Die Walküre, Camilla Nylund © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn
Kaum haben die Götter Walhall bezogen, beginnt ihr schönes neues Zuhause bereits zu bröckeln. Was im Rheingold als Streit um Gold, Macht und Verträge seinen Anfang nahm, wird in der Walküre zur Familienkrise von kosmischen Ausmaßen.
Richard Wagner, Die Walküre
Erster Tag des Bühnenfestspiels »Der Ring des Nibelungen«
Wiener Staatsoper, 7. Juni 2026
von Kathrin Schuhmann
Die Wiener Staatsoper setzte ihren aktuellen Ring des Nibelungen mit einem Abend fort, der die Qualitäten des Rheingold nicht nur bestätigte, sondern in vielerlei Hinsicht noch übertraf. Wo der Vorabend vor allem die Welt des Ringes errichtete, schenkt die Walküre seinen Figuren Herz, Blut und Emotionen. Das Ergebnis war ein Abend großen Musiktheaters, der das Publikum über mehr als vier Stunden hinweg in seinen Bann zog.
Schon die ersten Minuten machten deutlich, dass Wagner nun eine andere Ebene seines Epos betritt. Statt Göttern und Riesen stehen plötzlich Menschen im Mittelpunkt – oder zumindest Wesen, die sehr menschlich lieben, leiden und hoffen. Die Begegnung von Siegmund und Sieglinde gehört zu den eindringlichsten Liebesgeschichten der Opernliteratur, und die Wiener Besetzung verstand es, diese Mischung aus Schicksal, Leidenschaft und Verzweiflung mit großer Intensität zu gestalten.
Michael Spyres überzeugte als Siegmund mit einer bemerkenswerten Verbindung aus heldischem Glanz und lyrischer Wärme. Sein Gesang wirkte nie forciert, sondern entwickelte sich organisch aus der Figur heraus. Besonders im ersten Akt gelang es ihm, die Entwicklung vom gehetzten Fremden zum hoffnungsvoll Liebenden glaubwürdig nachzuzeichnen. Simone Schneider stand ihm als Sieglinde in nichts nach. Ihr gelang eine Darstellung, die gleichermaßen verletzlich und entschlossen wirkte. Gemeinsam bildeten beide ein Paar, dessen Schicksal das Publikum unmittelbar berührte.

Im Zentrum des Abends stand jedoch erneut Michael Volle als Wotan. Bereits im Rheingold hatte er den Göttervater als machtbewussten Herrscher mit erkennbaren Rissen gezeichnet. In der Walküre darf diese Figur nun ihre ganze Tragik entfalten. Volle zeigte keinen allmächtigen Gott, sondern einen Mann, der sich im Netz seiner eigenen Entscheidungen verfangen hat. Gerade deshalb gewann seine Darstellung enorme emotionale Kraft. Sein großer Monolog im zweiten Akt wurde nicht zur bloßen Demonstration vokaler Stärke, sondern zu einem erschütternden Selbstgespräch eines Herrschers, der erkennt, dass ihm die Kontrolle entgleitet.

Nicht minder eindrucksvoll präsentierte sich Brünnhilde. Ihre Entwicklung von der selbstbewussten Walküre zur mitfühlenden Tochter bildet das emotionale Zentrum der Oper. Die Darstellung durch Camilla Nylund verband jugendliche Energie mit glaubwürdiger innerer Reife und fügte sich nahtlos in das hohe Niveau des Ensembles ein.

Wie schon im Rheingold erwies sich Pablo Heras-Casado als entscheidender Gestalter des Abends. Sein Dirigat suchte weder die monumentale Wucht noch den Effekt um seiner selbst willen. Stattdessen legte er die zahlreichen Farben und Schichten der Partitur frei. Das Orchester der Wiener Staatsoper folgte ihm mit beeindruckender Präzision und Spielfreude. Besonders bemerkenswert war die Fähigkeit, selbst in den großen Ausbrüchen die Transparenz des Klangbildes zu bewahren. Die Musik atmete, erzählte und entwickelte sich mit einer Selbstverständlichkeit, die die langen Spannungsbögen des Werkes mühelos trug.
Die Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf mag mittlerweile zum vertrauten Inventar des Hauses gehören, und gerade ihre Zurückhaltung erwies sich erneut als Trumpf. Sie vertraut auf Wagners Drama und auf die Wirkung der Figuren. Anstatt das Werk mit aktuellen Deutungsangeboten zu überfrachten, konzentriert sie sich auf die zwischenmenschlichen Konflikte. Das wirkt vielleicht nicht spektakulär, erlaubt aber einen unmittelbaren Zugang zur Handlung und ihren emotionalen Verwerfungen.

Besonders eindrucksvoll geriet der Schluss. Wenn Wotan seine geliebte Tochter verabschiedet und schließlich den Feuerzauber entfacht, steht Wagner auf ganzer Höhe seiner Kunst. Die Wiener Aufführung fand hierfür die richtige Balance zwischen Pathos und Intimität. Das Feuer um Brünnhildes Felsen wirkte weniger wie ein göttlicher Machtausdruck als wie die letzte liebevolle Geste eines Vaters, der weiß, dass er seine Tochter verliert.
Mit dieser Walküre gelang der Wiener Staatsoper eine Aufführung, die musikalische Exzellenz mit großer emotionaler Kraft verband. Der Weg in den Untergang setzt sich fort –nach einem solchen Abend folgt man ihm mit größtem Vergnügen weiter. Die nächste Station wartet bereits: Siegfried.
Kathrin Schuhmann, 8. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Richard Wagner, Das Rheingold Wiener Staatsoper, 6. Juni 2026
Richard Wagner, Die Walküre, Pablo Heras-Casado Wiener Staatsoper, 25. Mai 2026
Richard Wagner, Die Walküre Wiener Staatsoper, 22. Juni 2025
Richard Wagner, Die Walküre Wiener Staatsoper, 22. Juni 2023