Foto: Dominik Beykirch und Orchester Photo Andreas Ströbl
9. Symphoniekonzert
Gegen die aktuelle Gluthitze helfen kühle Getränke, ein schattiges Plätzchen – und zum inneren Abkühlen eine Musik, die mit ihrer Frische die Seele durchpustet wie der Nordwind an einer skandinavischen Küste, mit weitem Blick in die Wolken und dichten, dunklen Wäldern im Rücken. So etwas konnte man am 28. Juni 2026 beim 9. Symphoniekonzert in der Lübecker Musik- und Kongresshalle (MuK) erleben.
Elfrida Andrée, Ouvertüre zur Oper „Fritiofs Saga“
Launy Grøndahl, Konzert für Posaune und Orchester
Jean Sibelius, Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 43
Stephan Gerblinger, Posaune
Dominik Beykirch, Dirigent
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck
Lübeck, Musik- und Kongresshalle, 28. Juni 2026
von Dr. Andreas Ströbl
Eine Wikingerin an der Orgel
Die schwedische Komponistin Elfrida Andrée war nicht nur die erste Organistin des Landes, sondern auch dessen erste Telegraphistin, die ihren Geschlechtsgenossinnen den Zugang zu diesem Beruf erst ermöglichte. Telegraphistinnen wurden speziell ausgebildet, weil Frauen mit ihrem Sprachverständnis weniger Fehler als Männer machen. Und so nimmt es nicht wunder, dass diese Komponistin aus einem Land, in dem auch Wikingerinnen in den Kampf zogen und eine Ohrfeige des Ehegatten in der Saga-Zeit zur sofortigen Scheidung führen konnte, eine Musik schuf, die selbstbewusst und strahlend daherkommt.
Die Ouvertüre zur 1895 entstandenen Oper „Fritiofs Saga“, in der es um Liebe, Kampf und Selbsterkenntnis geht, klingt von Beginn an festlich und prachtvoll. Es sind optimistische, hell-leuchtende Klänge, deren Ausflüge in melancholischere Gefilde bald wieder abgelöst werden durch ein Sich-Erheben, in umarmender Aufnahme des sonnigen Eingangsmotivs.
Gastdirigent Dominik Beykirch und das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck bilden ein harmonisches Miteinander; das engagierte und bewegliche, aber nie exaltierte Dirigat Beykirchs entlockt dem Blech einen vollen, leuchtenden Klang, die Flöten schaffen eine luftige Leichtigkeit, während die hohen Streicher breit schwelgen. Celli und Holzbläser sorgen für behagliche, heimelige Momente, der Erste Geiger Carlos Johnson lässt sein Instrument anmutig seufzen. Schade, dass das Stück nur knapp 10 Minuten lang ist. Eine echte Entdeckung!

Von Schweden frisch nach Dänemark
Auch Launy Grøndahls dreisätziges Konzert für Posaune und Orchester von 1924 ist ein Stück, bei dem man sich fragt, weshalb es, außer auf Posaunen-Wettbewerben, so selten aufgeführt wird. Man hat den Eindruck, dass Stephan Gerblingers goldglänzende Posaune etwas von ihrem Strahlen in den Saal abgibt, mit ihrem satten, prallen, aber durchweg warmen Klang. Laut spielen kann jeder, Gerblinger beherrscht mit meisterhafter Souveränität aber auch die sanften Töne und spielt dynamisch eindrucksvoll differenziert. Feine Synkopen geben dem Ersten Satz etwas Leichtes, eine phantastische Chromatik scheint sogar mit orientalisierenden Anleihen zu spielen. Der Solist selbst denkt zuallererst an Fjorde und Berge, aber man hat auch irgendwie die Verbindung Peer Gynt – Morgenland im Hinterkopf.

