Ning Feng begeistert mit feinsinnigem Mozart

Wolfgang Amadeus Mozart Complete Violin Concertos, Ning Feng  klassik-begeistert.de, 27. Juni 2026

CD-Besprechung:

Leopold Mozart raufte sich im Herbst 1777 die Haare. Sein genialer Sohn, der mit der Geige in der Hand halb Europa in Staunen versetzt hatte, ließ das Instrument in der Fremde einfach hängen. Der besorgte Vater sah schon die mühsam aufgebauten Einnahmequellen versiegen. Wolfgang Amadeus hatte schlicht andere Dinge im Kopf – seine Träume kreisten um das Theater, um Oper und große Bühne.

Wolfgang Amadeus Mozart
Complete Violin Concertos

Ning Feng, Violine
Kammerakademie Potsdam

Channel Classics, CCS48126

von Dirk Schauß

Dass er das Handwerk des Geigenspiels trotzdem meisterhaft beherrschte, beweisen die fünf Violinkonzerte, die jetzt in einer bemerkenswerten Gesamtaufnahme beim Label Channel Classics erschienen sind. Der Geiger Ning Feng hat sich ihrer angenommen, zusammen mit der Kammerakademie Potsdam. Wer hier das übliche eitle Schaulaufen eines Star-Solisten erwartet, wird angenehm enttäuscht. Feng wählt einen ganz anderen, klugen Weg: Er sieht sich nicht als absoluter Herrscher über das Orchester, sondern als Primus inter Pares – als Erster unter Gleichen.

Die Konzerte, die überwiegend 1775 in Salzburg entstanden, gelten in der Musikwissenschaft oft als galante Übergangswerke. Der Verleger Johann Anton André brachte das Zweite sogar als „leichtes Konzert“ heraus, wohl um das Bildungsbürgertum nicht zu verschrecken. Ein fataler Irrtum. Zwar verzichten diese Stücke weitgehend auf artistische Doppelgriffe oder seiltänzerische Kunststücke in den höchsten Lagen, doch genau das macht sie tückisch. Nichts tarnt den Solisten. Jede kleinste Unsauberkeit, jede winzige Schwankung in der Intonation wird gnadenlos offenbar.

Ning Feng begegnet dieser Herausforderung mit makelloser, bestechend klarer Tongebung. Er spielt mit einem warmen, runden Klang, der nie ins Sentimentale kippt. Im ersten Konzert in B-Dur – das eigentlich schon zwei Jahre früher entstand und oft fälschlich ins Jahr 1775 gequetscht wird – dominiert ein direktes, unbändiges Musizieren und ein kompakter Orchesterklang. Das Finale bricht noch nicht ganz mit den alten barocken Mustern, aber die Frische des Vortrags fegt jeden historischen Staub beiseite.

Besonders reizvoll ist das Wechselspiel der Instrumente. Auf der ersten CD greift Feng zu einer kostbaren Nicolò Amati von 1665 und dann zu einer Francesco Rugeri von 1694. Man hört den Unterschied sofort. Der Klangcharakter verändert sich subtil, wird facettenreicher und passt sich der stilistischen Entwicklung der Konzerte wunderbar an.

Ab dem dritten Konzert in G-Dur geht es auf den Boden der Meisterwerke. Mozart, der das Stück 1777 selbst öffentlich spielte, weitet die Form dramatisch aus und integriert die Holzbläser mit einer ungeahnten Farbigkeit. Die Kammerakademie Potsdam erweist sich hier als ebenbürtiger Partner. Das Ensemble musiziert mit enormem Engagement, formt die Phrasen feinsinnig und bettet den Solisten in ein dichtes, warmes Klangbett. Es ist ein echtes, atmendes Miteinander, das die hervorragende Aufnahmetechnik wunderbar einfängt.

Man spürt in jedem Takt, dass der junge Mozart eigentlich für die Opernbühne komponierte. Die theatralischen Wendungen und die plötzlichen humorvollen Kontraste waren ihm längst in Fleisch und Blut übergegangen. Das zeigt sich besonders deutlich im fünften Konzert in A-Dur. Nach einem energischen Beginn und einem fein seufzenden Adagio bricht im finalen Menuett plötzlich das pure Theater aus. Die berühmte türkische Episode, bei der die Orchestermusiker mit dem Holz des Bogens auf die Saiten schlagen, servieren Feng und die Potsdamer mit einer herrlich rustikalen, ja schon frechen Geste. Das ist kultivierter Humor in Noten.

Feng, der heute an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin lehrt und weltweit mit den großen Orchestern spielt, verfällt nie in die Pose des unfehlbaren Künstlers. Seine Phrasierung wirkt zutiefst menschlich, atmet und lässt Raum für kleine, bewusste Pausen, die den Fluss beleben. Im vierten Konzert wechselt das Finale spielerisch zwischen anmutigem Hoftanz und derben ländlichen Rhythmen – Feng kostet diese Kontraste sichtlich aus. Die Kadenzen stammen aus seiner eigenen Feder und fügen sich organisch ein.

Diese Einspielung dokumentiert eine reife, durchdachte Auseinandersetzung mit einem Repertoire, das viel zu oft als gefällige Hintergrundmusik missverstanden wird. Ning Feng und die Potsdamer beweisen das Gegenteil: Hier ist Mozart voller Ecken, Kanten und prallem Leben.

Dirk Schauß, 27. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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