Conchita Wurst wandelt als queerer „Frosch“ auf Charlie Chaplins Spuren

Die Fledermaus-Pride-Edition  Volksoper Wien, 24. Juni 2026

Thomas Oliemans (Dr. Falke), Timothy Fallon (Alfred), Ryta Tale (Ida), Tom Neuwirth (Frosch), Gabor Oberegger (Ivan), Chor der Volksoper Wien – © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Highlight an der Volksoper Wien. In der Neueinstudierung von Florian Hurler zeigt man in der Pride-Edition wie unterhaltsam Operette sein kann. Dabei wagt Tom Neuwirth alias „Conchita Wurst“ den Schritt vom Popstar zum Komödianten und landet als Frosch einen Volltreffer.

Die Fledermaus – Pride Edition

Ein queerer Blick auf „Die Fledermaus“ im Pride Monat

Text von Karl Haffner und Richard Genée
Pride Edition-Textfassung von Jürgen Bauer und Moritz Franz Beichl

Volksoper Wien, 24. Juni 2026

von Jürgen Pathy

An der Volksoper Wien hat man sich vor einem noch nie gescheut: andere Wege einzuschlagen als gewohnt. Mit der queeren „Fledermaus“ hat Intendantin Lotte de Beer den Jackpot abgeschossen. Conchita Wurst, eigentlich will sie nur mehr beim bürgerlichen Namen genannt werden: Tom Neuwirth, für alle, die es nicht wissen. Österreichs ESC-Sieger aus dem Jahr 2014 hat die Kunstfigur abgestrichen und sucht im Schauspiel seinen Weg. Dass er, also Tom Neuwirth, das Publikum um den Finger wickeln kann, hat er als Frosch bewiesen. Bereits beim ersten Auftritt tobte die ausverkaufte Bude. Auftrittsapplaus für den geheimen Hauptdarsteller von Strauß‘ Operette „Die Fledermaus“.

Conchita als queerer Chaplin-Frosch

Der Gefängniswärter Frosch ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt des letzten Akts. Nachdem Dr. Falke und Eisenstein sich auf Prinz Orlofskys Maskenball amüsiert haben, landen alle zum Ende im Gefängnis. Grundsätzlich gibt Komponist Johann Strauß nicht an, weshalb. „Eine G’schicht mit einem Polizisten auf der Toilette“ habe er halt gehabt, erfährt man gleich zu Beginn.

Damit ist die Gangart dieser Produktion nicht erst ab jetzt klar. Was sonst sollte man in der Pride-Edition mit Conchita Wurst erwarten als Liebe, wie immer sie gelebt wird, und viele Freiheiten? „Hier kannst du sein, wer du willst“, wird zur Message des Abends, die Prinz Orlofsky verkündet. Die Erwartungen von der künstlerischen Seite hingegen werden weitaus übertroffen.

© Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Conchita hat sich Charlie Chaplin ganz klar zum Vorbild genommen. Viel zu große Uniform, braune hohe Lederschuhe, Watschelgang – und den Schmäh, den hat sie wirklich drauf. Oder er, Tom Neuwirth halt – die Conchita wird er so schnell nicht los. An Schmäh mit dem Publikum reißen, das bekomme er schon hin. Hatte Tom Neuwirth im Vorfeld angekündigt. In diesem Punkt sei der Frosch eine dankbare Rolle. Und wie sie das hinbekommen hat.

Zum Ende tobt das Haus, nachdem sie als Zugabe noch „I Am What I Am“ durchs Mikro trällert. Die Gefahr, dass der ganze letzte Akt nur zu einer „Frosch“-Show mutiert, hat man an der Volksoper jedoch abgewehrt. Ganz im Gegensatz zur „Niavarani-Show“ vor wenigen Monaten an der Wiener Staatsoper. Damit hat man an der Volksoper Wien eine Balance geschaffen, die allen den Raum gibt, um im Mittelpunkt zu stehen.

Zwei Alleskönner der Volksoper: Daniel Schmutzhard und Johanna Arrouas

Daniel Schmutzhard gibt als bisexueller Gabriel von Eisenstein eine weitere Probe seines Könnens ab. Er ist halt nicht nur Anette Daschs Ehemann, sondern ein Bariton, der alles beherrscht. Tanzen, Singen und Schauspiel. Das ist es nämlich, was man an der Volksoper Wien sein muss: ein Allrounder – sonst gibt es kein Engagement.

Foto: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Johanna Arrouas kann das auch alles und setzt als Rosalinde beinahe Maßstäbe. Offiziell wird sie „im Internet“ als „Schauspielerin“ geführt. Dass die gebürtige Wienerin somit derart geschmeidig durch alle Stimmregister gleitet, ist eine positive Überraschung. Selbst die leisen Gesangstellen schweben energetisch rund dahin. Jaye Simmons ist als schwarzes Stubenmädchen Adele eine Rakete, die über die Bühne quirlt und selbst im Forte noch sicher den Gesang beherrscht.

Thomas Oliemans als Dr. Falke glänzt mit einer Deklamation, die beinahe ans Burgtheater erinnert. Für eine „Riesenüberraschung“ sorgt Drag-Queen Ryta Tale. Sie oder er, wie tituliert man einen Mann, der im weißen Ballkleid eine Königin sein will eigentlich? Ist ja wurscht, gefühlt ist sie zwei Meter groß und schiebt als Rosalindes Schwester mit viel Selbstironie eine Wuchtl nach der anderen.

Das bestätigt nochmals die Message dieses Abends: Seids, wer ihr wollt, und nehmt es mit Humor – das geht in Zeiten wie diesen wie Butter runter. Ebenso wie die Walzerklänge aus dem Graben der Volksoper Wien. Dort hat Dirigent Tobias Wögerer alle Fäden in der Hand und begleitet das queere Spektakel mit feinen Klängen, als wähnte man sich im Haus am Ring. Rundum also ein spektakulärer Abend, den man so schnell nicht vergessen wird.

Jürgen Pathy, 26. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Arthur Sullivan und W. S. Gilbert, Die Piraten von Penzance Volksoper Wien, 27. März 2026

„KaiserRequiem“ Volksoper Wien, 25. Januar 2025

Johann Strauss, Die Fledermaus Wiener Staatsoper, 6. Januar 2026

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