Ensemble © Frank Heublein
Ein unglaublich starkes Jetzt-Gefühl stellt sich in mir ein. Im Sehen und Hören verdichtet sich meine Wahrnehmung, mein Erspüren der Musik, mein Spüren meiner Selbst. Ich bin hin und weg.
Interdisziplinäre Signale 2 – Impression 4
Peter Ablinger Weiss/Weisslich 4 (1990–92) für Klavier und Ensemble
Cathy Milliken Espirar (2024) für Oboe solo
Frederic Rzewski 13 Studies for Instruments (1977) für Ensemble
Nina Šenk Reflections (2013) für Trompete und Klavier
Terry Riley in C (1964) für Ensemble
ensemble oktopus
Flöte Metka Crnugelj
Oboe Arturo Salvalaggio
Trompete Dimitrios Schwechheimer
Tuba Yuya Tanaka
Klavier Petar Popovic, Mirijam Stitz, Junhao Huang, Sixuan Ren, Constantin-Andrei Preda
Musikalische Leitung Armando Merino
Hochschule für Musik und Theater, Kleiner Konzertsaal, München, 02. Juni 2026
von Frank Heublein
An diesem Abend führt das ensemble oktopus, das Ensemble für zeitgenössische Musik der Hochschule für Musik und Theater, im kleinen Konzertsaal das Programm „Interdisziplinäre Signale 2 – Impression 4“ auf.
Peter Ablingers Weiss/Weisslich 4 experimentiert in dieser vierten Episode mit der Stille. Weiss/Weisslich also wie still/fast still. Gibt es eine vollständige Stille an diesem Abend? Die Musikerinnen und Musiker umrunden das Publikum. Jeder hat etwas anderes in der Hand, etwa eine Plastiktüte, ein Plastikflasche oder eine Gummibärentüte. Sie erzeugen mit den Objekten Geräusche. Kratzen. Rascheln. Dann: Stille. Die, wenn ich lang genug hineinhöre, sich als nicht mehr ganz still entpuppt. Ich höre etwas: Tonfetzen von draußen. Geräusche im Publikum. Meinen Atem. Einzelne Töne des Flügels. Geräusche. Stille. Zuerst. Dann nicht mehr.
Cathy Milliken hat Espirar 2024 für den ARD Musikwettbewerb für Oboe solo komponiert. Ich höre geschmeidige Tonalität, die falsch abbiegt. Zum Teil bloße Luft- und Tastentöne. Das Wohlklingende wird gebrochen ins Schräge. Zuerst empfinde ich das Gehörte zögernd und suchend und dann fangen die Töne an zu rennen.
Bei Frederic Rzewskis 13 Studies for Instruments ist das gesamte Ensemble diesen Abends am Start. Der Komponist nutzt die diatonische Tonleiter, die aus fünf Tönen besteht. Das Ensemble spielt zehn der dreizehn Studien. Musikalisches Erwachen, Wettbewerb der Instrumente, energetisches Minimal, Urwald, Geschnatter, Elegie, Überholspur, öffnendes Wachsen sind Assoziationen, die ich mir während des Hörens notiere.
Die Slowenin Nina Šenk interessiert sich in ihrer Komposition Reflections für Echo und Artikulation. Was an Klangform rauszuholen ist aus den Instrumenten Trompete und Piano. Bei letzterem gehört das Eingreifen direkt in die Saiten, das Nutzen eines Schlegels dazu. Die Trompete nutzt zwei Dämpfer. Ohne diese wird der reine Luftstrom Klang. Spannend, wie diese Klangwelten der beiden Instrumente zueinander finden, aufeinander reagieren und eingehen und ins Miteinander kommen.

Terry Rileys in C ist ein Meilenstein der Minimal Music. Ich fühle mich wie in einem Geysir badend. Von überall sprudelt es, blubbert mich an. Eine ansprechende sich wiederholende Wärme liegt in diesem Klang. Die Spielerinnen und Spieler brauchen Ausdauer in der mannigfaltigen Wiederholung der wiederkehrenden Klangfolgen.
Ein unglaublich starkes Jetzt-Gefühl stellt sich in mir ein. Im Sehen und Hören verdichtet sich meine Wahrnehmung, mein Erspüren der Musik, mein Spüren meiner Selbst. Ich bin hin und weg.
Frank Heublein, 4. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Veranstaltungshinweis: Erleben Sie das ensemble oktopus
am 24. November 2026 um 19 Uhr in der Reaktorhalle in München.
ensemble oktopus, Leitung: Konstantia Gourzi Reaktorhalle, München, 27. Januar 2026
Aleksandar Popović (Akkordeon), ensemble oktopus Reaktorhalle, München, 18. November 2025