Das filmmusikalische Element, das Gerblinger mit dem Kopfsatz verbindet, tritt ganz gewiss auch im zweiten Satz zutage. Nordisch-schwermütig und etwas behäbig ist der Beginn, aber dann setzt ein fast choralartiger Duktus ein; retardierende, zarte, wasserwellenartige Läufe des Klaviers von Almog Aharoni wirken wie ein feiner Gegenpol zur Posaune. Dieser Satz hätte auch im Süden der USA entstanden sein können; Florence Price hätte er sicher gefallen.

Der beschließende Satz hat gleich am Anfang etwas entschieden Starkes, Festliches; die Streicher formen einen Marschrhythmus, wiederum geht die Posaune zuerst eigene Wege, aber schließlich findet man zusammen, und aus reizvollen Kontrasten entsteht ein fast an de Falla erinnerndes Crescendo. Die Posaune greift nun das Thema auf und aus reizvollem Moll-Dur-Wechsel erwächst ein mitreißendes Zusammenspiel.
Die Lübecker applaudieren begeistert, und dementsprechend gibt Gerblinger gerne eine Zugabe zum Besten; er schafft mit seinem Fuß einen deutlichen, laut hörbaren Takt, und so schenkt er dem Publikum die selten gehörte „Elegy for Mippy“ von Leonard Bernstein.
Kayako Bruckmann von den Ersten Violinen entgegnet im Pausengespräch auf die Feststellung der Seelenerfrischung bereits dieses ersten Konzertteils, dass dies auch für das physische Spielen dieser Musik gelte. Das ganze Orchester atmet diesen Schwung, was sich sofort auf das Publikum überträgt.
Finnischer Patriotismus gegen den russischen Bären
Jean Sibelius´ zweite Symphonie darf als verschwörerisches Fanal bei heimlichen Demonstrationen finnischer Freiheitskämpfer gegen die russischen Besatzer verstanden werden. Schon die „Finlandia“ wurde aus berechtigter Furcht vor den zaristischen Zensoren seinerzeit „Impromptu“ genannt, und im Opus 43 kristallisieren sich Heimatliebe und Stolz, wohl auch unter dem Deckmantel großartiger Naturbilder. Als „den herzblutigsten Protest gegen alle Ungerechtigkeiten, die uns gegenwärtig bedrohen“ und zugleich als „selbstbewusste Ausblicke auf die Zukunft“ empfand der Dirigent Robert Kajanus diese Symphonie. Dass Sibelius diese Deutung nicht bestätigte, nimmt der Musik nichts von ihrer Wirkung und tatsächlich patriotischer Verwendung in ihrem mutmachendem Habitus.
Beykirch beleuchtet in seinem Dirigat auch die zurückhaltenden Aspekte der Symphonie und nimmt sich für die entsprechenden Partien Zeit, wenngleich sein Tempo zügig, aber nicht zu forsch ist. Der pastorale Ernst des Kopfsatzes, der sich in die Dramatik entwickelt, dringt klar heraus, ebenso wie die düstere Schwere des zweiten Satzes, der etwas Suchendes, wohl auch Leidendes hat. Den geheimnisvollen Pizzicati der Celli und Bässe geben die melancholischen Fagotte ein seelenvolles Geleit. Umso strahlender erhebt sich die Trompete, und im dritten Satz entstehen, trotz der wirbelnden Bewegungen, auch lyrische Momente. Der vierte Satz mit seiner spannungsreichen Steigerung hat etwas Hymnisches, verlässt aber nie die Sibelius-typische Erdschwere. Der Trotz duftet hier nach Kiefernwäldern, und das choralartige Finale scheint auszurufen: „Uns kriegt ihr nicht klein!“
Ein phantastisches, bejubeltes Konzert, das am 29. Juni um 19.30 Uhr am selben Ort wiederholt wird.
Dr. Andreas Ströbl, 29. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Sommereggers Klassikwelt 105: Jean Sibelius‘ bewegtes Leben, klassik-begeistert.de
Jan Lisiecki, Rotterdams Philharmonisch Orkest, Lahav Shani Kölner Philharmonie, 7. Juni 2026
Blu-ray Rezension: Carl Nielsen, Maskarade klassik-begeistert.de, 12. April 2024