Foto: Emmanuel Rossfelder (c) „T2P Arnauld Vincent“
Dieser Bericht erzählt von den Fontane di Roma: Von vier römischen Brunnen, die in Noten verewigt wurden und seitdem den Konzertbesuchern tröpfchenweise Frisches in die Gehörgänge sprühen. Doch der französische Gitarrist entführt uns mit seinem Spiel alsbald in einen flirrend heißen Sommertag nach Aranjuez.
In der alten spanischen Königsresidenz erleben wir das berühmte Concierto für Gitarre und Orchester, das wiederum nach Abkühlung verlangt.
63. Choriner Musiksommer im Kloster Chorin / Brandenburg
vom 20. Juni bis 30. August 2026
Europa-Konzert 2026:
Orchester der Komischen Oper Berlin
Emmanuel Rossfelder – Gitarre
Markus Huber – Dirigent
Ottorino Respighi: Fontane di Roma
Joaquín Rodrigo: Concierto de Aranjuez für Gitarre und Orchester
Georges Bizet: Symphonie C-Dur
Kloster Chorin, 4. Juli 2026
von Ralf Krüger
Jener Teenager, der mit 17 seine Symphonie C-Dur komponierte, sorgt zumindest für eine entspannte und relaxte Grundstimmung im Konzert. Doch seine so populären Takte im 4. Satz lassen von einem Sommer träumen, den es wahrscheinlich nur noch in unserer Erinnerung gibt.
Genießen wir daher die Sommerfrische in Chorin bei 21 Grad!
In den gut erhaltenen Ruinen des Zisterzienserklosters erklingt seit über sechs Jahrzehnten professionell kuratierte Musik, sommers zu Kaffee, Kuchen und Bratwurst.
Kann das funktionieren? Die Gitarre als Soloinstrument trifft auf das stattliche Orchester eines Berliner Opernhauses – ist sie da noch zu hören? Kann es funktionieren, wenn das Konzert in einem riesigen Kirchenschiff stattfindet, das eigentlich eine Ruine und rechts komplett offen ist? Kann man das Zupfen der Gitarrensaiten, ihren verträumten Klang, das Spiel seines Interpreten genießen, wenn draußen die alten Bäume und die Vogelwelt raunen, ihr naturgegebenes Konzert veranstalten?
Emmanuel Rossfelder an der Gitarre und das Orchester der Komischen Oper Berlin unter der Leitung von Markus Huber haben es geschafft, das Publikum in ihren Bann zu ziehen: Mit einem Konzert des Spaniers Joaquín Rodrigo, das im Iahre 1940 uraufgeführt wurde und in der Klassikwelt längst den Stempel „populär“ aufgedrückt bekam.
Meine Frau fühlte sich beim Zuhören in einen Patio versetzt, in einen der typisch spanischen Innenhöfe mit seiner mediterranen, Schatten spendenden Pflanzenwelt. Ich hatte den Eindruck, dass dieses dominante, ja fast elegische Thema im 2. Satz vom Orchester etwas zurückhaltender gespielt wurde als in bekannten CD-Einspielungen. Damit erhielt die Gitarre hier den ihr gebührenden Vortritt. Auch hatte ich das Empfinden, dass sich die Musikerinnen und Musiker mit dem Concierto, das in Erinnerung an die Gärten von Aranjuez entstand, „Zeit ließen“, um jede Note, jede musikalische Nuance voll auszukosten.

Und der begeisterte Hörer spürte, dass nur durch einen harmonischen Dialog zwischen der Gitarre und dem Orchester dieses abwechslungsreiche Werk formvollendet aufgeführt werden konnte. So war ein wenig Traurigkeit in mir, als nach dem festlich gehaltenen dritten Satz der Sound eines Sommers im Spiel der Gitarre zu Ende ging. Derjenige, der ihn zelebrierte, wurde gefeiert.
Emmanuel Rossfelder, der gut 50-jährige französische Gitarrist, gab drei Zugaben und verkaufte während der Pause als der am Elegantesten gekleidete Herr auf dem Choriner Klostergelände CDs mit persönlicher Widmung an seine, meist zu den reiferen Jahrgängen zählenden weiblichen Fans.
Die „Römische Trilogie“ von Ottorino Respighi ist eine Sinfonische Dichtung, bei der von vier Brunnen, vier Pinien-Orten und von vier Volks-Festen in der Ewigen Stadt musikalisch erzählt wird. Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker hatten sich schon beim schwül-heißen Saisonabschluss in der Berliner Waldbühne der Brunnen- und Pinien-Themen angenommen. Das Orchester der Komischen Oper Berlin startete das Europa-Konzert in Chorin mit den Fontane di Roma.
Was soll man sagen: Vier Brunnen plätschern zu vier verschiedenen Tageszeiten mit dem Geschehen an ihren Becken-Rändern oder Örtlichkeiten um die Wette. Und als ob es Senor Respighi in den Jahren 1916/17 schon geahnt hätte, hat er dem Trevi-Brunnen, dem heutigen Touristen-Hotspot, die größte Geräuschkulisse zugedacht.
Es erfordert ein wenig Aufmerksamkeit, durch genaues Hinhören bei den Stimmungen und Tempi den musikalischen Wechsel zwischen den einzelnen Fontänen zu erkennen. Das Geplätscher (durch leichten Glocken- oder Harfenklang simuliert?) bleibt erfrischend bis zur abendlichen Stimmung am Brunnen der Villa Medici erkennbar.
„Es ist ein erstaunlich umfangreiches und reifes Werk, was der Siebzehnjährige vorlegt, ein etwas mehr als halbstündiges Werk in vier Sätzen, innerhalb nur weniger Wochen im Herbst 1855 entstanden. An die Öffentlichkeit gelangte es erst acht Jahrzehnte später…“
Das schreibt Detlef Giese im Programmheft über die Symphony in C-Dur von George Bizet, die den Abschluss des Choriner Konzertes bildete.
Vor allem der 4. Satz mit seinem galoppähnlichen Motiv, das immer wieder einsetzt, mit all seiner Leichtigkeit und Lebensfreude kann einen begeistern und zum Mitwippen animieren.
Ich finde, dass diese Sinfonie wie geschaffen ist für die Einfachheit des alten Klostergeländes, wo sich viele Besucher auch diesmal mit Decken und Campinghockern ihre eigene Bestuhlung schufen. Einige Gäste im großen Kirchenschiff, mit Blickkontakt zum Orchester, klatschten zwischen den Sätzen. Sie, die wahrscheinlich selten einen klassischen Konzertsaal besuchen, erfreuten sich an den unterhaltsamen Klängen Bizets, die man ohne Vorkenntnisse der Werke Beethovens oder Brahms so einfach genießen konnte.
Keine der gängigen Konzert-Benimmregeln kam hier draußen zur Anwendung. Trotzdem klingelte kein Handy, niemand kam zu spät und selbst die Anzahl der Husten-Patienten hielt sich Grenzen.
So lautet meine Bilanz:
Kompositionen aus drei europäischen Ländern, gespielt von einem Berliner Opern-Orchester, mit einem französischen Gitarristen als Gast, trafen auf ungezählte Gäste von wer-weiß-woher, ganz friedlich in der Weite Brandenburgs, um Musik zu erleben.
Mehr brauchte es nicht!
Ralf Krüger, 6. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Informationen und Tickets zu den weiteren Konzerten des 63. Choriner Musiksommers findet man auf nachfolgender Website:
Rising Stars 42: Raphaël Feuillâtre, Gitarre klassik-begeistert.de, 26. April 2023