Madama Butterfly © Cordula Treml
Der Schock sitzt und das Publikum ist bis zum Schlussapplaus gebührend irritiert: statt der gewohnten Japan-Exotik mit dem kleinen Haus und seinen Papier-Schiebetüren und den trippelnden, ewig lächelnden puppengleichen Japanerinnen in ihren seidenen Kimonos ist da ein rosarotes Barbie-Puppenhaus in amerikanischer Mega-Kitsch-Ausführung und die Japanerinnen, inklusive Cio-Cio-San tragen schlecht sitzende blonde (grau für Butterflys Mama) Perücken. Was soll’s? Ein dümmlicher Fehlgriff des notorischen Regietheaters oder ein intelligentes Konzept? Musikalisch, vor allem sängerisch jedenfalls hervorragend.
Giacomo Puccini Madama Butterfly
Tiroler Symphonieorchester Innsbruck
Chor des Tiroler Landestheaters
Musikalische Leitung Matthew Toogood
Regie Jasmina Hadziahmetovi Bühne Susanne Gschwender Kostüme Katia Bottegal Video David Schuh Choreinstudierung Michel Roberge
Tiroler Landestheater, 29. Mai 2026
von Dr. Charles E. Ritterband
Das Regiekonzept bringt, wie dem aufmerksamen Betrachter erst allmählich aufgeht, die Projektion der ärmlichen Japaner(innen) auf die sagenhafte Traumwelt des vermeintlich perfekten, reichen Amerika auf die Bühne.
Butterfly sagt im 2. Akt zu Konsul Sharpless, dem sie amerikanische (!) Zigaretten anbietet: „Das ist ein amerikanisches Haus“ . Und selbst in den gewohnten, konventionellen Inszenierungen hat Butterfly inzwischen die schlichte japanische Ausstattung durch westliche Möbel ersetzt. Und im ersten Akt berichtet sie noch vor der Hochzeit ihrem Ehemann, sie sei jetzt zum Christentum konvertiert – was ihr Ächtung und Isolation seitens ihrer Familie einträgt.

Stattdessen von Anfang an eine betont kitschige, ironisierende Parodie des „American Dream“. Was verkörpert diesen besser als die seelenlose, pinke Plastikwelt der Barbie? Im zweiten Akt nähert sich Pinkerton als Video-Projektion dem Haus und schaut als überdimensionierter Kopf zum Fenster herein – so wie man in ein Puppenhaus hereinguckt. Für Pinkerton ist Butterfly eben keine Frau, keine ernst zu nehmende Partnerin, sondern ein exotisch-erotisches Püppchen …
Allmählich geht dem Betrachter auf: ein vielleicht über-intellektualisiertes, aber letztlich sehr konsequentes, stimmiges und vor allem höchst originelles Regiekonzept! Die anfängliche Verwirrung und vehemente Ablehnung des Rezensenten hat sich inzwischen in Zustimmung verwandelt.

Der Dirigent Matthew Toogood lässt aus dem Orchestergraben Puccinis erotisierende Klangwelt virtuos, temperamentvoll und dann wieder überaus subtil ertönen. Großartig Cio-Cio-San mit ihrer warmen, kraftvollen und von tiefen Emotionen getragenen Stimme. Pinkerton ist ihr als Tenor mit perfekt kontrollierter Stimme zwischen maskulin-prahlerischem Auftrumpfen und erotischem Begehren – ohne übertriebenem tenoralem Schmelz aber voll Stärke und emotionaler Wärme – ein kongenialer Partner.

Begeisterter Applaus für Stimmen und Orchester. Und die Inszenierung ist zwar denkbar gewöhnungsbedürftig und unbequem aber durchaus inspirierend – sie hebt sich von der üblichen konventionellen Aufführungspraxis erfrischend ab.
Dr. Charles E. Ritterband, 29. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Besetzung:
Cio-Cio-San: Cristiana Oliveira
Suzuki: Bernarda Klinar
Kate Pinkerton: Federica Cassati
B.F. Pinkerton: Adam Sánchez
Sharpless: Jacob Phillips
Goro: Jakob Nistler
Il principe Yamadori: Michael Gann Bonzo: Johannes Maria Wimmer
Das Kind: Greta Maria Lindmayr
Giacomo Puccini, Madama Butterfly Deutsche Oper Berlin, 10. Januar 2026
Klein beleuchtet kurz 68: Puccinis Madama Butterfly Oper Rostock, 19. Dezember 2025
Konzertant: Petrenko und “Madama Butterfly” Philharmonie Berlin, 25. April 2025