Edvin Revazov und Isabelle Rohlfs während des Interviews auf dem Oberhafengelände, dem zukünftigen Standort des Hamburger Kammerballetts (Foto: RW)
Interview mit Edvin Revazov, dem künstlerischen Leiter
und der Geschäftsführerin Isabelle Rohlfs vom Hamburger Kammerballett, 19. Mai 2026, Teil I
Unsere Vison ist es, das Ensemble auf 10 bis 12 Tänzerinnen und Tänzer zu erweitern. Das stellt uns natürlich vor große finanzielle Herausforderungen. Denn wichtig ist, dass wir neuen Tänzern auch die materielle Sicherheit bieten können, wie sie bei den jetzigen Ensemblemitgliedern besteht.
Edvin Revazov wurde 1983 in der Ukraine, in Sewastopol geboren. Er wurde in Moskau und später in der Ballettschule des Hamburg Balletts zum Tänzer ausgebildet. 2003 wurde er in das Ensemble aufgenommen, seit 2007 tanzte er als Solist und seit 2010 als Erster Solist. Seit 2011 ist er auch als Choreograph tätig. 2022 gründete er zusammen mit Isabelle Rohlfs das Hamburger Kammerballett und ist seitdem dessen künstlerischer Leiter.
Isabelle Rohlfs wurde 1992 in Bad Segeberg geboren. Sie ließ sich zur Bühnentänzerin ausbilden und studierte Kultur- und Medienmanagement bis zum Abschluss Bachelor of Arts. Sie ist beim Norddeutschen Rundfunk als freie Mitarbeiterin beschäftigt. Außerdem betreut sie freie Projekte der Hamburger Kulturszene. 2022 gründete sie zusammen mit Edvin Revazov das Hamburger Kammerballett und ist dort als Geschäftsführerin tätig.
von Dr. Ralf Wegner
klassik-begeistert: Herr Revazov, Wie kam es zur Gründung des Hamburger Kammerballetts?
Edvin Revazov: Die Gründung war für mich eine künstlerische Antwort auf den russischen Angriff auf die Ukraine. Mir lag daran, etwa Aktives auf die Beine zu stellen und nicht nur darüber zu reden. Als Künstler weiß ich, dass die beste Art der Hilfe für andere Künstler ist, ihnen die Möglichkeit zu geben, künstlerisch zu arbeiten. Ich hatte in der Ukraine einen in der Ballettorganisation beschäftigten Freund und fragte ihn, ob ich etwas für ihn und die dortigen Tänzerinnen und Tänzer tun könne.
Ich habe mich deswegen an John Neumeier vom Hamburg Ballett und Amelie Deuflhard von Kampnagel gewandt und gefragt, ob sie die Möglichkeit für ein gemeinsames Konzept mit den ukrainischen Tänzerinnen und Tänzern sähen. Beide reagierten sofort positiv und wir stellten das Projekt For the air that we breatheauf die Beine. Später hat sich daraus die Idee entwickelt, eine feste Company – das Hamburger Kammerballett zu gründen.
klassik-begeistert: Frau Rohlfs, Wie lernten sie beide sich kennen und welche Aufgaben nehmen Sie konkret beim Hamburger Kammerballett wahr?
Isabelle Rohlfs: Edvin und ich lernten uns über Yohan Stegli, dem organisatorischen Leiter des Bundesjugendballetts, kennen. Wir entwickelten anschließend das Projekt Hamburger Kammerballett gemeinsam. Mir obliegen alle Dinge, die mit organisatorischer und finanzieller Planung, Betreuung der Tänzerinnen und Tänzer und der Kommunikation mit den Medien, also auch der Pressearbeit, zusammenhängen. Im Moment bin ich mit dem Hamburger Kammerballett nahezu vollzeitbeschäftigt. Es ist uns ein Herzensprojekt.
klassik-begeistert: Wie steht es um die Finanzierung der Tänzerinnen und Tänzer?
