"Vivaldi und Ich" macht große Lust, mehr von Vivaldi zu erfahren

„Vivaldi und ich“ (Originaltitel: „Primavera“)  Kino Union, Berlin-Friedrichshagen, 3. Juni 2026

Primavera, Michele Riondino © Kimberley Ross

Der Film läuft nicht in den großen Berliner Kinos. In einigen der Kleineren findet er eine Nische zwischen all den Blockbustern.

So trifft man sich am Mittwochnachmittag in einem Kiez-Kino nahe des Müggelsees um gemeinsam dem unbekannten Vivaldi nachzuspüren. Und bemerkt, wie wohltuend seine Musik auch jenseits der „Vier Jahreszeiten“ klingt.

VIVALDI UND ICH
(Originaltitel: Primavera)

Ein italienisch-französischer Kinofilm (2025)

von Damiano Michieletto (Regie) und Ludovica Rampoldi (Drehbuch),
angelehnt an den Roman „Stabat Mater“ von Tiziano Scarpa

Musik von Fabio Massimo Capogrosso,
unter Verwendung von Musikstücken Antonio Vivaldis

Kinostarts in Deutschland und Österreich am 21./ 22. Mai 2026

Kino Union, Berlin-Friedrichshagen, 3. Juni 2026

von Ralf Krüger

Wir lernen „Don Antonio“ Vivaldi als einen nicht unattraktiven Enddreißiger kennen. Gesundheitliche Probleme und ein stetiger Husten quälen ihn. Die kirchliche Leitung eines Venezianischen Waisenhauses für Mädchen und junge Frauen verpflichtet ihn als musikalischen Leiter ihres Orchesters. Die regelmäßigen Sonntagskonzerte in der hauseigenen Kapelle sind bis dato nicht so gut besucht, wie in anderen Einrichtungen. Man will von seiner Popularität profitieren, erlaubt ihm, neue Instrumente zu kaufen und die Musik seiner Zeit ein wenig aufzupeppen. Der Erfolg bleibt nicht aus.

Der Zuschauer erfährt später, dass Vivaldis Tätigkeit im Waisenhaus „Ospedale della Pietà“ historisch verbürgt ist und über viele Jahre andauerte.

Doch Vivaldi und ich ist kein Komponisten-Porträt.

Wir schreiben das Jahr 1716. Der Film erzählt die fiktive Geschichte der jungen Cecilia. Das Mädchen ist eine Waise. Gekennzeichnet mit einem Brandmal, erleben wir, wie sie im Archiv des Hauses nach Aufzeichnungen ihrer Herkunft sucht und heimlich Briefe an ihre unbekannte Mutter schreibt.

Trotz strenger Reglungen und Züchtigungen lernen Cecilia und die Mädchen durch den täglichen Musikunterricht, die Notenlehre und die sonntäglichen Aufführungen vor Publikum das kleine Glück des Lebens kennen. Die gut Betuchten der Lagunenstadt genießen sichtlich die Konzerte, aber die Musikerinnen sehen sie nicht. Die Mädchen müssen ihr Gesicht mit einer Maske verdecken, sie bleiben anonym.

Als Vivaldi das Orchester übernimmt, erkennt er schnell sein bisher ungenutztes Potential und führt es zu großen Triumphen. Er fördert das musikalische Talent Cecilias, erklärt sie zur 1. Geigerin, erläutert mit ihr kommende Projekte, erfährt aber auch von ihrem Schicksal – dem Vergangenen und dem Kommenden.

Das Waisenhaus lebt in erster Linie von der Heiratsvermittlung. Die Waisenmädchen werden an reiche Venezianer verheiratet, die wiederum das Haus mit üppigen Spenden am Leben erhalten. Cecilia soll einen Grafen heiraten, dessen Rückkehr aus dem Krieg bevorsteht. Es wird von ihr verlangt, sich von der Musik und von Vivaldis Ideen zu lösen.

Bis uns Cecilia im Schlussbild des Filmes mit einem strahlenden Lächeln nach Hause entlässt, hält die Dramaturgie noch einiges an Höhen und Tiefen für die Hauptdarstellerin bereit. Ihre Gondelfahrt aus den Kanälen Venedigs heraus – das wissen wir – führt sie in eine ungewisse Zukunft. Wir drücken ihr die Daumen.

Tecla Insolia spielt die junge, so zart wie mutig wirkende Violinistin, die vom Betrachter schon während der ersten Szenen einen Sympathie-Bonus erhält und die durch ihr Spiel den Film eben nicht zu einem Vivaldi-Film, sondern zu ihrem eigenen werden lässt.

Michele Riondino ist Antonio Vivaldi. Besessen von seiner Musik, etwas schusselig, als er einen Stapel Notenblätter fallen lässt, stellt er letztlich seine eigene Karriere vor das Wohl seines Schützlings. Aber wer würde ihm das übel nehmen, in diesen harten Zeiten damals.

Fabio Massimo Capogrosso hat einen wunderbaren Soundtrack zu diesem Film entwickelt. Welche Note dabei von Vivaldi mit eingeflossen ist, kann man als Laie schlecht einschätzen. Das eindrucksvolle Oratorium, von dem Bruchstücke die Dramatik des Finales umgarnen, hat es, wie man liest, in diesem Jahr 1716 und in diesem Waisenhaus wirklich gegeben.

Der Film macht daher große Lust, sich weiterführend mit dem Werk des venezianischen Komponisten zu beschäftigen.

Vivaldi und ich ist ein ernster, nachdenklicher, aber auch unterhaltsamer Film: Gut geschnitten, mit eindrucksvollen Bildern und üppigen Kostümen. Ein Film, den ich mir in einer lauen Sommernacht, draußen auf einer Leinwand im Grünen, gerne nochmal anschauen würde.

Ralf Krüger, 6. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Antonio Vivaldi, Le quattro stagioni, Berliner Barock Solisten klassik-begeistert.de, 12. Mai 2026

CD/Blu-ray Besprechung: Antonio Vivaldi, L’Olimpiade klassik-begeistert.de, 19. Februar 2026

CD-Besprechung: Vivaldi, Gloria e Imeneo klassik-begeistert.de, 28. November 2025

CD-Besprechung: Vivaldi – Sacro furore klassik-begeistert.de, 16. Mai 2025

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