La bohème © Richard Hubert Smith
In „The Grange“, einem der berühmtesten neoklassischen Landhäuser Englands, erbaut 1665, eingebettet in eine atemberaubend schöne Landschaft werden seit 1998 hervorragende Opern inszeniert, seit 2002 im zum Theater umgebauten Gewächshaus, „Orangery“. Dieses Jahr sind es vier Opern, Giulio Cesare, La Clemenza di Tito, Onegin und La bohème. Puccinis bewegende Oper im Pariser Künstlermilieu bescherte uns einen Genuss, und tränenreichen Abend.
Giacomo Puccini, La bohème
Dirigent: Richard Farnes
Regie: David Geselson
Bühne: Lisa Navarr
Video: Jeremie Scheidler
Bournemouth Symphony Orchestra
The Grange Festival Chorus
The Grange Festival, 28. Juni 2026
von Dr. Charles E. Ritterband
Jeden Sommer hat der Opern-Liebhaber die süße (aber auch ziemlich kostspielige) Qual der Wahl zwischen den führenden Opern Festivals in historischen Landhäusern – an deren Spitze unbestreitbar Glyndebourne und Garsington stehen.
Zum Ritual gehört die formelle Kleidung (Black Tie, also Smoking oder Dinner Jackett und die Damen im Abendkleid) und vor allem das mitgebrachte Picknick auf der im Rasen, unter den desinteressierten Blicken weidender Schafe oder Kühe ausgebreiteten Decke oder auch aufwendig inszenierten Tischchen mit Kristall, Porzellan und Kerzenleuchtern.
Das ist nicht anders im denkmalgeschützten Grange in der Grafschaft Hampshire, sieben Meilen von Winchester entfernt. Was hier anders ist: der Landsitz befindet sich nach wie vor im Eigentum einer aristokratischen Familie (Lord Ashburton).
Vor allem aber wurde hier, lange vor den Opern-Aufführungen, Geschichte geschrieben, als hier am 24. März 1944 Churchill und Eisenhower trafen um das militärische Vorgehen gegen Nazideutschland zu planen …
Wir hatten friedlichere Absichten als wir uns La bohème anschauten: eine zwangsläufig sparsame aber wirkungsvolle Inszenierung.

Der Regisseur David Geselson bettete die Handlung in den historischen Kontext ein: das Frankreich des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe. Projizierte (und teils nicht gut lesbare) Texte vermittelten den historischen Kontext, Gemälde von Delacroix, Turner und Goya die Atmosphäre. Was aber war Sinn und Zweck der riesigen Blech-Lampe, die überaus irritierend und völlig überflüssig über dem Kopf der Mimì hing wie ein Weltraum-Teleskop und das dann ein scharfes, blendendes Licht ins Publikum warf?
Puccini hätte sich mehr als gewundert über diesen überflüssigen Regie-Gag, mehr noch: er hätte sich über dieses störende Objekt, das da auf die Bühne herunterhing, gehörig geärgert. Ganz ähnlich die kitschige Stehlampe am linken Bühnenrand. Irritierend auch sie.
Gut konzipiert war der Wandel von den obligaten Atelier-Scheiben in der ersten Szene zu den großen Fensterscheiben des Restaurant Momus in der zweiten Szene. Überzeugend auch der lebendige Weihnachtsmarkt mit den entzückenden, ausgezeichnet singenden Kindern.

Die Mimì der Isabela Díaz glänzte mit ihrer tragenden, harmonischen Stimmkraft; die temperamentvolle Musetta der Rhian Lois überzeugte als Mezzosopranistin mit präzisen Koloraturen und einem subtilen Einfühlungsvermögen in die Tragik der todgeweihten Mimì. Ihr Liebhaber Marcello, gesungen von Patrick Dow, präsentierte sich als kraftvoller und doch präzise kontrollierter Bariton. Star des Abends der Tenor Luke Norvell mit wunderschön strömendem tenoralem Schmelz und mitfühlender Emotionalität voll stimmlicher Wärme.
Das Bournemouth Symphony Orchestra unter der souveränen Stabführung von Richard Farnes gab diesen Puccini sehr italienisch und keineswegs mit englischer Zurückhaltung mit ungebremster Leidenschaft, Kraft und doch Präzision.

Trotz der erwähnten szenischen Mängel ein genussreicher, emotional bewegender Abend in diesem historischen Landhaus mit seiner liebevoll gepflegten Patina kaputter Wände, rätselhaften Fresken-Fragmenten und längst nicht mehr begehbaren Eichenholz-Treppen. Begeisterter Applaus.
Dr. Charles E. Ritterband, 29. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Besetzung:
Mimì: Isabela Díaz
Rodolfo: Luke Norvell
Musetta: Rhian Lois
Marcello: Patrick Dow
Charles E. Ritterband, 30. Mai – 27. Juni 2026, für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Igor Stravinsky, The Rake’s Progress The Grange Festival, 23. Juni 2024
Arthur Sullivan & WS Gilbert, “The Yeomen of the Guard” The Grange Festival, 30. Juni 2022
Georg Friedrich Händel, “Tamerlano“ The Grange Festival, 18. Juni 2022