Isabelle Rohlfs: Die Tänzerinnen und Tänzer bekommen von uns eine monatliche Gage. Teil des Vertrages ist es auch, dass wir Ihnen unentgeltlich Unterkünfte zur Verfügung stellen. Das Hamburger Kammerballett verfügt über vier Wohnungen auf St. Pauli. Die Kosten für die Wohnungen werden von der Familie Brinkmann übernommen, die uns finanziell bei der ganzen Entwicklung des Hamburger Kammerballetts von Beginn an begleitet. Insgesamt ist der Lebensunterhalt der Tänzerinnen und Tänzer ausreichend abgesichert.
klassik-begeistert: Herr Revazov, Sie sind ja auch schon seit 2011 choreographisch tätig. Welchen Stellenwert nimmt das Choreographieren bei Ihnen, der ja noch als Erster Solist beim Hamburg Ballett tanzt, ein?
Edvin Revazov: Ich kann mich beim Choreographieren kreativ verwirklichen. Aber auch das Tanzen ist für mich kreativ. Zukünftig werde ich wohl mehr choreographieren und weniger selbst tanzen. Für mich bedeutet das keinen Bruch in meiner Arbeit. Und wie es weitergeht, lässt sich auch nicht vorhersagen. Künstlerische Tätigkeit ist immer mit einem Risiko verbunden, für uns Tänzer zum Beispiel wegen der Verletzungsgefahr. Als Künstler leben wir mehr im Hier und im Jetzt.
klassik-begeistert: Am 04. Juni 2025 durften wir im Ernst-Deutsch-Theater Ihre Lulu-Choreographie bewundern. Welche Bedeutung hatte diese Aufführung für Sie?
Edvin Revazov: Für mich hat jedes Ballett eine Bedeutung, nicht nur Lulu von Frank Wedekind. Entscheidend für mich war der kreative Prozess, eine für das Hamburger Kammerballett geeignete Handlung zu entwickeln. Mir ging es auch darum, die Person der Lulu, ihren Charakter, etwas poetischer, als es sonst im Theater der Fall ist, auf die Bühne zu bringen. Mich hatte die amerikanische Schauspielerin Louise Brooks als Lulu in dem Stummfilm Die Büchse der Pandora (1929) von Georg Wilhelm Pabst sehr imponiert. Auch ihr Lebensweg erinnerte mich sehr an die Bühnenfigur von Frank Wedekind.

klassik-begeistert: Sie arbeiten neben den sechs festen Mitgliedern des Hamburger Kammerballetts auch mit freien Mitarbeitern zusammen. U.a. mit dem ehemaligen Neumeiertänzer Nicolas Gläsmann, der in Lulu tänzerisch furios und mit bestechendem Ausdrucksvermögen der Rolle des Dr. Schön Profil verlieh. Inwieweit sind Sie auf solche freien Mitarbeiter angewiesen?
Edvin Revazov: Ich brauche für meine Choreographien beim Hamburger Kammerballett oft mehr als 6 Tänzer. 10 oder 12 wären gut. Durch meine vielen Kontakte mit Tänzerinnen und Tänzern in der ganzen Welt gelingt es mir immer wieder, die notwendigen freien Mitarbeiter für die geplanten Projekte zu gewinnen, wie zum Beispiel Nicolas Gläsmann oder Ricardo Urbina, die beide in der freien Szene gut vernetzt sind. Auch mit Tänzerinnen und Tänzer des Hamburg Ballett konnte ich für meine Choreographien bereits zusammenarbeiten.
klassik-begeistert: Wir danken Ihnen sehr herzlich für das Gespräch!
Dr. Ralf Wegner, 1. Juni 2026, für
klassik-begeistert.at und klassik-begeistert.at
Den zweiten und letzten Teil unseres Interviews mit Edvin Revazov und Isabelle Rohlfs lesen Sie Mittwoch, 3. Juni 2026, hier auf klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at.