Foto: Parsifal @ Nurith-Wagner-Strauss
Wiener Festwochen
In Wien hatte man wieder die Gelegenheit, Richard Wagners „Parsifal“ zu erleben; wenn auch nur für ein paar Aufführungen. Die aus Belgien importierte Produktion ist ein szenisch totaler Flop, was schade ist, denn musikalisch ist es ein mehr als achtbares Projekt. Es blättert halt wieder mal die Indolenz und Ahnungslosigkeit der Intendanten auf, die eine solche Produktion überhaupt machbar machen!
Richard Wagner Parsifal
Bühnenweihefestspiel in drei Akten
Besetzung: Russell Thomas, Albert Dohmen, Dshamilja Kaiser, Kartal Karagedik und andere
Arnold Schoenberg Chor, Gumpoldskirchner Spatzen
ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Dirigentin: Yi-Chen Lin
Regie und Konzept: Susanne Kennedy & Markus Selg
Museumsquartier Halle E, 19. Juni 2026
von Herbert Hiess
„Weißt du, was du sahst“ – diese vorwurfsvolle Frage Gurnemanz an Parsifal hätte man eigentlich dem Publikum stellen sollen. Wahrscheinlich würde da als Antwort ein klares Nein zu hören sein.
Was sich das Regieduo Kennedy/Selg ausgedacht haben, das wissen offenbar nur die beiden selbst. Es begann mit (zugegebenermaßen auf den ersten Blick beeindruckenden) Videoinstallationen, deren ertragbarer Effekt schon nach wenigen Minuten verpuffte. Das fing damit an, dass das Vorspiel mit Videoszenen unterlegt wurde, die stark an Harry Potter erinnerten. So die Szene mit den fliegenden Raben in einer tristen Einöde. Ständig wechselten Hintergrund und Perspektiven, ohne dass man je nur eine Sekunde einen Sinn darin erkennen konnte; schon gar nicht einen, der etwas mit diesem Bühnenweihefestspiel oder dem Gral zu tun hat.
Letztendlich war es das übliche „Stehtheater“, das man sehr oft zu sehen bekommt. Da hilft es auch nicht, wenn einige „Performer und Performerinnen“ sinnbefreite Pantomimen vorzeigten. Das hatte auch nichts mit der Geschichte und mit der Handlung zu tun; diese Leute störten nur den Ablauf der Oper. In Summe war das alles total frustrierend.
Warum im zweiten und dritten Akt Parsifal (sozusagen als projizierte Lichtgestalt) wie in einer Yoga-Meditation schwebte, können wahrscheinlich nicht einmal die Regisseure selbst erklären.
Man hatte das Gefühl, dass das Duo jede Religiosität negieren und dem Publikum unbedingt ihren Atheismus unterjubeln wollte.
Übrig blieb nur eine völlig „herkömmliche“ Show.
Dass fast zufälligerweise der dritte Akt am besten gelang, verwunderte nur. Entweder absichtlich oder unabsichtlich – ab der Szene Parsifal, Gurnemanz und Kundry konnte man tatsächlich erkennen, wie Wagner die Oper konzipiert hatte. Und die Gralsenthüllung am Schluss war eine der ergreifendsten Szenen dieser Produktion. Sie war auch eine der besten selbst erlebten. Wenn nicht diese unappetitlichen und unschönen Kostüme gewesen wären, hätte man glauben können, in einer Weltklasseproduktion gewesen zu sein. Unverständlich, warum man Parsifal mit einem schmuddeligen sackartigen Überwurf (fast wie ein Spitalshemd) auf die Bühne schickte.
Und in eben dieser Gralsenthüllung wurde er in einer wunderschönen Soutane gekleidet und stieg dann langsam in den Himmel. Und wie der Vorhang schon unten war, sah man plötzlich als Projektion eine weiße Taube (Anm.: aus der Bibel der „Heilige Geist“).
Schade, dass die restliche Regie niemals diesen Eindruck erzeugen konnte.
Musikalisch war die Aufführung sehr achtbar und interessant. Das phantastische ORF-Orchester und die grandiosen Chöre wurden hervorragend von der Taiwanesin Yi-Chen Lin geleitet. Souverän führte die Dirigentin durch die drei Akte, da kann man schon das kleine „Durcheinander“ bei der Chören der Gralsritter im ersten Akt verschmerzen.
Gesanglich war der Abend erstrangig; vor allem wie gewohnt von Albert Dohmen als hervorragender und eindrucksvoller Gurnemanz und von der phantastisch präsenten und stimmlich hervorragenden Dshamilja Kaiser als Kundry. Der gebürtige Türke Kartal Karagedik als Amfortas war eine Klasse für sich. Mit einem hochgradig imposanten und einprägsamen Bariton machte er aus dieser Rolle ein gewaltiges Ereignis. Gänsehaut erzeugten seine „Erbarmen“-Schreie im ersten Akt. Und Frau Kaiser war offensichtlich kein Ton zu schwer. An ihren Auftritt wird man sich noch lange erinnern können.
So uneingeschränkt positiv war der Eindruck von Russell Thomas als Parsifal leider nicht. Der Sänger hat einen beeindruckenden Tenor und offenbar unendliche Reserven. Soll er aber Pianissimo singen, wird die Stimme plötzlich fahl und ist nicht schön anzuhören. Er versucht wahrscheinlich, die leisen Töne mit der Bruststimme anzusingen, was aber meistens nicht gelang. Dennoch störte das den (musikalischen) Gesamteindruck der Aufführung nicht.
Fazit ist, dass dies eine zwiespältige und teilweise beeindruckende Aufführung war. Fazit ist aber auch, dass offenbar die Intendanz nicht in der Lage ist, ein solches Regiedesaster von vornhinein zu vermeiden.
In einer solchen Positionen wäre auch eine Kenntnis und Verständnis für die musikalische Seite vonnöten. Milo Rau kann offenbar mit dem nicht aufwarten; warum er diese belgische Produktion eingekauft hat, sollte hinterfragt werden.
Und es scheint, dass der Wiener Opernintendant mit der musikalischen Seite der Kunstform Oper nicht viel anzufangen weiß. „Parsifal“ ist ein Werk, wo nicht sinnlos herumexperimentiert werden darf. Eine Oper soll nicht als therapeutisches Instrument verwendet werden.
Und Wagners Opern vor allem „Parsifal“ sind Gesamtkunstwerke.
Das bedeutet, dass es eine Symbiose von Wort, Musik und Bühne sein sollte. Das hat bis dato nur Herbert von Karajan in seinen Salzburger Produktionen 1980 und 1981 zusammengebracht.
„Über Geschmack lässt sich bekanntlich trefflich streiten.“ Ärgerlich ist der Umstand, dass man wieder eine Möglichkeit verstreichen ließ, um eine beeindruckende Aufführung dieses Werkes zu zeigen.
Kein Wunder, dass vielen Zuschauern angesichts solcher Interpretationen das berühmt-berüchtigte Wort „Regietheater“ über die Lippen rutscht.
Herbert Hiess, 21. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at