Avdeeva singt, Schostakowitsch schlägt zu

Gewandhausorchester Leipzig Andris Nelsons   Alte Oper Frankfurt, 17. Mai 2026

Fotos: © Alte Oper Frankfurt/Tibor-Florestan Pluto

Sergej Rachmaninow
Klavierkonzert Nr. 2 c-moll op. 18

Dmitri Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 10 e-moll op. 93

Yulianna Avdeeva, Klavier

Gewandhausorchester Leipzig
Andris Nelsons, musikalische Leitung

Alte Oper Frankfurt, 17. Mai 2026

von Dirk Schauß

Es gibt Konzertabende, die man vergisst, sobald man den Mantel anzieht. Und es gibt solche, die einem noch auf dem Heimweg durch den Kopf hallen, als hätte das Orchester eine Spur in den Schädel gebrannt. Der
17. Mai in der Alten Oper Frankfurt gehörte unzweifelhaft zur zweiten Sorte.

Das Gewandhausorchester Leipzig brachte zum Auftakt Sergej Rachmaninows zweites Klavierkonzert mit — und mit ihm eine Pianistin, die dem Abend von der ersten Note an ihren Stempel aufdrückte. Yulianna Avdeeva ließ den c-Moll-Akkord des Beginns aus der Stille wachsen, fast als wäre er immer schon dagewesen: leise, dann zunehmend intensiv, die Schwere dieser dumpfen Glockenschläge physisch spürbar im Saal. Wer die Herkunft dieser Gesten kennt — den orthodoxen Kirchengesang, den Glockenklang der russischen Provinz, den Rachmaninow als Kind in der Geborgenheit des Großmutterhauses tief in sich aufsog —, der versteht, dass hier keine bloße Eröffnungsgeste erklingt. Es ist ein Bekenntnis.

Was Avdeeva in den folgenden fünfunddreißig Minuten auf dem Steinway entfaltete, war kein Pianistentum des Zeigens und Imponierens. Sie phrasierte wie eine Sängerin — völlig unprätentiös, butterweich im Anschlag, dabei fest und klar in der Artikulation. Ihre Übergänge hatten das Gewicht des Selbstverständlichen: keine Naht, kein Moment, der nach Kalkulation roch. Das Adagio sostenuto geriet zu einer Stunde der vollkommenen Versenkung — Flöte und Klarinette veredelten jeden Takt, bevor Avdeevas Hände die lyrische Last endgültig übernahmen und mit ihr das gesamte Publikum in jene Stille zogen, die nur die größte Musik erzeugen kann.

© Alte Oper Frankfurt/Tibor-Florestan Pluto

Andris Nelsons erwies sich dabei als idealer Gesprächspartner: hellwach, engagiert, ohne je das Orchester in den Vordergrund zu drängen. Im Finale ließ er das Gewandhausorchester dann aufrauschen — schwelgerisch, episch, mit jener üppigen Klanggebärde, die Rachmaninow zu einem der meistgespielten Komponisten der Welt gemacht hat. Avdeeva blieb auch hier ganz bei sich, immer im Dialog mit dem Orchester, dabei nie versinkend in ihm. Das Publikum dankte begeistert; die innige Zugabe, die sie zum Abschluss schenkte, wirkte wie ein langer Atemzug nach großer Erschöpfung — das schönste Geschenk.

Dann kam Dmitri Schostakowitsch. Und mit ihm jenes Gefühl, das man mit keinem anderen Komponisten ganz so beschreiben kann: als würde der Boden unter einem ein wenig nachgeben. Die Sinfonie Nr. 10 e-Moll — im Sommer 1953 skizziert, wenige Wochen nach Stalins Tod — ist Schostakowitschs zähneknirschendes Selbstzeugnis aus einer Ära des Terrors. Nelsons nahm das ernst.

© Alte Oper Frankfurt/Tibor-Florestan Pluto

Der erste Satz, ein beinahe 25-minütiges Moderato, brütete und schwelte: rau, gezügelt, auf Schmerzgrenze genau dosiert. Das Gewandhausorchester klang in diesen Minuten nicht wie ein Ensemble, das eine Partitur abarbeitet, sondern wie ein einziger dunkler Gedanke, der sich durch das Bewusstsein fräst. Die tiefen Streicher bohrten; die Klarinette trug das Hauptthema mit einer nationalen Schwere, die sich bis in die Magengrube übertrug. Das Publikum reagierte hörbar betroffen — ein störendes, fortlaufend sabotierendes Husten machte die Beklemmung im Saal greifbar.

Der zweite Satz — das vermeintliche Stalin-Porträt, wenn man Schostakowitschs eigenen, viel diskutierten Worten Glauben schenkt — kam wie eine Panzerkolonne. Die wuchtigen Schläge zu Beginn, die drastische kleine Trommel, die eine Stimmung äußerster Gefahr heraufbeschwor, das vierfache Forte am Ende: Fortissimo-Entladungen, die nichts romantisierten und nichts verschleierten. Derbe Schläge in die Magengrube. Wie sie klingen müssen — genau so.

© Alte Oper Frankfurt/Tibor-Florestan Pluto

Im dritten Satz zauberte Nelsons surreale Walzerseligkeit aus dem Orchester: elegische Hornrufe, plötzliche Jahrmarktsmusik, ein kurzes Aufflackern von Licht und absurder Lebenslust. Das Finale schließlich führte über ein klagendes Holzbläser-Lamento und schwere Blechchoräle zurück in die Düsternis — bis das quirlige DSCH-Motiv, Schostakowitschs in Töne gegossene Initialen, sich unaufhaltsam durchsetzte und vom Orchester triumphal nach außen getragen wurde. Triumph eines genialen Sinfonikers über seinen toten Peiniger.

© Alte Oper Frankfurt/Tibor-Florestan Pluto

In den letzten Gastspielen in Frankfurt hatte Andris Nelsons zuweilen etwas allzu Routiniertes, wenig Charakteristisches. Nicht so an diesem Abend, der entscheidend von ihm geprägt wurde. Die Musik pulsierte und lebte; er ließ sein hingebungsvolles Orchester ausspielen, ohne es einzuengen. Das Gewandhausorchester seinerseits bewies einmal mehr, dass es über einen ganz eigenen Klang verfügt — warm und satt, zupackend und risikofreudig. So authentisch und offensiv ist russische Musik von kaum einem anderen deutschen Klangkörper zu erleben.

Ein Abend, der zeigte, wozu Konzerte im besten Fall in der Lage sind: nicht Musik zu spielen, sondern Geschichte zu verkörpern — und dabei den Menschen im Saal für ein paar Stunden etwas Wesentliches zu zeigen über Angst, Schönheit und Widerstand.

Dirk Schauß, 18. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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