Verdis Otello begeistert das Lütticher Publikum

Giuseppe Verdi, Otello  Opéra Royal de Wallonie, Lüttich, 19. Juni 2026

Leva, Ganci © J. Berger ORW-Liège

Mit Verdis Otello beschließt die Oper in Lüttich ihre sehr interessante Saison 2025/2026. International bewährte Sänger unter der Leitung des Dirigenten Francesco Lanzillotta sorgen für einen musikalisch gelungenen Abend. Die Inszenierung von Allex Aguilera und seinem Team stellt ihnen einen szenischen Rahmen zur Verfügung, in dem sie sich problemlos entfalten können, ohne von absurden Regiemätzchen gestört zu werden.

Giuseppe Verdi (1813-1901),  Otello
Oper in vier Akten (Libretto von Arrigo Boito)

Musikalische Leitung:  Francesco Lanzillotta

Inszenierung:  Allex Aguilera
Bühne:  Bruno de Lavenère
Kostüme:  Françoise Raybaud

Opéra Royal de Wallonie, Lüttich, 19. Juni 2026

 von Jean-Nico Schambourg

Im Programmheft kündigt der Regisseur Allex Aguilera an in seiner Inszenierung sei Desdemona nicht ein naives unschuldiges Opfer, sondern eine Frau, die versucht auf Basis von Koexistenz sich durchzuschlagen. Allerdings zeigt das Libretto der Oper doch deutlich, dass Desdemona ein Opfer der männlichen Dominanz und Gewalt ist, gegen die sie sich nicht wehren kann. Dieser Fakt ist leider zeitlos. War zu Verdis Zeiten, wie schon zu Shakespeares Zeiten, die Frau dem Willen des Mannes ausgeliefert, so hat sich seither nicht sehr viel geändert.

Bei Allex Aguilera ist Otello nicht der tragische Held, der durch Jagos perfide Manipulationen zum Mörder seiner Ehefrau wird und somit zu Fall kommt. Das Gewaltpotenzial ist von Anfang an in ihm, vorhanden: Er ist schließlich Heerführer! Jago muss es nur mit Systematik hervor stacheln und Otello kommt wie so viele auch heutige Alpha-Männchen ins Straucheln. Der Regisseur legt die Handlung deshalb auch nicht in eine spezielle Epoche.

Ensemble © J. Berger ORW-Liège

Ebenso die Ausstattung. Das Bühnenbild von Bruno de Lavenère besteht aus einem Gerüst mit Treppen, das durch verschiedene Beleuchtungseffekte (Laurent Castaingt) mal an Balkone, mal an eine Kathedrale, mal an Theaterränge erinnert, von wo aus die Zuschauenden auf das unheilvolle Geschehen im Zentrum herabschauen. Ein Wassergraben durchquert das Zentrum der Bühne und soll die Instabilität besonders von Otellos Charakter unterstreichen. Videoprojektionen (Arnaud Pottier) von Wasser sollen dieses Element noch verstärken. Auch die Kostüme von Françoise Raybaud legen die Zeit der Handlung nicht genau fest, sind aber als “historisch” zu bezeichnen.

Mit seinen Mitarbeitern gelingt dem Regisseur eine schlüssige Darstellung der Handlung, die nicht durch absurde Regisseur-Mätzchen gestört wird und die auch nicht die Sänger vor unbequeme körperliche Herausforderungen stellt.

Der Dirigent Francesco Lanzillotta lässt das Orchester der Opéra Royale de Wallonie klanglich aufblühen. Mit viel Enthusiasmus führt er den bestens disponierten Klangkörper durch den Abend, paart knalligen Blechbläser-Sound mit schwirrend leichtem Streicherklang. Jeder dramatische Moment wird mit vollem Klang ausgefüllt, ohne dass dadurch jemals die Sänger unterdrückt werden. Diese besitzen allerdings auch die nötigen stimmlichen Ressourcen, um gegen diesen monumentalen Orchesterklang anzukommen.

Ganci, Burdenko © J. Berger ORW-Liège

Da ist zuerst Luciano Ganci zu nennen, der den Feldherren mit fester und klangvoller Tenorstimme singt. Bei seinem Rollendebüt als Otello hört man die latente Gewalt, die, wie von der Regie verlangt, von Anfang an in diesem steckt. Seine stärksten Momente hat Ganci in den Momenten der Wut und der Verzweiflung Otellos. Dass er auch in leiseren Passagen punkten kann, beweist er in der Schlussszene, wo er den Tod Otellos mit vokalen Mitteln eindrucksvoll darstellt. Meistens allerdings setzt er aufs Forte. Sein Schwurduett mit Jago wird fast zu einem regelrechten vokalen Duell mit dem Jago von Roman Burdenko.

Dieser singt den Fiesling Jago mit viel Präzision in Diktion und Ausdruck. Er ist nicht so sehr der schmierige Manipulator. In seinem Jago erkennt man den abscheulichsten Charakter der Operngeschichte: die Personifizierung des Bösen! Burdenko bringt dem Zuhörer die Perfidie und die psychische Gewalt Jagos mit beeindruckenden stimmlichen Mitteln zu Ohren.

Ein Hort der Sanftheit ist an diesem Abend die Stimme von Maria Teresa Leva als Desdemona. Ihr Ave Maria im dritten Akt, das sie mit einem wunderschönen hohen Piano-Ton krönte, bewegt das Publikum dermaßen, dass einige Sekunden verstreichen ehe der verdiente Applaus einsetzt. Aber auch in ihrem Lied von der Weide, wie auch im Liebesduett am Anfang mit Otello kann man den schönen weichen Klang ihres Soprans genießen. Im Duett mit Otello Anfang des dritten Satzes weiß sie ihrer Stimme aber auch dramatischere Töne zu entlocken.

Als Cassio zeigt Paride Cataldo eine gut geführte Tenorstimme. Auch der Roderigo von Blagoj Nacoski weiß zu überzeugen, ebenso wie bei den tiefen Stimmen Luca Dall’Amico als Lodovico und Nicolò Donini als Montano. Die belgische Sängerin Julie Bailly ist eine würdige Emilia.

Der Chor der Lütticher Oper unter der Leitung von Denis Segond rundet mit einer vokalen Spitzenleistung den Abend ab. Mit langanhaltendem Applaus drückt das Publikum seine Begeisterung für diesen gelungenen Opernabend aus.

Jean-Nico Schambourg, 21. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Gaetano Donizetti, Lucrezia Borgia Lüttich, Opéra Royal de Wallonie, 12. April 2026

 Piotr Iljitsch Tschaikowski, Pique Dame, Inszenierung Marie Lambert-Le Bihan Opéra Royal de Wallonie, Lüttich, 27. Februar 2026

Rudis Klassikwelt 9: Konrad Paul Liessmann spricht über Verdis “Otello” klassik-begeistert.de, 5. Mai 2026

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