Mokka Hits KOB © Jan Windszus Photography
Heißer Sommer in Berlin und als großes Arrangement auf der Bühne:
Die Komische Oper überrascht mit einer ungewöhnlichen Revue
Mokka-Hits und Milchbar-Träume
Eine Revue von Axel Ranisch (Inszenierung)
und Adam Benzwi (Musikalische Leitung)
Komparserie, Chorsolisten und Orchester der Komischen Oper
Bühnenbild: Saskia Wunsch
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Choreografie: Christopher Tölle
Komische Oper Berlin im Schillertheater, 19. Juni 2026
von Ralf Krüger
Das Rätselraten um diese Produktion währte über ein Jahr. Genau genommen von der Spielplanpräsentation der Saison 2025/26 bis hin zur Premiere. Der in der DDR sozialisierte Mensch, umgangssprachlich „Ossi“ genannt, erkannte in dem Titel den Namen eines Cafés in der damaligen Mitte Ostberlins. Die „Mokka-Milch-Eisbar“ in der Karl-Marx-Allee neben dem großen Kino wurde Ende 1960er-Jahre in einem Song verewigt und erlangte so Kultstatus.
Die ersten warnenden Stimmen und Zeigefinger ließen nicht lange auf sich warten: Lasset die DDR nicht in Nostalgie wieder auferstehen! Doch wenn ich eines gelernt hatte in den zehn glorreichen Jahren der Intendanz Barrie Koskys am Haus, dann dies: An der Komischen Oper wird gern leichtes Musiktheater inszeniert – aber niemals ohne Sinn und Verstand! Und so war mir eigentlich klar, dass auf dieser Bühne keine „billige“ Schlagerrevue aufgeführt und schon gar nicht eine Verklärung der DDR stattfinden würde.
Die Uraufführung hat dann wohl alle überrascht und begeistert.
Ich besuche mit meiner Frau die 3. Vorstellung. Die Wellen der Emotionen haben sich geglättet. Auf Grund der großen Nachfrage, so liest man neben der Kasse, werden Zusatzvorstellungen angeboten. Das Stück läuft noch bis zum 6. Juli. Ich sehe junge Männer in flotten Sommeranzügen mit weißem T-Shirt unterm Sakko. Die meisten Zuschauer sind sommerlich-farbenfroh gekleidet. Die zwei Herren in kurzen Hosen stören nicht. Es ist „Heißer Sommer“ in der Stadt und auf der Bühne.

„Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ erzählen von 40 Jahren DDR in Wort und Musik. Es gibt zwar keinen roten Erzählfaden, aber die Themen gehen doch recht präzise ineinander über. Die Musik ist nie zufällig gewählt worden. Sie verbindet markante Punkte in der Historie des Landes. Axel Ranischs Regie führt dabei die ernsten und heiteren Momente zusammen und lässt auch für all die Gefühle dazwischen genug Raum. So wird doch ein zumindest gefühlter roter Faden erlebbar: Der Traum von einem Paradies der Arbeiterklasse, aus dem am Ende nichts wurde.
Von Herrn Ranisch, der auch in der DDR geboren wurde, ist im Programmheft ein Zitat abgedruckt worden: „Ich möchte die Menschen wertschätzen. Es geht nicht darum, das System wertzuschätzen, das auf keinen Fall – aber die Menschen, die darin gelebt haben.“
Und so erinnert sich auch der Autor bei dem einen oder anderen Musiktitel an Momente seiner größtenteils doch unbeschwerten Kindheit und Jugend. Und die darf dann auch schon mal etwas verklärt sein bei „Mokka-Hits und Milchbar-Träumen“! Die Berliner Mauer, dieses schreckliche Bauwerk, war sowie immer dabei, immer präsent im eigenen Leben und auch hier auf der Bühne der Komischen Oper, gleich hinter dem Orchester.

Das Opernhaus hat bei der Ausstattung der Revue viel Geld in die Hand genommen. Wer sich noch an die großen Musikshows im Fernsehen erinnert, der denkt auch an die elegante Showtreppe, die immer der Hingucker war und die mit den chic gekleideten Musikern des Orchesters eine Einheit bildete. Diese Idee hat man hier auch umgesetzt. Zusätzlich gibt es auf der linken Vorbühne noch eine kleine Combo, von der aus Adam Benzwi das gesamte musikalische Geschehen dirigiert. Sein Sound verzaubert das Haus und als einige der Schlagergrößen von damals parodistisch die Showtreppe heruntergleiten, erreicht die Stimmung einen derartigen Höhepunkt, dass man gewillt ist, seine Platznachbarin zu umarmen und zu herzen. Gemeinsame Freude ist wohltuend!
Gisa Flake und Thorsten Merten waren schon vor zwei Jahren in der Operette „Messeschlager Gisela“ (auch von Axel Ranisch und Adam Benzwi inszeniert) die Protagonisten. Thorsten Merten hat heute die Aufgabe, einige der in der DDR zensierten Kabarett-Texte vorzutragen, die das Wortgerüst der Aufführung bilden. Marie-Danaé Bansen war im Frühjahr die Eliza in „My Fair Lady“ und ist in diesem Stück die Freche und Unangepasste, die so herrlich meckern kann.

Und dann ist da noch der schönste aller Musical-Filme der DDR: „Heißer Sommer“! Entstanden Ende der Sechziger und nicht nur beliebt, weil das einstige Traumpaar Chris Doerk und Frank Schöbel die Hauptrollen spielten, sondern einzig und allein wegen seiner traumhaften Musik.

Erschaffen von Vater und Sohn Natschinski. (Gerd Natschinski hatte auch „Messeschlager Gisela“ komponiert, Thomas Natschinski das titelgebende Lied von der „Mokka-Milch Eisbar“.) Der Soundtrack vereinte Rockiges und Romantisches mit einem Sommerfeeling an der Ostsee. Dieses Glück konnten damals nur wenige genießen. Und so geht man nach diesem toll choreografierten und mit üppigen Kostümen ausgestatteten Finale mit einem Wermutstropfen in die Pause.
Bald danach fällt die Mauer und das Ende des Landes ist nah.
Ralf Krüger, 21. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Die Weiße Rose, Musical von Vera Bolten und Alex Melcher Admiralspalast Berlin, 13. Juni 2026