Foto: Andris Nelsons (c) Borggreve
Insgesamt war das Konzert eine Meisterleistung von Maestro Nelsons. Hier hörte man lyrische Passagen in vollendeter Schönheit, peinlichst genau austarierte Phrasierungen und dann wieder dramatische Ausbrüche. Man kann sich mit ihm mitfreuen, einen solchen Zyklus mit diesem großartigen Orchester vollendet haben zu können.
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 8 in Es-Dur „Symphonie der Tausend“
Jacquelyn Wagner, Sarah Wegener, Ying Fang, Beth Taylor, Tamara Mumford
Benjamin Bruns, Michael Nagy, Tareq Nazmi
Wiener Singerverein
Wiener Singakademie
Wiener Sängerknaben
Wiener Philharmoniker
Andris Nelsons, musikalische Leitung
Wiener Konzerthaus, 9. Mai 2026
von Herbert Hiess
Ein seltenes Ereignis – selbst in einer Musikstadt wie Wien. Die Wiener Philharmoniker und Andris Nelsons setzten mit diesem großartigen Konzert einen Schlusspunkt in diesem Mahlerzyklus. Der Maestro begeisterte mit einer enormen Musikalität; die Chöre und die Philharmoniker folgten jedem Fingerzeig von ihm. Leider trübten akustischen Unpässlichkeiten diese Sternstunde.
„Ich habe eben meine Achte vollendet. Es ist das größte, was ich bis jetzt gemacht habe, und so eigenartig in Inhalt und Form, dass sich darüber gar nicht schreiben lässt. Denken Sie sich, dass das Universum zu tönen und zu klingen beginnt. Es sind nicht mehr menschliche Stimmen, sondern Planeten und Sonnen, welche Kreisen – Näheres mündlich“.
Schöner als Gustav Mahler in einen Brief an Wilhelm Mengelberg im Jahre 1906 kann man das gar nicht formulieren. Der Komponist schenkt bei diesem manchmal opernhaften Werk den Solisten absolut nichts; man hat fast den Eindruck, er freute sich daran, die Sängerinnen und Sänger an ihre Grenzen zu bringen.
Das zweisätzige Opus besingt im ersten Teil den Heiligen Geist und ist de facto ein „Pfingsthymnus“. Hier sind die Chöre und die Solisten permanent zu hören. Fast ruhelos (mit nur wenigen Pianostellen) erklingen diese
ca. 15 Minuten mit dem kompletten Ensemble am Podium. An diesem Tag waren es laut Angaben 371 Personen.
Der zweite Teil ist quasi die Vertonung von der Schlussszene von Faust 2; hier sind die Solisten wechselhaft im Einsatz. Im Gesamteindruck mit dem kompletten Ensemble ein echtes Wechselbad der Gefühle. Hochvirtuose Gesangspassagen werden von kurzen Orchesterparts abgelöst, um dann wieder in eine massive Klangattacke zu verfallen.
Die Solisten in diesem Konzert waren tatsächlich die Crème de la crème der Vokalisten; allen voran Jacquelyn Wagner und Sarah Wegener als Sopran und Benjamin Bruns als Tenor. Für die drei war Mahlers Komposition ein echter „Beuschelreißer“, wie man so schön auf wienerisch sagt (Anm.: Als Beuschel bezeichnet man die Lungen).
Die Damen und Benjamin Bruns bewältigten das offenbar mühelos; denkwürdig das „Jungfrau, rein im schönsten Sinne…“. Hier zeigte der Tenor, dass ihm keine Höhe zu schwer ist. Selbst die „gemeinsten“ Höhen sang er ohne (hörbarer!) Kopfstimme. Schon allein er war in diesem Konzert ein Ereignis. Michael Nagy und Tareq Nazmi waren als Bariton und Bass mit wunderschönen Stimmen unterwegs; leider gingen sie zeitweise bei diesen Klangmassen unter.
Bei den Damen waren wie gesagt Frau Wagner und Frau Wegener die Hauptträgerinnen der Vokalparts in diesem Konzert; exzellent auch die Altistinnen Tamara Mumford und Beth Taylor. Letztere bestach mit ihrer voluminösen Stimme, wenn auch die extreme Tiefe bei ihr dann doch fehlte. Gerechterweise gesagt hörte man diese auch nur von den allerwenigsten Sängerinnen so wie etwa bei Jessye Norman.
Das Atout dieses Konzertes war aber Maestro Andris Nelsons, der nicht nur musikalisch auf das Feinste gestaltete, sondern oft als Organisator dieser drei großartigen Chöre, der Solisten und des riesigen Luxus-Orchesters fungieren musste, was ihm bestens gelang.

Wunderbar von den Philharmonikern gespielt und von Nelsons gestaltet vor allem die lyrischen Passagen; da verspürte man nicht nur einmal einen Gänsehaut-Schauer. Auch die Fortissimo-Passagen gelangen bestens; leider störte hier manchmal eine akustische Tücke. Obwohl die Pauken (so wie es sich gehört) doppelt besetzt waren, hörte man die geforderten markanten Schläge bei den Schlüssen von beiden Teilen kaum.
Die Es-B Schläge sollten akustisch ins Geschehen eingreifen und im Gedächtnis bleiben; hier waren sie leider fast nicht hörbar.
Das hätte man bei der Akustik ruhig bedenken können; hoffentlich wird das später bei den Aufnahmen noch korrigiert.
Insgesamt war das Konzert eine Meisterleistung von Maestro Nelsons. Hier hörte man lyrische Passagen in vollendeter Schönheit, peinlichst genau austarierte Phrasierungen und dann wieder dramatische Ausbrüche. Man kann sich mit ihm mitfreuen, einen solchen Zyklus mit diesem großartigen Orchester vollendet haben zu können.
Das Konzert wird am 11. Mai 2026 in STAGE+ übertragen.
Herbert Hiess, 9. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Gustav Mahler, Symphonie Nr. 3 d-Moll, Andris Nelsons, Dirigent Musikverein Wien, 2. Mai 2026
Felix Mendelssohn, Oratorios & Symphonies, Andris Nelsons klassik-begeistert.de, 23. April 2026
Wiener Philharmoniker, Andris Nelsons, Strauss und Sibelius Alte Oper Frankfurt, 24. Februar 2026