriebenen Alkoholkonsum. Der Teufel und die Muse (hier ein Engel), in der Personifizierung seines Freundes Niklausse, kämpfen um seine Seele. Im Fegefeuer angekommen, erzählt Hoffmann den dort anwesenden anderen Künstlern (man erkennt aus neuer Zeit Elvis Presley, Freddie Mercury …) seine Liebesgeschichten, die immer wieder vom Teufel durchkreuzt wurden.

Die Regisseurin verlegt die Handlung der drei Liebesabenteuer nach New York: Der Olympia-Akt spielt in einer Einkaufsmall zur Weihnachtszeit, der Antonia-Akt in der Geigenfabrik ihres Vaters, der Giulietta-Akt in einem schmuddeligen, außer Giulietta nur von Homosexuellen bevölkertem Hotel. In ihrer Deutung scheut Steier nicht davor zurück, den erotischen Gedankenspielen verschiedener ihrer männlichen Berufskollegen noch eins drauf zusetzen. Ihre Erzählung verfolgt allerdings von Anfang bis zum Schluss eine logische Linie und wirkt somit total logisch, was nicht einige überraschende Wendungen ausschließt.

Die musikalische Version wird der szenischen Aufführung total angepasst. Hierbei kann man allerdings über die Zusammensetzung streiten, da diese sich der verschiedenen existierenden Versionen bedient. So hört man im Giulietta-Akt die berühmte Arie des Dapertutto “Scintille diamant”, die sich ebenso wenig in der Originalpartitur von Offenbach findet wie auch das beeindruckende Sextett mit Chor “Hélas, mon coeur s’égare”. Die gesprochenen Texte sind bei einer solch internationalen Besetzung wie an der Staatsoper wegen Diktionsdefiziten nicht  unbedingt vorteilhaft.

Benjamin Bernheim © Christoph Köstlin

Szenisch, sprachlich und vor allem gesanglich über alle Zweifel erhaben ist Benjamin Bernheim in der Titelrolle. Schon sein Lied vom Kleinzack entreißt am Beginn der Oper dem Publikum begeisternden Applaus. Den ganzen Abend hindurch kann man sich an seiner vokalen Kunst ergötzen. Seine bestens fokussierte Stimme spricht in jeder Lage voll an und erlaubt ihm tolle unangestrengte Spitzentöne. Szenisch überzeugt er als verkommener Alkoholiker ebenso wie als unglücklich Verliebter.

Die französische Diktion von Alex Esposito ist nicht vom selben perfekten Kaliber wie bei Bernheim. Sein kleiner italienischer Akzent gibt seiner Darstellung einen Touch von Mafiosi. Man kann sich keinen teuflischeren Gegenspieler vorstellen als ihn. In jeder Note hört man sein teuflisches Grinsen, sein sexuelles Begehren, seine dämonische Bosheit. Er ist die perfekte Personifizierung des Bösen. Die eingefügte Arie “Scintille diamant” gibt ihm außerdem die Möglichkeit, die Qualität seiner Bassbaritonstimme zur Schau zu stellen.

Gegen so einen starken und rücksichtslosen Gegenspieler steht die Muse, die hier als Engel erscheint, lange Zeit auf verlorenem Posten. Samantha Hankey singt den Doppelpart Muse/Niklausse mit sicherem Mezzosopran. Sie wirkt dabei manchmal allerdings auch stimmlich ein bisschen zu brav. Mit ihren sehr emotional vorgetragenen Sätzen “Des cendres de ton coeur” leitet sie den großen Schlusschor ein “On est grand par l’amour”, der bei mir immer für den letzten Gänsehautmoment des Abends sorgt.

Die Geliebten Hoffmanns werden von drei verschiedenen Interpretinnen vorgetragen. Die Olympia von Regina Koncz besticht durch perfekte Koloraturläufe und schier unbegrenzten  Spitzentönen. Die Antonia von Siobhan Stagg zeigt einen angenehmen lyrischen Sopran. Sandra Laagus, Mitglied des internationalen Opernstudios der Staatsoper, spielt die Kurtisane Giulietta als rothaarige Sexbombe.

Auch alle anderen Interpreten erledigen ihre Aufgaben mit viel Qualität, wobei besonders  Andrés Moreno García erwähnt sein soll mit seinen Interpretationen von Cochenille, Pitichinaccio, Andrès und vor allem Frantz.

Der Staatsopernchor unter der Leitung von Dani Juris überzeugt ebenfalls. Pierre Dumoussaud im Orchestergraben führt die Staatskapelle mit teilweise forschen Tempi, zum Beispiel bei der Spiegelarie, sicher durch den Abend. Ansonsten setzt er allerdings nicht allzu dramatische Akzente, weiß aber der Musik Offenbachs in jeden Momenten gerecht zu werden.

Viel Applaus am Schluss für alle Beteiligten, wobei Benjamin Bernheim, zu Recht, den stärksten Zuspruch einheimste für seine grandiose Leistung.

Jean-Nico Schambourg, 14. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Gustav Mahler, Symphonie Nr. 2 c-Moll, Sir Simon Rattle, Dirigent Staatsoper Unter den Linden Berlin, 9. März 2026

Janáček, Das schlaue Füchslein, Staatskapelle Berlin, Sir Simon Rattle Staatsoper Unter den Linden, 28. Februar 2026,  Premiere

Jacques Offenbach (1819-1880), Les contes d’Hoffmann, Opéra-Comique – Salle Favart, Paris, 25. September 2025

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